Auf diesem Feld fanden zwei Besatzungsmitglieder der kanadischen Militärmaschine 1944 den Tod. Hans Ehrenfeld deutet auf den Rand des in den Wald reichenden Absturzorts über Ostelsheim. Foto: Schabert Foto: Schwarzwälder Bote

Heimatgeschichte: Ostelsheimer erinnert sich an Kriegstage / Über Flugzeugabsturz und Bahnlinienbeschuss

Als Hans Ehrenfeld im Schwarzwälder Boten vor einigen Wochen vom Flugzeugunglück eines deutschen Wehrmachtsfliegers vor 75 Jahren bei Zwerenberg las, kam ihm der Absturz einer kanadischen Militärmaschine im Februar 1944 bei Ostelsheim aufs Neue ins Gedächtnis.

Ostelsheim. Über dieses und manch anderes Kriegserlebnis berichtet der vitale 87-jährige Ostelsheimer lebendig im Gespräch. Es war wieder einmal Fliegeralarm im Dorf, und die Familie suchte im Keller Schutz. Lärm, "ein fruchtbares Knallen" und anschließend das Getöse mehrerer Explosionen drang in die Räume. Den Absturz selber gesehen hat Ehrenfeld nicht. Aber die Folgen mussten die Jungs aus dem Dorf soweit möglich erforschen.

Ein oder andere Trophäe

Deshalb führte in den Tagen danach so mancher Ausflug zum Absturzort, "dem Dreieck" am Waldrand über Os­telsheim, und es wurde die ein oder andere Trophäe mit nach Hause genommen. Ein Fundstück war ein von Ehrenfeld ergattertes Stück Plexiglas. Dieses verarbeitete der Handwerker, der Elektriker ist und nach dem Krieg zunächst bei Gutbrod als Betriebselektriker arbeitete, in einer Puppenstube. Diese bastelte er 1954 zur Geburt seiner Tochter.

Calw war Autostadt. In den früheren Lufag-Gebäuden, wo später Bauknecht produzierte, baute Gutbrod vom 1. März 1950 bis zum 24. September 1953 seinen Kleinwagen Superior und den Lieferwagen Atlas. Der frühere Betriebselektriker Ehrenfeld erinnert sich noch gut an diese Zeit. Drei oder vier Fahrzeuge wurden am Tag fertiggestellt. Wenn ein Radio einzubauen war, wurde schon einmal auf sein Können oder das von einem der beiden Kollegen zurückgegriffen.

Auch bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt kam der Ostelsheimer in den frühen 1950er-Jahren zum Einsatz. Nach schwäbischer Manier war jeden Morgen vor Messebeginn alles auf Hochglanz zu bringen. Gebaut wurden in Calw 7726 Autos in unterschiedlichen Ausführungen. Doch war die Fertigung zu aufwendig und die Konkurrenz der großen Werke erdrückend. 1953 wurde das Geld knapp und 1954 gingen auch im Stammwerk Plochingen endgültig die Lichter aus.

Der Absturzort der kanadischen Militärmaschine wurde damals von den Erwachsenen sofort abgeschirmt. Denn die sechs verkohlten Leichen im Flugzeugwrack im Wald und zwei Tote im Feld wollte man den Halbwüchsigen nicht zeigen. Später räumte die Wehrmacht das Wrack ab.

Die Heimatgeschichtlerin Irmgard Hülse hat die Absicht, im Bereich des Absturzorts mit Helfern in den nächsten Wochen einen Gedenkstein aufzustellen. Die Ostelsheimer hatten für eine pietät- und ehrenvolle Beerdigung der acht Gefallenen, später exhumierten Abgestürzten, auf dem Friedhof gesorgt. Diese Menschlichkeit dem Feind gegenüber in schwierigen Zeiten sollte sich noch auszahlen.

Gute Behandlung

Bei der Einnahme von Ostelsheim durch die Franzosen rund 14 Monate später berichteten im Dorf als Arbeiter eingesetzte französische Kriegsgefangene dies und vor allem auch über ihre gute Behandlung durch die Dorfbewohner den einrückenden Truppen. An jedem Haus prangte am 21. April 1941, dem Tag nach dem Einmarsch, ein Schild, das sinngemäß aussagte, dass die Ostelsheimer für ihr Verhalten Schutz verdient haben. Dadurch überstand die Gemeinde die Besatzungszeit wesentlich besser als manch anderer Ort.

Fast ein Wunder

Es war fast ein Wunder, dass Ostelsheim ohne große Zerstörungen durch den Krieg kam. Denn die nahe Bahnlinie war immer wieder ein Ziel von Luftangriffen. "Ich sehe heute noch zwei Bomben wie Zigarren in Richtung Bahnlinie fliegen", erinnert sich Ehrenfeld. Derlei beobachteten die Jungen aus dem Ort oft vom Wasserreservoir aus, auf das sie kletterten.

Im Herbst 1944 wurde ein Zug getroffen. Unter den vielen Todesopfern waren damals fünf Ostelsheimer. Auch für die Feuersbrunst, die am 23. Februar 1945 über Pforzheim hereinbrach, ist Ehrenfeld Augenzeuge. "Zuerst haben alle gedacht, Simmozheim steht in Flammen", erinnert er sich an das Inferno, das 18 000 Menschen das Leben kostete.

Ostelsheim hatte damals 800 Einwohner. So manche Schulstunde der Zweiklassen-Schule verbrachten die Schüler bei Bombenalarm im Keller. "Hunger haben wir auf dem Land nicht gelitten", sagt Ehrenfeld, "und wir Jungen erlebten den Krieg so ein wenig als Abenteuer". Dafür sorgte mit der Drill als Braunhemd oder im Jungvolk. Trotzdem lautet sein eindeutiges Credo: "Nie mehr Krieg, der nur riesiges Leid bringt." Da ist er sich einig mit seiner Frau Helga, die in ihrem Buch, "Flucht in eine zweite Heimat" den schweren, leidvollen Weg als Kind und Jugendliche aus dem Raum Danzig nach Ostelsheim beschreibt.