Immer mehr Menschen sammeln vor allem beim Sport ihre persönlichen Daten. Wie, das erfahren Sie in der Bildergalerie. Foto:  

Puls, Blutzucker, Schlafphasen: Was nach einem Arztbesuch klingt, ist die Eigen-Analyse von sogenannten Selbstvermessern. Ziele ihrer Bewegung sind Selbsterkenntnis und ein besseres Leben.

Stuttgart/Berlin - Seine Waage ist ans Internet angeschlossen. Seine Schritte zählt ein High-Tech-Band, das am Handgelenk sitzt. Fährt er am Abend den Computer herunter, weiß Florian Schumacher auch, wie lange er welche Webseiten besucht hat. Der 33-Jährige ist ein sogenannter Selbstvermesser, der seinen Körper als Datenspender sieht: Wie lange und wie gut er schläft, wie sich sein Blutdruck verändert und wie seine Ernährung. Am Ende eines Tages spucken Computerprogramme Grafiken aus, die sein Leben illustrieren: 9000 Schritte gemacht, 400 Gramm abgenommen, mehr Nachrichten gelesen. „Ich möchte möglichst viel über mich selbst erfahren“, sagt der ­gebürtige Heidenheimer. „Und ich möchte gesünder und besser leben.“

Die Selbstvermessung wird auch in Deutschland zum Trend. 2007 prägten die US-Technikjournalisten Gary Wolf und Kevin Kelly den Begriff „quantified self“ (das abgezählte Selbst) und gründeten die Webseite Quantifiedself.com. Spitzensportler und chronisch Kranke dokumentieren schon lange Körperdaten, um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern und gesund zu bleiben. Durch den Boom von Sensoren, die Daten von Waagen, Blutdruckmessgeräten und anderen Geräten drahtlos in Internet-Datenbanken senden und anschaulich aufbereiten, ist die medizinische Beschäftigung mit dem eigenen Körper für jedermann einfacher geworden.

Selbstvermesser-Gruppe soll es auch in Stuttgart geben

Mittlerweile haben sich weltweit Gruppen gebildet. Schumacher ist dabei eine Art Entwicklungshelfer für Deutschland. Er initiierte Treffen in Berlin und München und versucht derzeit, auch in Stuttgart eine Selbstvermesser-Gruppe auf die Beine zu stellen. Zum ersten Treffen kamen allerdings nur vier Leute, darunter zwei Software-Entwickler und ein Sportler. Wie überhaupt die Bewegung eine Mischung aus Technikfans, Fitnessbegeisterten und chronisch Kranken ist. Spinner seien in der Regel keine dabei, betont Schumacher: „Wir sind einfach interessiert, wir sehen uns selbst als Experiment.“

Und die Selbstvermesser wollen über ihre Experimente sprechen. Auf der Webseite Quantifiedself.com sind mittlerweile mehr als 100 Gruppen gelistet. In den Foren diskutieren die Mitglieder, wie sie ihre Daten besser nutzen können, und tauschen ihre Werte aus. Schumacher selbst testet als Trendscout die neuesten Produkte und schreibt in seinem Internettagebuch Igrowdigital.com (Ich wachse digital) über die Bewegung. Jüngst ging in Deutschland die erste Konferenz über die Bühne, auch Vertreter der Gesundheitswirtschaft waren dabei.

Körpervermessung-Markt gewinnt weiter an Bedeutung

Schon jetzt gibt es Hunderte kleiner Fitness- und Ernährungsprogramme für Smartphones. Sportartikelhersteller wie Adidas und Nike verkaufen Sportschuhe und Geräte, mit denen sich das Laufverhalten und Pulsdaten auswerten lassen. Die ­Beurer GmbH aus Ulm, die Gesundheits-Elektrogeräte anbietet, präsentiert zur Internationalen Funkausstellung (Ifa), eine Diagnosewaage, die neben dem Gewicht die Anteile von Fett, Wasser, Muskeln und Knochen im Körper misst. Ein Brustgurt, der mit dem Smartphone verbunden werden kann, zeigt die Herzfrequenz an. Die Bedeutung des Körpervermessung-Marktes werde in den kommenden Jahren zunehmen, sagt Marketingleiterin Kerstin Glanzer. Die Kunden achteten nicht nur stärker auf ihre Gesundheit – sie würden auch mobiler. „Genau wie ihre Fotos, Kontakte oder die persönliche Lieblingsmusik möchten die Menschen auch ihre Gesundheitswerte immer und überall griffbereit haben, egal wo sie sich gerade befinden.“

Das bestätigt auch der IT-Branchenverband Bitkom. „In den USA liegt Self-Tracking bereits im Trend. Eine ähnliche Entwicklung kann auch hierzulande erwartet ­werden“, sagt Bitkom-Experte Timm Hoffmann. „Zahlen dazu gibt es aber noch nicht.“

Florian Schumacher ist vom Potenzial der Branche überzeugt. Künftig könnten noch viel mehr Körperfunktionen automatisch gemessen werden. Und würden sie in Computeruhren integriert – sogenannte Smartwatches –, wären die Daten 24 Stunden aufgezeichnet und abrufbar. „Die Messgeräte werden in unseren Alltag integriert. Sie müssen jetzt nur noch modischer werden.“

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