Die Mitarbeiter der Rettungsdienste geben Gas – doch das reicht oft nicht Foto: dpa

In Stuttgart halten Notärzte und Rettungswagen die gesetzlich vorgegebenen Fristen ein. In der Region und im Land ist das oft anders. Im vergangenen Jahr sind die Werte landesweit sogar wieder schlechter geworden. Mitarbeiter der Rettungsdienste machen sich deshalb Sorgen.

Stuttgart - Ein Schrittchen vorwärts, eins zurück. So lautet in weiten Teilen der Region und Baden-Württembergs seit Jahren das Motto für Notärzte und Rettungswagen. Sie müssen eigentlich in mindestens 95 Prozent der Einsätze binnen höchstens 15 Minuten am Ziel sein. Diese gesetzliche Hilfsfrist wird immer wieder in vielen Regionen verfehlt. Zuletzt ist die Entwicklung leicht positiv gewesen – doch 2013 geht die Tendenz wieder deutlich nach unten.

37 Rettungsdienstbereiche gibt es in Baden-Württemberg. Bei den Notärzten ist die Hilfsfrist im vergangenen Jahr nur in fünf davon eingehalten worden. Bei den Rettungswagen waren es 15. Die Werte sind deutlich schlechter als 2012, als sie immerhin noch acht und 25 betragen hatten. Zu oft kommen die Retter zu spät beim Patienten an. Vor allem in ländlichen Gegenden. Aber nicht nur dort.

Die Schlusslichter sind die Bereiche Waldshut, Lörrach, Sigmaringen, Freudenstadt oder Hohenlohe. Dort liegt die Quote teils nur bei 85 Prozent. Tausende Einsätze haben die Vorgaben damit verfehlt. Allerdings muss man gar nicht so weit fahren, um als Patient im Notfall nicht sicher sein zu können, wie lange die Retter brauchen.

Auch in der Region Stuttgart liegt einiges im Argen. Zwar führt die Landeshauptstadt die Tabelle als Positivbeispiel an, allerdings erfüllt sie die Vorgaben zumindest bei den Notärzten als einziger Kreis. Sowohl in Böblingen als auch in Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und im Rems-Murr-Kreis ist die 95-Prozent-Quote verfehlt worden. Böblingen und Esslingen haben die Latte auch bei den Rettungswagen knapp gerissen.

Nach Meinung vieler Experten kann die Lösung nur lauten: mehr Geld von den Krankenkassen, die in Baden-Württemberg knausern. Nach Recherchen unserer Zeitung bezahlen sie in keinem anderen Bundesland weniger für die Notfallrettung. Auch deshalb fehlt es besonders in ländlichen Gegenden an Rettungswagen und Standorten.

Ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes im Landkreis Ludwigsburg beispielsweise beklagt gegenüber unserer Zeitung, dass es besonders im Strohgäu und im Bottwartal immer wieder zu Engpässen komme. Die könne man mit weiteren Notarzt- und Rettungswagenstandorten in den Griff bekommen. Dafür sei aber kein Geld da. Der Bereich Ludwigsburg verzeichnet mit einer Quote von 90,9 Prozent bei den Notärzten den schlechtesten Wert in der Region Stuttgart. In manchen Randgebieten dürfte die Quote freilich noch viel niedriger ausfallen.

„Wir sind nicht glücklich mit der Entwicklung und würden gerne noch schneller retten“, sagt Udo Bangerter vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Der Sprecher des Landesverbandes Baden-Württemberg beklagt: „Der Schwachpunkt liegt im System. Wir fahren überall auf Kante.“ Ohne zusätzliches Geld von den Kassen könne man keinen Puffer für Schwankungen erreichen und hinke angesichts steigender Einsatzzahlen zwangsläufig immer hinterher.

Beim Innenministerium ist man über die neuen Zahlen alles andere als glücklich. „Sie entsprechen nicht dem, was wir erwartet haben. Wir sind über die Entwicklung nicht erfreut“, sagt ein Sprecher. Nach drei Jahren mit einer positiven Tendenz sehe jetzt plötzlich vieles wieder anders aus. „Wir müssen die Ergebnisse jetzt analysieren, Ursachenforschung betreiben und gemeinsam mit unseren Partnern von den Rettungsdiensten nach Lösungen suchen“, so der Sprecher.

Ganz untätig gewesen ist man beim Land bisher aber nicht. Gemeinsam mit Hessen hat Baden-Württemberg jüngst einen erneuten Vorstoß unternommen, um die Notfallrettung in Deutschland auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Bundesrat hat dem Vorhaben zugestimmt. Der Vorschlag zielt darauf ab, den Rettungsdienst im Sozialgesetzbuch V neu zu regeln. Dort ist er bisher nur als Bestandteil der Fahrtkosten oder unter dem Punkt Versorgung mit Krankentransportleistungen geregelt. Auch der neue Rettungsdienstplan des Landes, der Details der Abläufe regelt, ist fertig und soll an einigen Stellen Verbesserungen bringen.

Das liegt im Sinne der Patienten – und der Rettungskräfte. „Wir möchten, dass die Hilfsfrist ernst genommen wird“, appelliert DRK-Sprecher Bangerter an Politik und Krankenkassen. Zwar sei sie neben der Qualität nur eines von mehreren Merkmalen einer guten Notfallrettung, aber „eine wichtige, maßgebliche Größe“. Deren derzeitiger Rückschritt niemandem gefallen kann.

Vorbild Stuttgart

Laut Gesetz müssen Rettungskräfte in Baden-Württemberg in mindestens 95 Prozent der Fälle nach einem Notruf innerhalb von zehn, höchstens aber 15 Minuten am Einsatzort sein. Diese sogenannte Hilfsfrist ist in vielen Landkreisen (darunter sämtliche Landkreise der Region) und auch in Stuttgart über viele Jahre teils deutlich verfehlt worden. Patienten klagten über lange ­Wartezeiten auch bei manchem dringenden Notfall, bis Rettungswagen oder Notarzt eingetroffen sind.

2009 hat die Stadt reagiert, nachdem durch unsere Zeitung schlechte Zahlen öffentlich geworden waren. Das gesamte Rettungswesen Stuttgarts kam auf den Prüfstand. Es wurden zusätzliche Rettungswagen in Betrieb genommen und zusätzliche Notarztstellen durch die Krankenkassen finanziert. Seither gibt es in der Landeshauptstadt vier feste Notarzt-Standorte. Viele Abläufe sind verbessert worden.

Die Maßnahmen haben Wirkung gezeigt. Seit mehreren Jahren wird die Hilfsfrist regelmäßig eingehalten. Stuttgart gehört damit zu den am besten aufgestellten Kreisen in Baden-Württemberg. Die Quote sowohl bei Notärzten als auch bei Rettungswagen liegt konstant zwischen 96 und gut 97 Prozent – auch im ersten Quartal 2014 und sogar leicht besser als 2013. „Der Rettungsdienst in Stuttgart ist strukturell richtig und gut geplant“, freut sich Hermann Karpf, Referent von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer.

Die Bürgerinitiative Rettungsdienst und das Forum Notfallrettung Stuttgart kämpfen seit langem gegen Missstände im Rettungswesen. Wie viele Experten fordern sie weitere grundlegende Änderungen – etwa einen Ärztlichen Leiter Rettungsdienst. Ein solcher könnte als unabhängige Instanz künftig in jedem Rettungsdienstbereich die Einhaltung der Qualität überwachen. Bisher fehlt eine solche Funktion im Land. (jbo)

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