Pantelija Dudic kam vor 54 Jahren von Bosnien nach Süddeutschland. In seinen Memoiren erzählt der Gastwirt von den Anfängen als Fabrikarbeiter, von seinem ersten Opel Senator, aber auch von existenzieller Einsamkeit.
Als Junge hütete Pantelija Dudic die Schafe auf den Wiesen Bosniens und heute seine Gäste in einem Gasthaus hoch über dem Bodensee. Damals war er sieben Jahre alt, heute 74. Wie viele seiner Landsleute wanderte er aus dem damaligen Jugoslawien aus. Die vor Kraft strotzende Bundesrepublik rief besorgt nach Arbeitskräften. Eines unterscheidet ihn von den Menschen, die man Gastarbeiter nannte: Dudic setzte sich hin und schrieb sein Leben auf. Seine Memoiren fassen die ersten 40 Lebensjahre, ausgebreitet auf Hunderten Seiten.
Bereits der Titel macht deutlich, dass es da um Grundlegendes geht, das seine (interessant zu lesenden) Frauengeschichten und die Historie seiner wechselnden Gasthäuser überragt. Der Wirt setzt ein einziges Wort über seine dreiteilige Saga: „Ausländer“. Nach mehr als fünf Jahrzehnten in Westeuropa nagt noch immer die Frage, was seine Heimat sei: Die serbische Teilrepublik von Bosnien (Republika Srpska), die er vor 54 Jahren verließ, um doch immer wiederzukehren und die leer gewordenen Dörfer zu sehen? Oder die Bundesrepublik, deren Innenleben er kennt und auf deren Parkett er sich mit großer Sicherheit bewegt.
Virtuose der Integration
Wer ihn im Restaurant Hohenegg bei Konstanz sieht, erlebt einen Virtuosen der Integration. Ein stattlicher Mann mit noch immer vollem Haar – und kaum spürbarem Heimweh. Seit bald 20 Jahren sitzt die Familie Dudic in der Brauerei-Gaststätte direkt am Touristen-Radweg. Auf der Terrasse schaut man auf Mainau und Birnau. Hinter der Terrasse gärt es in den Tanks der Brauerei Ruppaner.
Von Weitem könnte man ihn mit Marschall Tito verwechseln. Dieser paradierte gerne in einer blütenweißen Uniform. Dudic trägt eine doppelt geknöpfte weiße Kochjacke zur hellen Hose. Dabei kocht er gar nicht, er repräsentiert vielmehr Haus und Herd. Ein Intendant der Gastfreundschaft, der als guter Geist von Tisch zu Tisch wandert und fragt: „War’s recht?“ Er liebt und lebt diese Rolle.
Das ist eines der Dinge, die er in Deutschland zeitig lernte, berichtet er. Er sitzt nach einem kurzen Rundgang in einer Ecke im Inneren. Draußen kühlen sich Radfahrer herunter, ältere Herrschaften sägen am Fischknusperle. Im Innenraum verscheucht der Chef seine Kellner, er hat viel zu erzählen.
Seine Gastronomie-Karriere begann im Haxen-Imbiss
Seine Deutschen hat er genau beobachtet. In den Branchen, die er erlebte, hatte er gute Gelegenheit dazu. Der Blick von unten ist am genauesten. Er ging als Arbeiter in eine Textilfabrik, dann auf den Bau, er war Reifenmonteur, schließlich betankte er fremde Autos, bis er sein Traumfach fand. Er wechselte in die Gastronomie und wurde sein eigener Chef, der seinen Betrieben – vom Haxen-Imbiss bis zur „Adria Grill Stube“ in Kiel – den Stempel aufdrückte.
Sein Rezept beschreibt er so: „Wenn du deutsche Gäste ins Restaurant locken möchtest, musst du eine gute Köchin haben, aber auch eine niveauvolle Bedienung.“ Seinen Leuten im Service schärft er ein, dass sie den vollen Teller nicht einfach auf den Tisch knallen, sondern mit einem freundlichen Wort garnieren. „Der deutsche Gast reagiert überaus empfindlich auf Unsauberkeit und derbe Sprüche.“ Seine Sätze lesen sich wie aus einem Lehrbuch für Restaurantleiter. Er selbst ist dessen Verkörperung. Der Gang von Tisch zu Tisch zelebriert er mit Würde, nicht klebrig. Er ist Pächter und kein Domestik. „Das ist alte Schule“, meint er zwinkernd. In diesem Moment wirkt er deutscher als mancher Eingeborene am Bodensee.
Den 74-Jährigen kann nichts mehr erschüttern. „Wohlstand und Familie waren hart erkämpft“, berichtet er und rührt in dem Kaffee, der bald kalt ist. Mit 19 Jahren zog er nach Feldkirch in Vorarlberg, wenig später schon nach Süddeutschland. Kurz zuvor hatte er seinen ersten Pass abgeholt. Das Bild zeigt einen ernsten jungen Mann.
