Im Südwesten finden 2022 in 14 Städten Oberbürgermeisterwahlen statt. Ein Überblick von Baden-Baden bis Weingarten auf spannende Konstellationen, einsame Rennen und mögliche Überraschungen.
Stuttgart - Die Zeiten, in denen Oberbürgermeister quasi auf Lebenszeit regiert haben, sind längst vorbei. Inzwischen artikulieren sich immer häufiger lautstarke Kritiker, wenn etwas in den Kommunen nicht so läuft, wie manche Bürger es wollen. Viele Amtsinhaber wurden auch abgewählt, wie in der jüngeren Vergangenheit spektakulär in Freiburg, wo Dieter Salomon (Grüne) sich nach zwei Wahlperioden überraschend geschlagen geben musste, oder in Göppingen und Böblingen, wo ihrerseits Grüne die Rathäuser eroberten.
Andere hören von selbst auf, auch wegen öffentlicher Anfeindungen. Spannung versprechen in diesem Jahr die Wahlen in zwei größeren Städten: In Tübingen muss der grüne OB Boris Palmer am meisten die Kritik aus seiner eigenen Partei fürchten. In Heidelberg will Eckart Würzner wieder antreten, Grüne und möglicherweise SPD wollen aber unbedingt Gegenkandidaten finden. Das neue Jahr geht jedenfalls gleich spannend los: Eine ganze Reihe der Wahlgänge für die Macht in den Rathäusern finden bereits am 6. Februar statt. Ein Überblick von Baden-Baden bis Weingarten.
Baden-Baden: Wer ist der unbekannte Herausforderer?
Ein schwerer Motorradunfall mit ihrem Mann, der dabei ein Bein verlor, hat Margret Mergen 2019 aus der Bahn geworfen. Doch längst ist die OB von Baden-Baden wieder fit. Im März kämpft die 60-jährige CDU-Politikerin um eine zweite Amtszeit. Dass sie einen Gegenkandidaten haben wird, ist sicher. Ein zweiter Bewerber reichte seine Unterlagen ein – doch bisher blieb er anonym. Jetzt wird spekuliert: ist es ein Spaßkandidat oder doch der grüne Sozialbürgermeister Roland Kaiser? Jedenfalls hat der 55-Jährige bisher nichts dementiert. Und die Grünen haben auch schon versichert, dass sie einen Kandidaten aufstellen werden. Derweil hat der ehemalige Galerieleiter Peter Hank bei einer Querdenker-Veranstaltung angekündigt, für die Partei „Die Basis“ ins Rennen gehen zu wollen. Eingereicht hat er seine Unterlagen aber noch nicht.
Geislingen/Steige: Der Amtsinhaber zögert lange
Wenn irgendwo Wechselstimmung herrscht, dann in Geislingen an der Steige. Ob das die Chancen von Oberbürgermeister Frank Dehmer (parteilos) auf einen Erfolg bei der OB-Wahl im Sommer schmälert, ist offen. In erster Linie wollen die Geislinger nämlich raus aus dem Kreis Göppingen, der das Aus für die Geislinger Helfensteinklinik beschlossen hat. Begeisterung rief die Bekanntgabe einer erneuten Kandidatur des 47-Jährigen, der sich dafür lange Zeit ließ, jedoch auch nicht hervor. Dafür gab es zu viel Streit im Gemeinderat, unter anderem mit der SPD-Fraktion um den Landtagsabgeordneten Sascha Binder. Dabei ging es um die gescheiterte Sanierung des Michelberg-Gymnasiums, für die es der klammen Stadt auch am Geld fehlte.
Heidelberg: Wagt sich eine Ministerin ins Rennen?
Eckart Würzneramtiert in Heidelberg seit 2006 – damals setzte er sich in einem spannenden Rennen gegen die Grüne Caja Thimm und den Sozialdemokraten Jürgen Dieter durch und folgte der beliebten Oberbürgermeisterin Beate Weber (SPD). Unterstützt wurde er von CDU, FDP und freien Wählervereinigungen, 2014 fehlte ein ernster Gegenkandidat. Der 60-Jährige hat erklärt, wieder antreten zu wollen. Die Grünen wollen auf jeden Fall einen Kandidaten aufstellen, Wissenschaftsministerin Theresia Bauer wird immer wieder genannt. Die SPD ist noch offen, wünscht sich aber ein neues Gesicht. Gewählt wird am 6. November.
