Enttäuschung bei den deutschen Profis nach dem 1:6 gegen die USA im WM-Siel um Platz drei – Leo Pföderl und Markus Eisenschmid (re.) nach der Schlusssirene in Riga. Foto: imago/ActionPictures

Die Eishockey-Nationalmmanschaft belegt bei der WM Platz vier, dabei ist das 1:6 zum Abschluss gegen die USA nur ein Schönheitsfehler. Bundestrainer Toni Söderholm und der Verband haben vieles richtig gemacht.

Stuttgart - Diese Mannschaft hat einen sehr, sehr großen Teil meines Herzens gewonnen.“ Das sagte Toni Söderholm nach dem unglücklichen 1:2 im WM-Halbfinale gegen Finnland. Die Worte des Bundestrainers gelten weiter, auch wenn die Mannschaft im Spiel um Platz drei am Sonntag von den USA mit 6:1 (1:0, 4:0, 1:1) vom Eis gefegt wurde. Nur Dominik Bittner traf für Deutschland. Es war ein nicht standesgemäßer Abschied aus Riga, nach einer bemerkenswerten WM, doch der Kopf war leer nach dem verlorenen Halbfinale und die Muskeln müde. „Es ist schwer, Worte zu finden“, sagte Verteidiger Korbinian Holzer emotional mitgenommen, „wir haben so hart gearbeitet, so viel geopfert – es tut brutal weh. Wir waren so nah dran, ins Finale einzuziehen.“ Bundestrainer Söderholm meinte: „Ich bin stolz auf das Team, es war eine unglaubliche WM – und mir eine Ehre.“ Die Gründe für den Aufwärtstrend seit den Winterspielen 2018.

 

Das Löwenherz Die Cracks mit dem Bundesadler waren eine echte Einheit, das erkannten auch TV-Zuschauer, die sehen, wie jeder für jeden kämpfte, wie sich die Spieler in die Schüsse warfen. Nicht nur Ex-Nationalspieler Patrick Reimer postete auf Instagram seine höchste Anerkennung für die „verschworene Gemeinschaft“. Den Grundstein legte Kapitän Moritz Müller, mit 168 Länderspielen der Erfahrenste und emotionaler Führungsspieler. Der Kölner stand bei Olympiasilber auf dem Eis und wusste, wie man ein Team zusammenschweißt – es ist dem 34-Jährigen gelungen, den Geist von Korea in Lettland neu zu beleben. „Schüsse blocken tut ziemlich weh – aber gestern hat keiner was gespürt“, sagte Holzer nach dem Gruppensieg über Kanada, der mit seiner kraftstrotzenden Präsenz ein Vorbild war. „Die Verteidigung hat solide gespielt, auch wenn es hektisch wurde“, sagte Ex-Nationalspieler Marcel Goc, „der Mix zwischen Offensive und Defensive hat gepasst.“

Die Mischung Der beste deutsche Profi fehlte, Leon Draisaitl sagte für die WM ab. Doch mittlerweile ist das Team nicht von der Genialität von einem oder zwei Topstars abhängig. „Wir sind von den Typen her vielfältiger geworden. Die Spieler sind technisch besser ausgebildet. Wir haben mehr Breite im Kader“, erklärte Söderholm. Nicht nur mental, auch taktisch passte alles. Der Bundestrainer fand die richtige Mischung aus Jugend und Routine, aus Angriffslust und Abgezocktheit. Moritz Müller (34), Holzer (33), Tobias Rieder (28) und Marcel Noebels (29) gingen voran, die Youngster John Peterka (19), Moritz Seider (20), Leon Gawanke (22) und Lukas Reichel (19) folgten nicht nur, sie setzten selbst Akzente. Mit der Gewissheit, dass das System passt, stieg das Selbstvertrauen – und mancher wuchs über sich hinaus. „Noebels Penalty gegen die Schweiz zeugt von diesem Selbstvertrauen“, betonte Goc, der im Trainerteam von Adler Mannheim arbeitet, „jeder knüpft an seine Leistung an, die er abrufen kann – und das Spiel für Spiel.“

Lesen Sie hier: So lief das Spiel um Platz drei

Das Mentalitätsmonster Als Söderholm im Januar 2019 zum Nachfolger von Silberschmied Marco Sturm ernannt worden war, wunderten sich viele, weil der davor als Trainer lediglich den SC Riessersee in DEL 2 und Oberliga betreut hatte. Der Finne erwies sich als guter Griff, der 43-Jährige bewies ein gutes Händchen mit seiner Auswahl. Söderholm ging selbstbewusst voran, er vermittelte der Öffentlichkeit bei den Auftritten, dass Siege gegen Topnationen nicht mehr die Ausnahme, sondern bald zum „neuen Normal“ werden sollen. „Wir haben Trainer, die uns das Gefühl geben, dass wir mitspielen können“, sagte Moritz Müller, „das war mental wichtig für uns.“ Söderholms Vertrag läuft bis 2022, bald soll über die vorzeitige Verlängerung gesprochen werden.

Lesen Sie hier: So wurde Torhüter Mathias Niederberger zum WM-Helden

Das Konzept Seit Franz Reindl das Zepter beim Deutschen Eishockey-Bund übernommen hat, tut sich was im Positiven, nachdem der Verband lange finanziell klamm und es ihm nicht richtig gelungen war, Platz vier bei der WM 2010 in einen Trend umzuleiten. Der Ex-Nationalspieler aus Garmisch brachte 2015 das Fünf-Sterne-Programm auf den Weg, das die Nachwuchsförderung erneuerte und die Kooperation mit den Clubs professionalisierte – seitdem ist das Niveau der Talente gestiegen, sie spielen in der DEL eine größere Rolle, und auch die NHL reagiert auf die gestiegene Klasse. Die deutsche Dichte in der besten Liga der Welt steigt und steigt, was ein Indikator für die Konkurrenzfähigkeit des Nationalteams ist. Nach Olympiasilber sagte Reindl: „Dieser großartige Erfolg hat viel verändert. Der Eishockeysport in Deutschland ist seitdem nicht mehr der, der er vorher war.“ Womöglich muss der DEB bald auf den 66-Jährigen an seiner Spitze verzichten. Der Bayer gab in Riga offiziell seine Kandidatur bekannt, wenn im Herbst der Nachfolger für Weltverbandspräsident René Fasel gewählt wird. Das deutsche Element im Welteishockey könnte noch mehr Gewicht bekommen.