„Alle hatten Heimweh“
Er hatte damals gehört, dass deutsche Arbeitgeber noch besser bezahlten als das damals ärmere Österreich. Gutes Geld war das eine, eine existenzielle Einsamkeit das andere. In Ravensburg stieß er auf Landsleute, die in Firmenbaracken einquartiert waren. Nach Nationen getrennt hausten bis zu 17 Mann in einem Schlafraum. Sie kochten gemeinsam, der Sliwowitz kreiste, sie erzählten sich von ihren Dörfern. Damals lebte noch die Hoffnung, bald wieder zurück zu können.
„Alle hatten solches Heimweh“, sagt Dudic im Rückblick. Der jammervolle Anblick regte ihn an, er sagte sich: „Eines Tages werde ich das alles aufschreiben.“ Er legte Hefte an, begann seine Notizen, um später ja keine Details zu verwechseln. Als er sich 1989 an die Niederschrift von „Ausländer“ machte, konnte er auf einen Haufen Blätter zurückgreifen. Er schrieb immer, sobald der letzte Gast weg war. „Oft konnte ich kaum mehr stehen vor Müdigkeit. Irgendwie habe ich es geschafft.“ Mittlerweile sind die Seiten ins Deutsche übersetzt. Er sucht noch einen Verleger.
Pantelija Dudic ist auch deshalb eine Ausnahme. Über die Arbeitskräfte, die von deutschen Firmen in den 60er Jahren angeworben wurden, ist schon viel geschrieben worden. Vor allem wird über sie geschrieben. Dass sie selbst zur Feder greifen und ihre Schwerpunkte setzen, geschieht kaum. Dudic will nicht analysiert werden, sondern selbst der Geschichtsschreiber sein: „Das Buch habe ich für meinen Nachwuchs geschrieben“, sagt er. Und für die Nachwelt, darf man ergänzen.
Die Zwickmühle seines Lebens
Seine fünf Kinder haben ihre eigenen Erfahrungen mit dem Fremdsein und Fremdbleiben gemacht. Seine Tochter Radmila, so schreibt er, geriet eines Tages in einen Streit mit einer Schulfreundin. Diese warf Radmila folgendes Wort an den Kopf: „Ausländer!“ Das Wort wird zur Hintergrundmusik seines Lebens. Er schildert, wie er brav seine Steuern zahlt, wie er einen Opel vom Typ Senator kauft und Verträge mit Brauereien abschließt. Und doch immer ein wenig außen vor bleibt. Der nette Mann vom Balkan-Restaurant. Auch deshalb trifft die Überschrift ins Schwarze. Sie markiert die Zwickmühle seines Lebens.
Er könnte ja zurückwandern, oder? Er winkt ab. So etwas kann nur einer sagen, der sein Land mit dem Urlaub in Kroatien verwechselt. Das Land Jugoslawien, das ihm seinen ersten Pass (mit falschem Geburtsdatum) ausstellte, ist Vergangenheit. Dudic kennt genug Beispiele von Serben, Kroaten oder Mazedoniern, die nach einigen deutschen Jahren mit dem Ersparten zurückwanderten und etwas aufbauen wollten. Sie scheiterten. Der jugoslawische Staat und seine planwirtschaftliche Bürokratie ließ die Gründer auflaufen.
Auch er war stets in Versuchung. In der vertrauten Fremde bleiben? Zurück in die fremdgewordene Heimat? Er neigte Letzterem zu. „Heimat bleibt Heimat“, sagt er und schaut einem seiner Kellner – schwarze Hose, weißes Hemd – nach. Der Zeitpunkt hat halt nie gepasst. Einmal wurde ein Kind geboren, dann ein anderes eingeschult oder in die Lehre genommen. „Ich wollte immer zurück, aber es war immer ungünstig.“ Und dann seine Gäste, die gut besetzten Tische im Restaurant, die gut gefüllte Kasse. Er mag die Deutschen, sie mögen ihn. Der würdige Herr in der blitzsauberen Kochjacke ist hier jemand. Will er darauf verzichten?
Verlassenes Heimatdorf
In der Serbischen Republik besitzt er zwei Häuser. Eines steht im Heimatdorf Klekovci. Die Fenster hat er reparieren lassen, er könnte sofort einziehen. „Aber jetzt ist es zu spät“, sagt er leise. Als er damals das Hüten seiner Herde aufgab und in Richtung Norden auswanderte, waren noch 380 Häuser bewohnt und sein Klekovci eine kleine blühende Gemeinde. „Heute zähle ich dort noch 30 Haushalte, das Dorf ist leer. Was soll ich denn dort?“ Wer erwartet dort einen Patron mit doppelt geknöpfter weißer Jacke und eingesticktem Namenszug?
Herr Pantelija Dudic lässt seine Blicke über die Kundschaft schweifen. Er drinnen, die anderen draußen. Alles scheint zufrieden, das Bier strömt aus dem Zapfhahn, einige Meter weiter wird es frisch gebraut. Wenn ein Kunde doch unzufrieden sein sollte, hat der Patron eine bewährte Antwort parat: Er hört genau zu, wiegt den Kopf, gibt recht. Dann lässt er dem Kritiker eine Portion Vanilleeis an heißen Himbeeren servieren. Er ist überzeugt: Dieser Kunde kommt wieder.