Heilbronn: Nur die AfD ist gegen Harry Mergel
Für seine angestrebte Wiederwahl weiß der Heilbronner OB Harry Mergelein breites Bündnis hinter sich. Neben seiner eigenen Partei, der SPD, sprachen sich auch Grüne, CDU, FDP und Freie Wähler für den gebürtigen Heilbronner aus. Aus dem Gemeinderat fehlt eigentlich nur die AfD. Sie geht mit ihrem Fraktionschef Raphael Benner ins Rennen. Als weitere Kandidatin hat sich die politisch bisher unbekannte Logopädin Katharina Mikov gemeldet. Die Wahl ist am 6. Februar, kurz vor Mergels 66. Geburtstag.
Kehl: Vier wollen Vetrano beerben
In Kehl gegenüber von Straßburg wird es 2022 einen Wechsel geben: Der OB Toni Vetrano (CDU) tritt aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder an. Für die Wahl am 6. Februar haben sich schon drei Kandidaten gefunden: Der seit zwei Jahren amtierende Kehler Beigeordnete Thomas Wuttke (44), außerdem Anemone Bippes (49), Inhaberin einer Marketing-Agentur, Ex-Referatsleiterin im hessischen Kultusministerium und CDU-Vorsitzende in Baden-Baden, sowie der Krankenpfleger Wolfram Britz (53), der für die SPD im Gemeinderat und im Kreistag sitzt. Noch bis 13. Januar kann man sich bewerben.
Laupheim: Neuwahl aus traurigem Anlass
Schon im Oktober hat der Laupheimer OB Gerold Rechle seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen für das Jahr 2022 angekündigt. Kurz nach Weihnachten erlag der 57-jährige Vater von vier Töchtern nun seiner schweren Krebserkrankung. Ob es bei dem bisher anvisierten, aber noch nicht festgezurrten Wahltermin im April bleibt, ist noch offen. Die Amtsgeschäfte im Rathaus der 23 000-Einwohner-Stadt im Kreis Biberach führt vorübergehend die Erste Bürgermeisterin Eva-Britta Wind.
Lörrach: Grüne sind auf Kandidatensuche
Dass Jörg Lutz als OB von Lörrach (49 200 Einwohner) weiter machen will, hat er schon vor einem Jahr deutlich gemacht. Lutz löste 2014 im Lörracher Rathaus Gudrun Heute-Bluhm ab, die seither Chefin des baden-württembergischen Städtetags ist. Damals wurde der parteilose Jurist von der SPD unterstützt. Als wichtigstes Projekt seiner Amtszeit gilt die Planung und Ansiedlung eines Zentralkrankenhauses im Stadtteil Brombach, das bis 2025 mehrere Kliniken im südwestlichsten Kreis des Landes ersetzen soll. Ob Lutz bei der Wahl im Sommer Konkurrenz bekommt, ist noch offen. Vor allem die Grünen als stärkste Gemeinderatsfraktion sind unzufrieden mit seiner Klimapolitik und sind auf Kandidatensuche.
Mosbach: Der Minusmann will noch mal ran
Privat fährt Michael Jann einen Oldtimer, dienstlich hat er selbst schon einige Zeit auf dem Buckel. Vor 21 Jahren kam er nach Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis), seit 16 Jahren ist der in Mannheim geborene CDU-Mann Oberbürgermeister. Er könne sich schon vorstellen, bei der voraussichtlich im kommenden Juni stattfindenden Wahl noch einmal anzutreten, ließ der 61-Jährige schon im vergangenen Jahr verlauten. Vor acht Jahren wurde er mit 86,5 Prozent klar bestätigt. Ein landesweiter Minus-Rekord war es dennoch: Nur 16,5 Prozent betrug die Wahlbeteiligung in der 23 500 Einwohner zählenden Kreisstadt im Norden des Landes. Weitere Kandidaturen seien schon denkbar, heißt es aus dem Gemeinderat. Noch ist aber niemand in Sicht, zumal die endgültige Erklärung Janns noch aussteht.
Remseck: Wird es wieder spannend?
Es war ein wahrer Wahlkrimi 2014 in Remseck (Kreis Ludwigsburg): Der parteilose Dirk Schönberger wurde mit 50,4 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Karl-Heinz Schlumberger gewählt, der SPD-Bewerber Klaus Weber erhielt 49,5 Prozent, ein echtes Herzschlagfinale. Schönberger hat den Stadtumbau angestoßen und mit der Neuen Mitte – nach einigen Anlaufschwierigkeiten – ein Zentrum für die auf viele Orte verteilte Kommune geschaffen. Allerdings gab es auch Kritik an seinem Führungsstil und eine hohe Personalfluktuation auf dem Rathaus. Schönberger will sich auf jeden Fall erneut bewerben, alles andere ist noch völlig offen. Wahltermin ist der 6. Juli.
