Alno in Pfullendorf war mal die Marke der Besserverdienenden. Auf einen langen schleichenden Abstieg folgte 2017 die Insolvenz, dann die Rettung – und jetzt erneut die Pleite. Wie konnte es so weit kommen?
Pfullendorf - Der Ruhestand tut Hermann Zweifel eindeutig gut: gebräunte Haut, entspannte Stimmlage, nur die Andeutung von Falten im Gesicht. Ein Kaffee am späten Nachmittag macht ihm keine Magenprobleme. Es ging ihm schon schlechter, damals, als er wie einer von Odins Raben tiefrote Geschäftszahlen und Tatarenmeldungen über die nächsten großartigen Strategien an die Kollegenschaft übermitteln musste. Von 1994 bis 2012 war der heute 68-jährige Betriebsratschef und Aufsichtsratsmitglied beim Küchenbauer Alno, sein Berufsweg ähnelt einer Fahrt auf der Rutschbahn.
Anfangs ging es die Treppen steil nach oben. Bei einer „Weltmarke“ sei er als junger Mann eingestiegen, Alno habe mit „Schreinerqualität“ brilliert. „Früher hat’s geheißen, bei uns kann ein Elefant in den Küchenschrank sitzen.“ Am Ende kam Zweifel oft zermürbt aus den Verhandlungsrunden über den nächsten Personalabbau mit der Kapitalseite im Aufsichtsrat. „Irgendwann waren wir froh, dass wir es geschafft hatten, dass nicht gleich hundert Leute entlassen werden.“ Die Schränke aber: nur noch verdübelt, nicht mehr zusätzlich verleimt.
Der Weg in die Krise
Als Zaungast verfolgt Zweifel, was seit seinem Abschied geschieht. Alno blieb eine Drehtür für Vorstände und Investoren, Umsätze und Personalbestand schrumpften – von ehemals knapp 2500 Beschäftigten auf jetzt noch 230. Im Jahr 2017 dann die erste endgültige Pleite, Justizermittlungen und 2019 eine Klage des damaligen Insolvenzverwalters gegen das Management um den Schweizer Max Müller wegen des Vorwurfs der verschleppten Insolvenz und des Betrugs beim Landgericht Hechingen. Das Verfahren, in dem Gutachter eine wichtige Rolle spielen, schwebt noch. Die alte Aktiengesellschaft wurde, überwiegend zulasten der Gläubiger, abgewickelt. Noch einmal gelang es in der um sich greifenden allgemeinen Verzweiflung, die Pferde zu wechseln, der britische Investor Blackrock schwang sich zum Retter auf, hob die Neue Alno GmbH aus der Taufe. Nach nicht einmal vier Jahren ist auch damit Schluss. Die Firma steht erneut zum Verkauf.
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Die Zukunft der Verbliebenen im Möbelwerk oberhalb der 13 000-Einwohner-Stadt liegt in den Händen der beiden Geschäftsführer Jochen Braun und Michael Spadinger – der eine Finanzfachmann mit Erfahrung aus „investorenfinanzierten Unternehmen“, der andere produktaffiner, wortgewandter „Küchenmann“ mit einem Vorleben als Exportleiter des Alno-Konkurrenten Nolte, und beide erst seit 2020 auf ihren aktuellen Leitungsposten. Für Alno beziehungsweise die Geldgeber bei Riverrock müssen sie jetzt einen möglichst guten Preis holen. Für Spadinger sind hier ausschließlich hehre Absichten gescheitert. „Raubtierkapitalismus ist das absolut falsche Wort“, sagt er. Die Produktion laufe, die Belegschaft sei „hochmotiviert“.
Der Bürgermeister ist platt
Wer die Geldgeber sind, die sich über den European Growth Fund II von Riverrock bei Alno eingekauft haben, welcher Verkaufspreis nun ausgerufen ist, will Braun, der zum Sakko schnelle Sneakers trägt, nicht verraten. Da bitte er um Verständnis, sagt er. „Privatleute und Pensionsfonds“ seien hier im Hintergrund aktiv. Das Coronajahr habe den Fond auf breiterer Linie in Bedrängnis gebracht. Dessen Rückzug habe „mit Alno speziell gar nichts zu tun“.
Die Pfullendorfer, die sich die Freiheit nehmen dürfen, das Wirken im 250 000 Quadratmeter großen, längst weitgehend untervermieteten Alno-Industriepark am Ergebnis zu messen und nicht an den wechselnden Absichten, sind ermüdet von dieser Art von Wirtschaftssemantik. Der Bürgermeister Thomas Kugler bekennt, er selber sei „platt“ gewesen, als ihn die Nachricht von der nächsten Insolvenz ereilte. „Ich dachte, dass sich die Firma freigeschaufelt hat.“ Das ganz große Erschrecken aber habe sich über die Jahre abgenutzt: „In der Bevölkerung gibt es nicht mehr die Emotionen wie 2010, als man Alno verlagern wollte“, stellt er fest.
