Um die Gesundheitsversorgung im Landkreis Calw steht es nicht zum Besten – das empfinden zumindest die Teilnehmer unserer großen Orts-Check-Umfrage so. Besonders schlecht schneiden Dörfer ohne Allgemeinmediziner ab.
Die Gesundheitsversorgung ist ein Bereich, der alle Bürger des Landkreises Calw betrifft. Ausgerechnet in dieser Kategorie schneidet der Kreis beim großen Orts-Check unserer Redaktion schlecht ab.
Gut drei Wochen lang hatten Kreisbewohner und andere Interessierte in einer Online-Umfrage Zeit, dem Landkreis und seinen 25 Kommunen auf den Zahn zu fühlen. 14 Kategorien haben wir abgefragt – von Sicherheit über Senioren, von Sport und Vereine über Sauberkeit bis hin zu Lebensqualität. Die Gesundheitsversorgung erreichte dabei lediglich Platz elf. Sie wurde mit durchschnittlich 5,49 Punkten bewertet. Wobei ein Punkt die schlechteste Note war, und zehn Punkte als Bestnote vergeben werden konnten.
Wir wollten von den Umfrageteilnehmern wissen: Wie bewerten Sie das Angebot an Arztpraxen und Kliniken? Wie gut ist die Versorgung mit anderen Gesundheitsdienstleistungen wie etwa Reha, Physio, Pflegedienst? 2961 Teilnehmer aus dem Landkreis haben auf diese Fragen geantwortet.
Lokale Ergebnisse Besonders gut schneidet bei der Gesundheitsversorgung im Landkreis Calw die Gemeinde Egenhausen ab. Sie kommt im Schnitt auf 7,9 Punkte. Auf Rang zwei und drei folgen Simmozheim (7,05) und Nagold (6,75). Knapp unter dem Durchschnitt liegt die größte Stadt im Kreis, Calw, mit 5,38 Punkten. Schlusslicht ist dagegen Enzklösterle (2,43 Punkte). Platz 23 belegt Höfen an der Enz mit 2,79 Punkten, gefolgt von Unterreichenbach mit 2,54. In allen drei Kommunen gibt es keinen Hausarzt mehr, was ein, wenn nicht der Grund für die schlechten Bewertungen sein dürften.
Insgesamt gibt es im Landkreis Calw nach Angaben der kassenärztlichen Vereinigung momentan 103 Hausärzte sowie 99 Fachärzte. Der Mangel an Kinder- sowie an Hausärzten sei im Landkreis wie in ganz Baden-Württemberg dabei besonders hoch.
Was sagen die Ärzte? Ulrich Haag ist Vorsitzender der Kreisärzteschaft Calw der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Außerdem ist er Chefarzt der Urologie an den Kliniken Nagold. Sein Stellvertreter in der Kreisärzteschaft, Adrian Hettwer, praktiziert als Allgemeinmediziner in Calw.
Ulrich Haag meint: „Die medizinische Versorgung im Landkreis Calw steht vor großen Herausforderungen. Der Personal- und Fachkräftemangel führt schon heute zu Einschränkungen in den Praxen und Krankenhäusern. 888 Ärztinnen und Ärzte leben im Landkreis Calw. Davon sind 348 unter 50 Jahre, 166 über 70 Jahre alt. In den nächsten zehn Jahren werden 374 in Rente gehen. Das ist die Hälfte der aktuell berufstätigen. Wenn man die demografische Entwicklung der Bevölkerung berücksichtigt, kann man sich schon Sorgen machen, wer uns Rentner dann versorgen soll.“
Wege zu Fachärzten werden länger
Auch Hettwer berichtet, dass ihn das schlechte Orts-Check-Ergebnis in Sachen der Gesundheitsversorgung im Kreis nicht überrascht. „Wir steuern, aus meiner Sicht, zunehmend auf eine medizinische Unter- und Mangelversorgung zu. Das nehmen die Menschen in unserem Landkreis zur Kenntnis.“ Viele Patienten fänden keinen Haus- oder Kinderarzt mehr, während die Wege zu den Fachärzten immer länger würden und sich die Kliniklandschaft zunehmend ausdünne. „Wer will mit dieser Entwicklung zufrieden sein?“, fragt Adrian Hettwer. Er sieht in den kommenden zehn Jahren einen Bedarf an circa 500 neuen Ärzten für den Kreis Calw.
Dabei gibt es aus seiner Sicht rein von der Anzahl her genug Ärzte in Deutschland. „Aber wie viele Ärztinnen und Ärzte sind vollumfänglich mit der Betreuung und Behandlung von Patienten beschäftigt?“ Weil die Ärzteschaft immer weiblicher werde, arbeiten mehr Mediziner beziehungsweise eben Medizinerinnen in Teilzeit. Zudem gebe es alternative Berufsfelder und „eine sich wandelnde ,Work-Life-Balance’”.
Meinungen zu Krankenhausdiskussion gehen auseinander
Das passt zu dem, was Ulrich Haag beobachtet: „Wir erleben derzeit einen Trend zu mehr medizinischen Versorgungszentren (MVZ) mit mehreren angestellten Ärztinnen und Ärzten, die zunehmend in Teilzeit mit geregelten Arbeitszeiten arbeiten wollen. Wenn Sie als Patient ohne Termin als Notfall in ihre Praxis kommen, ist in Egenhausen halt nur der eine Arzt da, in den MVZ eben eine Ärztin, die heute für die Notfälle zuständig ist und ihren persönlichen Fall eventuell nicht kennt.“
Welche Rolle spielt die Krankenhausdiskussion? Seit Jahren sind die Krankenhäuser ein Thema im Landkreis Calw. In den vergangen Monaten, vor allem nach der Vorstellung des Medizinkonzepts 2030, haben sich die Diskussionen zugespitzt. Am Montag, 18. Dezember, wird der Calwer Kreistag über die Zukunft der Krankenhäuser entscheiden – etwa, ob es wie zuletzt vorgesehen tatsächlich so kommt, dass die Calwer Geburtshilfe nach Nagold umzieht.
„Durch die Krankenhausdiskussion ist bei der Bevölkerung eine große Verunsicherung eingetreten“, findet Adrian Hettwer. Seiner Meinung nach dürfte dies beim Orts-Check eine große Rolle gespielt haben. „Die Menschen im Landkreis Calw wünschen sich, auch in Zukunft, eine gesicherte und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung. Hier gilt es weiter, durch den Erhalt und den Ausbau einer hochwertigen medizinischen, wohnortnahen Akut- und Regelversorgung, wieder Vertrauen zu schaffen.“
Anders schätzt Ulrich Haag die Lage ein: „Die Diskussionen um das Medizinkonzept 2030 spielen meines Erachtens keine Rolle. Es ist die Versorgung heute, hier und jetzt, die in die Beurteilung einfließt. Die Menschen machen sich keine Gedanken, was in fünf Jahren sein könnte. Das ist eine politische Aufgabe.“