Jürgen Großmann gab Anfang des Jahres bekannt, dass er ein weiteres Mal zur OB-Wahl in Nagold antreten will. Foto: Manuel Kamuf

16 Jahre sind ihm nicht genug. Jürgen Großmann strebt eine dritte Amtszeit als Oberbürgermeister der Stadt Nagold an. Warum? Auch das beantwortet er im Interview.

Nagold hat einen „guten Lauf“ – sagt der Oberbürgermeister. Und er bleibt im sportlichen Bild: Einige Projekte wolle er noch „über die Ziellinie“ bringen. Zur Ankündigung seiner erneuten Kandidatur als Oberbürgermeister der Stadt Nagold stand Jürgen Großmann Rede und Antwort.

 

Herr Großmann 16 Jahre in Nagold sind offensichtlich nicht genug, warum streben Sie eine dritte Amtszeit an?

Weil mir dieses Amt die Möglichkeit zum Austausch mit vielen Akteuren gibt, um gemeinsam unsere Stadt und ihre Stadtteile weiter zu entwickeln und zu gestalten. Das ist für mich herausfordernd und inspirierend gleichermaßen. Meine Frau und ich haben große Freude an der Vielfalt dieser Aufgaben, die viele Begegnungen mit allen Generationen mit sich bringen. In arbeitsintensiver Vorbereitung sind jetzt zahlreiche bedeutsame Projekte auf dem Weg, die ich noch gerne erfolgreich über die Ziellinie bringen möchte und ich bin weiter bereit, dafür die Verantwortung zu tragen. Nagold hat einen guten Lauf!

Also ist da mehr Lust als Frust?

Ja, Nagold und seine Stadtteile haben noch viel Potenzial zur Weiterentwicklung und ich habe klare Vorstellungen zu den Herausforderungen und Chancen der Stadtentwicklung. Gleichzeitig gilt es, unseren acht Stadtteilen weiterhin die Möglichkeit für ein lebendiges Wachstum zu geben. Klar, nicht jeder Tag im Amt ist ein Freudentag, was auch überhaupt nicht sein muss. Seit meinem 18. Lebensjahr bin ich in der Kommunalpolitik durch öffentliche Mandate aktiv. Da hat man gelernt, auch mit Enttäuschungen angemessen umgehen zu können. Unterm Strich macht Nagold immer Lust auf mehr!

Es gibt Menschen, im Übrigen auch Kollegen von Ihnen, die sagen: zwei Amtszeiten, das reicht! Manche sagen sogar, man sollte die Amtszeit eines Stadtoberhaupts auf 16 Jahre beschränken. Was entgegnen Sie da?

Es gibt viel mehr Menschen, die erkennen und sagen, dass in der Kontinuität mehr Chancen als Nachteile liegen: Es braucht einfach Zeit, um bedeutsame und nachhaltige Projekte entwickeln, planen und umsetzen zu können. Nagold hat auf ein Jahrhundert gesehen enorm von den wenigen Oberbürgermeistern mit ihren langen Amtszeiten profitiert. Im Übrigen: bei der jüngsten Novelle der Gemeindereform hat der Gesetzgeber die Weichen genau in die andere Richtung gestellt, indem er die Altersbegrenzung von Kommunalwahlbeamten gestrichen hat. Darüber hinaus setzte er weitere Anreize in der Dienstrechtsreform für amts- und lebenserfahrene Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister, um diese langfristig und nachhaltig für diese Aufgabe gewinnen zu können.

Doch auch in der Kommunalpolitik wird der Ton rauer. Anfeindungen auf Social Media sind für ein Stadtoberhaupt fast schon Tagesgeschäft. Schuld sind immer „die da oben“ und natürlich auch „die im Rathaus“. Wie gehen Sie damit um?

Es ist mir wichtig, nahe bei den Sorgen und Anliegen der Bürgerinnen und Bürger sein zu können! Hierzu habe ich viele Möglichkeiten zum direkten Kontakt mit Menschen und nutze diesen auch, um zu zeigen, dass der Gemeinderat, meine Stadtverwaltung und ich ein großes Interesse an einem sachlichen und gemeinwohlorientierten Austausch haben. Klar, ich bin unabhängig und populäre Anwandlungen sind nicht mein Ding. Wer mit mir zu tun hat, weiß, woran er ist und darauf kann er sich auch verlassen. Ich mag den offenen, verbindlichen, direkten und konstruktiven Austausch. Das ist sehr arbeitsintensiv und durchaus auch stressig, jedoch ist beides im Amt des Oberbürgermeisters auszuhalten. Social Media nutze ich aktiv und gegebenenfalls reagiere ich auf Beiträge, wenn ich es für geboten und erforderlich halte.

Wie groß war denn die Versuchung, sich all der oft auch unseriösen Kritik und dem Stress zu entziehen? Wann und wie fiel die Entscheidung, eine dritte Amtszeit anzustreben?

