Friedrich Wein hält seinen Vortrag im Schwedenbau. Foto: Kussmann-Hochhalter Foto: Schwarzwälder-Bote

Heimatgeschichte: Friedrich Wein spricht über die "Luftschutzzone West" / Von abschreckend sichtbaren zu geheimen Anlagen

Der 12. Oktober 1916 war – wenn auch nur mittelbar – der Beginn einer planvollen strategischen Luftverteidigung für Oberndorf im Zweiten Weltkrieg – so die Eingangsthese für Friedrich Weins Vortrag, dem 50 Gäste lauschten.

Oberndorf. Der auf Denkmalschutz spezialisierte Brandschutz-Sachverständige aus Horb sprach über die "Luftschutzzone West".

Am 12. Oktober 1916 galt der kriegswichtigen Waffenstadt am Neckar einer der ersten strategischen Luftangriffe. Von mehreren Flugplätzen aus hatten sich französische und britische Flugzeuge zum Abwurf von Bomben gesammelt, um die Mauser-Werke anzugreifen.

Nach der Wiederaufrüstung ab 1935 galt die Oberndorfer Region in der "Luftverteidigungszone West" aufgrund der Mauser-Werke als eine besondere "Schutzzone".

Im Frühjahr 1939 begann man in Oberndorf mit dem Ausbau der Anlagen. Auf den Höhen rundum entstand ein Ring von massiven Stellungen. Abgesondert davon lagen die Befehlsstellungen mit den Luftsicht- und Horchgeräten. Die Stellungen befanden sich bei Hochmössingen am Römerweg, bei Boll nahe der Schillerhöhe und auf Epfendorfer Gemarkung im Harzwald. Am Südrand von Hochmössingen baute man ein Materiallager und eine Unterkunft für die Mannschaften.

Das Neckartal selbst wurde zusätzlich durch leichte Flak gesichert, die am Irslenbach und zwischen Aistaig und Weiden standen. Später kamen noch weitere hinzu, die auf den Gebäuden der Mauser-Werke oder auf Holztürmen in der Stadt postiert waren. Die schnell feuernden Geschütze waren gegen Tiefflieger gerichtet.

Diese sollten zudem von zwei Drahtseilsperren abgehalten werden, die das Tal nördlich und südlich der Fabriken abriegelten. Die "Vorhänge" aus herabhängenden Ketten waren zwischen der Schillerhöhe und dem Hang oberhalb der Neuen Steige sowie zwischen Dieselhalde und Schlattfelsen gespannt.

Ferner hatte man Möglichkeiten zum Vernebeln des Tales vorbereitet, und beim Lindenhof lagerten Ballonsperren, also aufsteigende Fesselballons, die feindliche Flieger in höhere Flughöhen abdrängen sollten.

Geheime Anlagen

Im Wisoch zwischen Hochmössingen und Beffendorf baute man eine Scheinfabrik aus Latten und bemalten Stoffbahnen auf, die, nachts schwach beleuchtet, anfliegende Bomber, wenn sie auf Sicht flogen, verleiten sollten, ihre Bomben aufs freie Feld abzuwerfen.

Bald nachdem der Krieg im Westen abgeschlossen war, zog die Wehrmachtsführung die schweren Flak-Batterien zu einem großen Teil aus der "Luftschutzzone West" ab. Auch wenn die verbleibenden leichten Flak-Stellungen ausgebaut wurden, so konnten diese kaum etwas gegen die hoch fliegenden Bomberverbände ausrichten, die über Obern­dorf hinweg flogen.

Die leichte Flugabwehr kam verhältnismäßig wenig zum Einsatz, da Oberndorf bis Ende 1944 kaum direkt angegriffen wurde. Je weiter der Krieg fortdauerte und je häufiger und länger Luftalarm gegeben wurde, desto mehr gewann die Einrichtung von Schutzbauten an Bedeutung. Aufgrund der topografischen und geologischen Gegebenheiten konnte man in Oberndorf zahlreiche Stollen in den Berg graben, die vielen Menschen Schutz bieten konnten.

Mit der Besetzung Oberndorfs 1945 endete die Geschichte der Luftverteidigung keineswegs. Wein gab einen Ausblick auf Planungen in den Jahrzehnten des Kalten Krieges. Vor allem sollten an Brücken, Straßen und Berghängen Sprengkammern vorbereitet werden, um das Vorrücken des Feindes, der diesmal aus dem Osten erwartet wurde, zu hemmen.

Im Verlauf von 100 Jahren hat sich das Prinzip von abschreckend sichtbaren Verteidigungsstellungen gewandelt hin zu unsichtbaren und geheimen Anlagen.

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