Eine Frau wurde gestalkt und vergewaltigt. Sie geht zur Polizei, erstattet Anzeige. Wenige Tage später sitzt sie Heike Dachs gegenüber. Sie ist neue Leiterin der Außenstelle des Weißen Rings. 111 Menschen haben 2023 bei ihr Hilfe gesucht – wegen Gewalt in der Ehe, wegen Kindesmissbrauchs, wegen Stalking.
Häusliche Gewalt – auch gegen Männer – ist das häufigste Thema, mit dem Opfer sich an den Weißen Ring wenden. 83 Mal wurde Dachs im vergangenen Jahr deswegen tätig. „Und das sind nur meine Fälle“, sagt die 58-jährige, sieben weitere Mitarbeiter sind am Start, um „Menschen am Tiefpunkt ihres Lebens beizustehen“.
Dachs’ Motivation, sich mit derart emotionalen Themen auseinanderzusetzen: „Ich will etwas bewirken.“ Und wenn sie dann sehe, dass ein Leben wieder in die richtige Richtung gelenkt werden könne, sei das Ansporn genug für dieses Ehrenamt. Der Weiße Ring ist „der Knotenpunkt in dem ganzen Wirrwarr“, das Gewaltopfer meistern müssen. Dies reicht von der Anzeige bei der Polizei bis hin zu einer möglichen Gerichtsverhandlung. Auch dorthin begleitet Dachs die Klienten auf Wunsch.
Sie steht auf der Seite der Opfer
Seit fünf Jahren engagiert die vierfache Mutter sich bei der Opferorganisation. Übernommen hat sie die Leitungsposition von Karl Maier. Am Beginn ihrer Tätigkeit standen umfangreiche Schulungen und Seminare: Wie sieht Opferarbeit aus? Was sagt der Gesetzgeber in Sachen Entschädigung? Wie vorgehen bei Stalking?
Dachs steht auf der Seite der Betroffenen. Sie hört viele schlimme Geschichten, erfährt von tragischen Schicksalen, Frauen, die geschlagen werden, von finanzieller Not, wenn Betroffene wegen der psychischen Belastung nicht mehr arbeiten können. Wie geht sie selbst damit um?
Viele Opfer kennen ihre Rechte gar nicht
„Man muss psychisch stabil sein, um das zu machen“, sagt Dachs. Das Team sei regelmäßig im Austausch und bei Bedarf könne sie eine Supervision in Anspruch nehmen. An dieser Stelle kommt ein großer Wunsch der neuen Leiterin ins Spiel: „Wir suchen händeringend Mitarbeiter.“
Viele Opfer wüssten gar nicht, welche Rechte sie eigentlich haben, erklärt Dachs. „Zu Beginn einer Begleitung prasselt eine Fülle von Informationen auf die Klienten ein.“ Sie versteht sich als Lotsin im Hilfesystem und hat gute Kontakte zur Polizei, zu Caritas und Diakonie, zum Frauenhaus, dem Verein Feuervogel und Anwälten. Wichtig ist ihr: „Das sind immer kurze Wege.“
Mit der „No stalk“-App aus dem Teufelskreis
Stalking ist ein bestimmendes Thema von Dachs’ Arbeit. Wird einem Opfer nachgestellt, sei das Gefühl der Hilflosigkeit besonders belastend. „Das passiert häufiger, als man denkt.“ Oft bleibt es nicht bei Anrufen und Nachrichten. Manchmal lauern die Täter denjenigen auf. “Wenn ein Mann denkt: Die kann ich nicht haben, dann auch kein anderer, dann kann es zum Femizid kommen.“
Präventiv setzt der Weiße Ring sich mit der „No stalk“-App ein. Auch Dachs empfiehlt diese immer wieder. Die App ist kostenlos und sieht auf dem Handybildschirm wie eine Kameraanwendung aus. „Man kann hier Videos, Bilder oder Audios hochladen, wenn man aktuell bedroht ist.“ Diese Daten werden in eine Cloud hochgeladen, zu der nur der App-User Zugriff hat. Mit den dort gesammelten Beweisen kann man zur Polizei gehen. „Das ist sogar gerichtsverwertbar“.
Kontakt zum Weißen Ring
Das Opfertelefon
ist unter der kostenfreien Rufnummer 11 60 06 bundesweit zu erreichen.
Kontakt zur Außenstelle Zollernalbkreis
ist möglich unter Telefon 0151/55 16 46 32 oder per Email unter zollernalbkreis@weißer-ring.de