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Pforzheim Aufklärung contra Informationsflut

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Ein interessiertes Publikum fand Bernhard Pörksen (Zweiter von rechts) beim Studium Generale an der Hochschule, hier flankiert von Frauke Sander (links), Rektor Ulrich Jautz und Christa Wehner. Foto: Hochschule Pforzheim Foto: Schwarzwälder Bote

Im Walter-Witzenmann-Hörsaal der Hochschule Pforzheim hat mit dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen kürzlich einer der brillantesten Köpfe unserer Zeit beim Studium Generale seine Visitenkarte abgegeben.

Pforzheim. Die wissenschaftliche Leiterin, Christa Wehner, Professorin für Marktforschung und Konsumentenpsychologie an der Hochschule Pforzheim, begrüßte Pörksen und brachte dem Publikum dessen beeindruckende Vita näher. Der gebürtige Freiburger, Jahrgang 1969, war bereits mit 33 Jahren Professor an der Universität Hamburg ehe er 2008 auf den Lehrstuhl für Medienwissenschaft der Universität Tübingen berufen wurde. "Herzlich willkommen in Ihrem dritten Studium Generale", rief Christa Wehner Pörksen zu. Dieser stellte mit einem Lachen fest, dass er traditionell alle drei Jahre nach Pforzheim komme. "Ich habe im Vorgespräch mal ausgerechnet, dass ich noch fünfmal bis zu meiner Pensionierung hier bei Ihnen sein kann", scherzte Pörksen, ehe er sich dem durchaus ernsten Themenfeld seines Vortrags widmete.

Unter dem Titel "Die neue Macht der Lüge. Desinformation im digitalen Zeitalter – was wir wissen müssen und tun sollten" sezierte er Terrorwarnungen, Gerüchte, Fake-News-Panik und Echtzeit-Skandale als digitale Erscheinungsformen des Internets, einen kommunikativen Klimawandel, der die Prozesse der Meinungsbildung erheblich beeinflusst. Dabei machte er deutlich, dass man der Flut an Information und Desinformation mit Aufklärung und Mündigkeit, keinesfalls mit Bevormundung und einer Art Zensur begegnen sollte. Die Ideale des Journalismus, also das Überprüfen von Fakten, das Auswählen von Informationen nach Relevanz-Kriterien und das Bemühen, mehrere Quellen zu befragen, sollten nach Pörksen zu einem Element der Allgemeinbildung werden. "Prüfe erst, publiziere später", rät Pörksen ganz nach seinem Verständnis einer Utopie einer "redaktionellen Gesellschaft".

Referent fordert eigenes Schulfach

Für diese Gesellschaft bedürfe es einer neuen Medienbildung innerhalb der Gesellschaft. Pörksen geht sogar weiter und fordert ein eigenes Schulfach, um die Bürger medienmündig zu machen. "Darin sollte gelehrt werden, wie man Quellen überprüft, Medien und Diskurse versteht und dass der gesellschaftliche Diskurs von verbaler Aggression geschützt werden muss." Das allein reiche aber noch nicht. Die Plattformen müssten kontrollierbar werden und ihre Regeln offenlegen. Gleichzeitig bräuchte man ein Gremium, eine Art Ethikrat für Medien, der diesen Diskurs führe. Wie komplex die Herausforderung ist, machte er am Beispiel des Smartphones fest. Die Informationsflut manifestiere sich in verschiedenen Phänomenen. "Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatwelt. Fast jedem passiert es doch mal, eine E-Mail an den falschen Verteiler oder eine SMS an den falschen Kontakt gesendet zu haben." Außerdem sei das Smartphone eine indiskrete Technologie. Als Beispiel blickte er auf den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zurück, in dem ein Schwächeanfall von Hillary Clinton derart dokumentiert wurde, obwohl ihre Mitarbeiter versucht hätten, dies zu verhindern.

"In früheren Zeiten undenkbar. Der US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der von 1933 bis 1945 amtierte, war seit seinem 16. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt. Jedoch wussten die Menschen in den USA dies nicht. Bei öffentlichen Auftritten wurde er ans Rednerpult gefahren, er drückte sich daran hoch und erst wenn es aussah, als ob er stehe, ging der Vorhang hoch. Die wenigen Fotografen wurden von Roosevelts Mitarbeitern so kontrolliert, dass nichts nach außen drang", gibt Pörksen zu bedenken. In der laufenden digitalen Medien-Revolution weite sich dagegen der Raum mehr und mehr, so dass jeder darin – vor allem über Social Media-Kanäle – eine Stimme habe. "Genau deshalb ist es umso wichtiger, mehr Medienkompetenz zu vermitteln", sagt Pörksen.

Wie sehr er damit den Nerv des Publikums traf, zeigte der nicht enden wollende Applaus ob Pörksens rhetorisch brillantem Vortrag.

Das Studium Generale setzt sein Programm fort. Am 22. Mai ist Nora S. Stampfl vom f/21 Büro für Zukunftsfragen in Berlin zu Gast. Sie spricht über das Thema "Arbeit und Spiel – Die Ludifizierung der Arbeitswelt". Der Vortrag beginnt um 19 Uhr und findet im Walter-Witzenmann-Hörsaal in der Tiefenbronner Straße 65 statt.

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