John Abraham Godson wird von Kollegen im polnischen Parlament Sejm begrüßt. Foto: dpa

Joohn Abraham Godson ist gebürtiger Nigerianer und macht Karriere in der polnischen Politik.

Warschau - Das polnische Wort "Murzyn" bedeutet so viel wie Mohr oder Neger. Der Begriff ist weniger diskriminierend als seine deutschen Entsprechungen, gilt aber als abwertend. John Abraham Godson geht das Wort dennoch locker über die Lippen. Er sagt: "In keiner Partei habe ich einen Kollegen getroffen, der ein Problem damit hat, dass ich als Neger Abgeordneter bin." Godson ist der einzige schwarze Politiker im Sejm, dem polnischen Parlament.

Vor einem Dreivierteljahr kam er als Nachrücker der liberalen Bürgerplattform PO von Premierminister Donald Tusk nach Warschau. Nun kandidiert er bei den Sejm-Wahlen Anfang Oktober für eine komplette Legislaturperiode. Und der gebürtige Nigerianer aus der zentralpolnischen Industriestadt Lodz ist sich sicher: "Der Murzyn wird gewählt." Mit politischen Korrektheiten hält sich Godson nicht lange auf. Für den 40-Jährigen ist es eine kaum weiter erwähnenswerte Tatsache, dass er schwarz ist, eben ein Murzyn, ein Mohr oder Neger. Für seine polnischen Landsleute ist das weniger selbstverständlich. Gerade einmal 36000 Ausländer leben offiziell und legal zwischen Oder und Bug - weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung. Ein Schwarzer im Parlament kommt deshalb einer Sensation gleich. "Für viele Menschen war es schwer fassbar, als die Nachricht vom Murzyn im Parlament die Runde gemacht hat", erinnert sich Godson. Umso verblüffender ist es, mit welcher Gelassenheit und Unbefangenheit er sich in seiner schwarzen Haut wohlfühlt. "Ich liebe das Leben", sagt er und fügt hinzu: "Pessimismus führt zu nichts." Im Westen würde man Godson wohl neudeutsch als Mutbürger bezeichnen.

Möglicherweise ist es sein tiefes Gottvertrauen, das den kräftig gebauten vierfachen Familienvater wie einen Fels in der Brandung wirken lässt. Zwei Stunden täglich verbringt er im Gebet. Bei seiner Vereidigung im Sejm verzichtete er auf die Formel "So wahr mir Gott helfe". Er brauche das nicht zu beschwören, sagt Godson - "ich bin mir der Hilfe Gottes sicher". Die Worte passen zu einem Mann, der 1993 als Missionar der Pfingstbewegung nach Polen kam. "Als protestantischer Missionar im katholischen Polen", wiederholt Godson lachend und fragt rhetorisch: "Ist das nicht wunderbar?" Kurz darauf lernte Godson in Stettin seine spätere Frau Aneta kennen. Er blieb - aus Liebe, aber auch weil er Polen mit seinen ausgedehnten Wäldern und Seen, dem Meer im Norden und den Karpaten im Süden für "das schönste Land auf der Welt" hält. Und vor allem: "Die Menschen sind unglaublich sympathisch."

Godson geht unbehelligt seinen Weg

Fremdenfeindlichkeit hält Godson in Polen für eine Randerscheinung. "Nur einmal, in den 90er Jahren, haben mich Unbekannte wegen meiner Hautfarbe tätlich angegriffen", erzählt er und spricht lieber von mangelnder kultureller Kompetenz als von Rassismus. "Mein Einzug in den Sejm belegt, dass Polen ein weltoffenes Land ist." Manche Fakten sprechen eine andere Sprache. Ein Dreivierteljahr vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen sorgt vor allem die für ihre rassistischen Ausfälle berüchtigte Hooligan-Szene im Land für Negativschlagzeilen. Schwarze Spieler werden regelmäßig zu Objekten von Hassgesängen.

Im Stadion von Rzeszow enthüllten Fans vergangenes Jahr ungehindert ein riesiges antisemitisches Hetzplakat mit der verunstalteten Karikatur eines Juden darauf und der Aufschrift "Tod den Krummnasen". Und erst vor zwei Wochen schändeten Unbekannte ein Mahnmal im nordostpolnischen Jedwabne, das an ein von Polen verübtes Massaker an Juden im Jahr 1941 erinnert. Godson weigert sich, darin ein verbreitetes Problem der polnischen Transformationsgesellschaft zu sehen. "Das ist die Ignoranz Einzelner. Wir reden hier meist von Leuten, die noch nie einen Juden oder einen Murzyn getroffen haben", sagt er.

Godson selbst ging in Polen unbehelligt und unbeirrt seinen Weg. Er unterrichtete an den Universitäten Stettin, Posen und Lodz Agrarwissenschaften, gründete eine Fremdsprachenschule, arbeitete nebenher als evangelischer Pastor und engagierte sich in der Kommunalpolitik. "Was ich mache, das tue ich aus Leidenschaft", sagt Godson, der täglich um 4.30 Uhr morgens aus den Federn schnellt. Weil ihm die Zeit fehlt und er keine halben Sachen mag, hat Godson den Priesterornat mittlerweile an den Nagel gehängt. So bleibt etwas mehr Zeit für die Söhne Daniel (6) und Isaak (9) und die älteren Töchter Deborah (14) und Sharon (16). Die Familienpolitik sowie die Rechte von Frauen und alten Menschen sind nicht von ungefähr die Schwerpunktthemen seiner Arbeit im Sejm. "Politik hat nur einen Sinn, wenn sie die Lösung konkreter Probleme gewöhnlicher Menschen im Blick hat", erklärt er.

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