In den letzten 16 Jahren in Nagold gab es keine einzige Phase, in der ich mich aus dem Amt verabschieden wollte. Es gab selbstverständlich enorme Belastungen, wie zum Beispiel im Vorfeld der Landesgartenschau die Diskussion um die Schlossbergtreppe oder die nicht abwendbare Schließung des Gertrud-Teufel-Seniorenzentrums mit der sich anschließenden sehr erfolgreichen Neukonzeption der Seniorenpflege in unserer Stadt. Das alles hat mich jedoch zu keiner Zeit entmutigt. Das Ziel, eine dritte Amtszeit anzustreben, war latent immer da, ist jedoch final erst gefallen, nachdem ich die Möglichkeit gesehen habe, das große Bildungsprojekt Zellerschule umsetzen zu können. Wie ich beim Neujahrsempfang gesagt habe, so ist es: ich werde voraussichtlich im Sommer dieses Jahres den Baubeginn für das Projekt Zellerschule mit einem Volumen von rund 35 Millionen Euro freigeben und in der Folge wäre es nicht mein Verständnis von Verantwortung, mich im Herbst dann mit dem Motto „Macht´s mal gut“ in den Ruhestand zu verabschieden. Ich bin entschlossen und bereit, auch die damit verbundenen Folgen weiter mitzuverantworten und mitzutragen und dafür zu sorgen, dass dieses und viele weitere Projekte erfolgreich an den Start gebracht werden können.

Die Zeiten werden nicht einfacher. 2024 steuert Nagold auf eine riesige Neuverschuldung zu. Laut Haushaltsplan steigt die Verschuldung im Kernhaushalt von 8,9 Millionen auf 38,4 Millionen Euro. Und dafür bekommen wir ja noch nicht einmal eine neue Landesgartenschau. Eigentlich keine gute Zeit, um in einen OB-Wahlkampf zu ziehen…

… und trotzdem eine gute Zeit, um weitere Zukunftsprojekte zu skizzieren und für diese zu werben. Unsere Bürgerinnen und Bürger von deren Richtigkeit und Wichtigkeit zu überzeugen, ist eine lohnenswerte Herausforderung. Die Verschuldung entsteht im Übrigen durch wichtigste Investitionen unserer Stadt und davon werden die nachfolgenden Generationen profitieren. Finanzierungsherausforderungen gab es und gibt es immer. Sie dürfen uns jedoch nicht davon abhalten, weiter im Austausch und im Diskurs über die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt und ihrer Stadtteile ins Gespräch zu kommen. Zudem zwingt uns der Klimawandel zum Handeln. Wir wollen unsere Heimat als liebens- und lebenswerten Raum für die nachfolgenden Generationen weiter bewahren.

Mögen Sie eigentlich Wahlkampf? Und würden Sie sich als “guten“ Wahlkämpfer bezeichnen?

Ja, es macht mir große Freude, Herausforderungen anzunehmen und mich mit Herzblut und Engagement einzusetzen. Dabei miteinander zu reden und aufeinander zu hören ist inspirierend und erfüllend gleichermaßen. Eigene Vorstellungen aufzuzeigen und diese zur Diskussion zu stellen, ist mein Lebenselixier. Nahe an den Menschen sein zu können ist einfach erfüllend.

Vor acht Jahren hatten Sie keinen Gegenkandidaten. Wie schätzen Sie die Situation heute ein? Wie sicher sitzt ein OB Großmann im Sattel?

Meine Frau und ich wollen gerne weiter für Nagold und seine Stadtteile arbeiten. Dafür gehen wir auf viele Veranstaltungen und mögen den direkten Austausch. Wir machen keine Strategiespiele. Wir haben Lust und Freude an diesen Aufgaben und werden uns mit den gegebenen Rahmenbedingungen arrangieren.

Zum Abschluss würde ich Sie noch bitten, folgende Sätze zu vervollständigen.

Wenn ich nicht OB in Nagold wäre, dann wäre ich heute…

… was Anderes.

Ich entspanne am besten…

… in einem Konzert oder beim Joggen oder Ergometer-Training.

Der pure Stress ist für mich…

… die häufige Termindichte und die damit verbundene Herausforderung, in jeder Lebenssituation möglichst allen Anforderungen einigermaßen gerecht werden zu können.

Kommunalpolitik ist…

… der Politikbereich mit den allergrößten Gestaltungsmöglichkeiten.

Als Bundespolitiker würde ich…

… mich um ein kommunalpolitisches Wahlmandat bemühen.

Ich mag es besonders, …

… erleben zu dürfen, wenn Menschen Freude und Begeisterung an und für Nagold entwickeln.

Ich mag gar nicht, …

… wenn mir die Wahrheit vorenthalten wird.

Kultur ist für mich…

… bereichernd, inspirierend und ein großer Teil meines Lebens.

Besonders beeindruckt mich…

… wenn Menschen sich ehrenamtlich in unserer Stadt und den Stadtteilen engagieren und auf diese Weise den Nagolder Bürgersinn leben.

Als Politiker schätze ich besonders...

...alle, die bereit sind, ihr Leben in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen und dafür auch die Verantwortung zu übernehmen.

Diese Person aus der Geschichte hat mich besonders beeindruckt...

... Jesus von Nazareth.

Zur Person

Persönliches
Jürgen Großmann wurde am 8. März 1962 in Wart geboren. Er ist verheiratet.

Berufliches
Nach dem Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Calw studierte Jürgen Großmann Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen. Im Januar 1988 legte er sein erstes und im Januar 1991 sein zweites juristisches Staatsexamen mit Prädikat ab. Zehn Jahre arbeitete er als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Familienrecht in Nagold.