Die Mezzosopranistin Helene Schneiderman, Publikumsliebling der Stuttgarter Staatsoper, ist jetzt in Rente. Trotzdem ist sie aktuell wieder in Stuttgart auf der Bühne zu erleben – in der Oper „Jenůfa“ und beim Spoken Arts Festival. Im Interview spricht sie über soziale Medien und sagt, was sich für sie seit dem Angriff der Hamas auf Israel verändert hat.
Trotz einer ungewöhnlich langen Opernkarriere glänzt Helene Schneiderman nach wie vor mit einer exzellenten Gesangstechnik. Im Interview spricht sie über das Älterwerden auf der Opernbühne und warum seit dem 7. Oktober ihre Angst größer geworden ist, in der Öffentlichkeit ihre jüdische Herkunft zu zeigen.
Frau Schneiderman, im vergangenen Jahr sind Sie nach 38 Jahren als festes Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart in Rente gegangen. Ihr Terminkalender bleibt aber voll, weil Sie auf den Opernbühnen dieser Welt weiterhin aktiv sein werden. Demnächst werden Sie am Theater an der Wien in Bernsteins „Candide“ und in Stuttgart in Bellinis „Sonnambula“ zu erleben sein. Aktuell singen Sie in Stuttgart die Alte Buryja in der Wiederaufnahme von Calixto Bieitos fantastischer Inszenierung von Janáčeks „Jenůfa“.
Ja, es ist schon die dritte Partie in „Jenůfa“, die ich mir erarbeitet habe. Als ich jung war, habe ich mehrfach die Dorfrichtertochter Karolka gesungen, in den 1980er Jahren übrigens auch in einer Stuttgarter Produktion. Derzeit habe ich noch die Partie der Dorfrichtergattin im Repertoire, die ich schon öfters in London gesungen habe. Es gibt noch weitere Opern, in denen ich durch die Generationen geswitcht bin: etwa Tschaikowskys „Onegin“. Darin habe ich früher die junge Olga gesungen, jetzt bin ich als Gutsbesitzerwitwe Larina unterwegs. Das ist schon cool: Wenn man eine Rolle gelernt hat, kann man sie überall singen – auch wenn sie in jeder Inszenierung zu einem ganz anderen Menschen wird.
Ihr Älterwerden auf der Opernbühne wird also aufgefangen von den Werken selbst?
Ja, wenn man stimmlich und körperlich fit bleibt, hat die Oper noch einiges zu bieten. Es kommen sogar neue Rollen dazu. Ich mache mir keine Gedanken darüber, was die Leute über mein Alter denken. Und es fällt mir auch nicht schwer, kleinere Rollen zu übernehmen. Ich werde Oper singen, solange es mir Spaß macht und meine Stimme hundertprozentige Qualität bringt.
Calixto Bieitos „Jenůfa“-Inszenierung ist zwar von 2007, aber sie wirkt sehr aktuell.
Ja, in einer Szene bekomme ich nicht nur als Alte Buryja Angst. Da stürmt ein wild gewordener Mob die Bühne mit Gewehren und brüllt „Tötet sie, tötet sie!“. Sie wollen Jenůfa lynchen, weil sie glauben, sie habe ihr Baby getötet. Es war aber ihre Stiefmutter. Ich denke immer: Guck mal, wie sich das ständig wiederholt, dass Menschen mit einem beschränkten Horizont, die alles ungeprüft glauben, was man ihnen erzählt, einen anderen Menschen töten wollen. In dieser Hinsicht sind die sozialen Medien ja so giftig. Du gerätst in einen Algorithmus, der dich schnell durch Falschinformationen zu bestimmten Meinungen führt.
Ihre Eltern haben den Holocaust überlebt und sind 1945 in die USA emigriert, wo Sie 1954 geboren wurden. Sie leben seit 1982 in Deutschland. Wie geht es Ihnen seit dem 7. Oktober, dem Tag des Angriffs der Hamas auf Israel?