Tübingen: Boris Palmer muss kämpfen
Er ist wohl der OB mit der meisten Medienpräsenz im Land. Boris Palmer hat einiges in Tübingen erreicht, polarisiert aber durch seine Facebook-Postings zu Migrationsfragen und seine Rechthaberei. Es läuft ein Parteiausschlussvefahren, und auch Tübingens Grüne hadern mit ihm – ein Mitgliederentscheid im April soll Klarheit bringen. . Die langjährige grüne Kreisrätin und Ex-Fraktionschefin Ulrike Baumgärtner wird innerparteilich gegen ihn antreten. Palmer könnte aber auf die andere Öko-Gruppierung in der Stadt hoffen, die „Alternative Liste“, oder im Alleingang antreten. Ob er überhaupt im November kandidiert, hat er offen gelassen, doch es deutet vieles darauf hin.
Vaihingen/Enz: Gerd Maisch hat genug
Ein Paukenschlag: Der seit 2006 amtierende OB Gerd Maisch hört auf – obwohl seine Wiederwahl im Juli wohl relativ sicher gewesen wäre. Als Grund gab er den Streit um ein Bauprojekt an: Eigentlich will Vaihingen/Enz 2029 die kleine Gartenschau ausrichten, doch eine Gruppe will ein klimaneutrales Wohnquartier im Ortsteil Kleinglattbach für die IBA parallel durchsetzen, was Maisch für unmöglich hielt. Die Schärfe der Kritik und Anfeindungen haben ihm zugesetzt. 2019 hatte sich Maisch, Fraktionschef der Freien Wähler im Kreistag, vergeblich als Ludwigsburger Landrat beworben. Nun müssen sich die Lokalpolitiker erst einmal sortieren.
Waghäusel: Der erste OB setzt sich zur Ruhe
Erst seit 2013 ist Waghäusel (Kreis Karlsruhe) eine Große Kreisstadt. Damals stieg Bürgermeister Walter Heiler zum OB auf. Im Mai geht der SPD-Mann in den Ruhestand. Die vorgezogene Neuwahl ist am 6. März, kurz vor Heilers 68. Geburtstag. Um seine Nachfolge bemüht sich sein Bürgermeister Thomas Deuschle (CDU). Der einstige Pressesprecher des glücklosen Kornwestheimer Ex-OB Ulrich Rommelfanger (CDU) hat seine Bewerbung schon eingereicht.
Waiblingen: Hesky will noch einmal umsatteln
Ziemlich überraschend hat der parteilose Waiblinger OB Andreas Hesky im Juli erklärt, mit 57 Jahren noch einmal eine andere berufliche Herausforderung zu suchen. 2006 war er unter sechs Bewerbern mit 54 Prozent gewählt worden, die Wiederwahl 2014 war mit 97 Prozent unumstritten. Nun hört er nach 16 Jahren auf – das Rennen um seine Nachfolge wird am 6. Februar entschieden. Als erster hat Sebastian Wolf (CDU), der Erste Bürgermeister der Stadt Ehingen bei Ulm, seinen Hut in den Ring geworfen. Bis 10. Januar läuft noch die Frist.
Weingarten: Der natürliche Nachfolger winkt ab
Nach einem schweren Autounfall kurz vor Weihnachten 2018 sitzt der Amtsinhaber Markus Ewald (parteilos) im Rollstuhl. Die Folgen seiner Verletzungen haben den 57-Jährigen nun dazu bewogen, nach 14 Jahren das Rathaus von Weingarten (Kreis Ravensburg) zu verlassen. Die vorgezogene Neuwahl findet im April statt. Natürlicher Nachfolger wäre der Erste Bürgermeister Alexander Geiger (CDU), der Ewald während dessen Aufenthalt in Klinik und Rehabilitation fast ein Jahr lang vertrat. Er tat dies zur Zufriedenheit aller, gilt als ruhiger und klarer Typ. Doch er will offenbar nicht. Andere Kandidaten haben sich bisher nicht aus der Deckung gewagt. „Wir suchen auf jeden Fall“, sagt der Grüne Claus Keßel, Sprecher der stärksten Gemeinderatsfraktion.