Ich bin dankbar dafür, dass die deutsche Regierung sich solidarisch zeigt mit Israel. Ich bin aber auch entsetzt und enttäuscht, dass es in den Medien und in der Bevölkerung zum Teil anders ist. 1200 Menschen wurden von der Hamas abgeschlachtet. Und auf der ganzen Welt gab es Menschen, die das gefeiert haben. Das hat nichts mit der Politik Israels zu tun, das ist purer Antisemitismus. Das tut mir sehr weh. Die Hamas ist eine terroristische Organisation. Die hat nichts mit Freiheit zu tun. Die Solidarität mit Israel ist wichtig, egal ob man jüdisch ist oder dort Verwandte hat oder ob man mit der Politik dort einverstanden ist oder nicht. Es ist bisher der einzige Ort gewesen, an dem sich jüdische Menschen sicher fühlen können. Ich habe Verwandte in Israel. Viele von ihnen sind in der Vergangenheit immer wieder auf die Straße gegangen gegen Netanjahus Politik. Sie wünschen sich eine Zweistaatenlösung. Man muss doch eine Lösung finden, dass jüdische und arabische Menschen in Israel in Frieden zusammenleben können.
Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist in Deutschland nach den Hamas-Anschlägen stark angestiegen. Was hat das für Sie verändert?
Ich mache mir natürlich Sorgen. Nach vielen Jahren, in denen ich mich sehr wohl und sicher gefühlt habe in Deutschland als einer stabilen Demokratie, ist meine Angst jetzt deutlich größer geworden, in der Öffentlichkeit meine jüdische Herkunft zu zeigen. Ich habe immer wieder jüdische Liederabende gegeben und in jiddischen Operetten gesungen. Damit setze ich jetzt erst mal aus.
Wie reagieren die Menschen in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld auf diese neue Form des Antisemitismus?
Ich erwarte nicht von jedem einen Kommentar dazu, aber es tut gut, wenn es passiert. Ich habe Anrufe bekommen, die mir sehr viel bedeuten. Menschen, die gesagt haben: ‚Ich stehe zu dir, Helene. Nur, dass du das weißt.‘ Das hat mich sehr gerührt. Aber viele Menschen in meinem Umfeld sagen dazu nichts. Es ist sehr schwierig gerade, denn wenn jemand nichts sagt, kann das ja bedeuten: ‚Ich bin nicht damit einverstanden, was Israel da macht.‘ Aber damit werfen sie alle jüdischen Menschen in einen Topf. Mensch ist Mensch. Es schmerzt mich sehr, jetzt Unschuldige in Gaza leiden und sterben zu sehen.
Was erwarten Sie nun von der deutschen Politik?
Man muss dafür sorgen, dass Deutschland offen und frei bleibt, aber man darf auch nicht so naiv sein, Zuwanderern keine Bedingungen zu stellen. In Deutschland leben unterschiedliche Religionen friedlich zusammen. Und das muss auch so bleiben. Religionen bringen Unheil, wenn sie ins Radikale kippen.
Von „Jenůfa“ bis zum Spoken Arts Festival
Biografie
Die Mezzosopranistin Helene Schneiderman wurde 1954 in New Jersey, USA, geboren. Sie begann ihre Opernkarriere 1982 am Theater Heidelberg, zwei Jahre später wechselte sie an die Staatsoper Stuttgart, wo sie 1998 zur Kammersängerin ernannt wurde und bis zu ihrem Renteneintritt 2022 fest im Ensemble war. Gastengagements brachten sie an viele Opernhäuser weltweit.
Staatsoper
Am 7. Dezember ist Schneiderman in der vorerst letzten „Jenůfa“-Vorstellung in der Staatsoper Stuttgart zu erleben; Beginn: 19 Uhr.
Festival
Der Eröffnungsabend des Spoken Arts Festivals am 8. Dezember steht unter dem Brecht-Motto „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“. Neben Schneiderman wirken auch Katharina Schüttler und Gauthier Dance mit – ab 19.30 Uhr im Mozartsaal der Liederhalle.