Ein Boss nach dem anderen
Es gab einen Vorstandschef vor elf Jahren, Jörg Deisel mit Namen, der die Verwaltungszentrale gegen alle Widerstände ins noble Düsseldorf verlegt hatte und in Pfullendorf nur noch ein paar Werkbänke stehen lassen wollte. Da wurden Arbeiter zu Demonstranten, sie zogen vor dem Werk und in der Innenstadt auf. Deisel musste auf Druck der Aktionäre gehen, die Zentrale kam zurück, Müller trat als nächster vermeintlicher Retter auf, entschwand notgedrungen 2017, ihm folgte ein Herr Brenner, Gewährsmann des damaligen Großaktionärs Tahoe Investors, hinter dem die bosnische Unternehmerfamilie Hastor stand, und dann weitere Namen, die Geschäftsführer Spadinger – so viel Urteil riskiert er doch – heute unter die Rubrik „Nicht-Küchenfachleute“ fasst.
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In der Demo auf dem Pfullendorfer Marktplatz stand 2010 auch Gewerkschafter Michael Föst, schon seit 1995 bei der IG Metall und heute deren Erster Bevollmächtigter mit Dienstsitz in Albstadt, wo zugleich die zuständige Gewerkschaft Holz und Kunststoff beheimatet ist. „Ich weiß nichts“, poltert Föst erst auf die Frage, wie es so weit kommen konnte mit Alno. Er und seine Kolleginnen würden, seit Riverrock am Ruder sitze, nicht mehr vom Pfullendorfer Betriebsrat eingeladen oder auch nur informiert. Vermutlich gerade deswegen sagt Föst dann doch etwas. Riverrock habe das Küchen-Stammwerk 2017 samt Maschinen ohne Schulden für rund 20 Millionen Euro gekauft, und die Beschäftigten hätten Einkommenseinbußen hinnehmen müssen. Alles für nichts. „In nur dreieinhalb Jahren ein Unternehmen ohne Schulden in die Insolvenz zu treiben, muss man auch erst mal hinbekommen.“ Bezahlen müssten jetzt vermutlich wieder Lieferanten, Vertriebspartner und Kunden. Fösts Fazit: „Die letzten Reste eines ehemals stolzen Unternehmens liegen als Scherbenhaufen am Boden.“
Der Börsengang als Grundübel
Beim Namen Föst verdunkeln sich bei den Geschäftsführern Braun und Spadinger die Mienen. Der aktuelle Betriebsrat werde Gründe haben, weshalb auf die Hilfe der IG Metall verzichtet werde, sagen sie. Aber Ex-Betriebsratschef Zweifel hat gute Erinnerungen an Föst. Oft habe er früher mit ihm Kontakt gesucht, auch wenn man nicht immer einer Meinung über Verhandlungsansätze gewesen sei. Doppelpässe zwischen Belegschaft und Gewerkschaft seien die Normalität und nicht das Problem. Ein Grundübel, so deutet Zweifel es rückblickend, sei vielmehr der Börsengang 1995 gewesen, ins Werk gesetzt von Arthur Nothdurft, Sohn und Nachfolger des Firmengründers Albert Nothdurft.
Im Jahr 1995 bewirkte der Unternehmenserbe, in dessen Familie sich kein Nachfolger mehr finden ließ, die Umwandlung von Alno in eine Aktiengesellschaft. Es folgte, wie frühere Beschäftigte schildern, was sich oft beobachten lässt, wenn die schnelle Rendite zum dominierenden Faktor wird: Die hauseigene Lastwagenflotte zur Belieferung von Möbelhäusern wurde abgeschafft, dann mussten die Monteure Externen weichen. Die Luft gefror weiter. Bald in den 90er Jahren kam es zu Zerwürfnissen mit Möbel- und Küchenfachhändlern, die sich – eine Eigenheit der Branche – in gut einem Dutzend Einkaufsverbänden organisieren, die wiederum große Mengen bei den Herstellern ordern und so die Preise mitdiktieren. Alno steckte zunehmend in Margenkämpfen, die mit einem angejahrten Maschinenpark nicht zu gewinnen waren. Nach dem Börsengang gab es fast nur noch Verlustjahre. Die Vorstände versuchten in schneller Frequenz, den Fehlbeträgen mit dem Abbau von Personal hinterherzusparen.
Die Konkurrenz enteilt
Alles verstärkend trat auch noch eine Konkurrenz aufs Feld, die nach Zweifels Meinung zu lange niemand ernst nehmen wollte: Nobilia aus dem nordrhein-westfälischen Verl. Während Alno in den Neunzigern noch Inselfertigung betrieb, bei der alle Teile innerhalb der Fabrik zugetragen wurden, hatte der neue deutsche Spieler, der heute klarer Marktführer ist, seine Schränke auf moderne Fertigungsbänder gesetzt. Alno, resümiert Zweifel, sei letztlich an eigenen Managementfehlern zugrunde gegangen. „Man hat geglaubt, uns kann keiner was.“ Währenddessen habe es Jahre gegeben, da seien in Italien bestellte und auf Halde gelagerte Spanplatten und Werkmaterialien für die Schränke am Ende „zu einem Drittel verschrottet worden“.
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Im Pfullendorfer Empfangsgebäude führen Braun und Spadinger durch den Showroom im ersten Stock. Dies ist Spadingers Reich, er demonstriert fingerprintresistente Dekoroberflächen in Keramik oder Melanin. Rund 900 Varianten seien bei Alno pro Küchenschrank wählbar, diese Vielfalt sei unerreicht von der Billigkonkurrenz. Zwei junge Frauen verlieren sich schlendernd in der Musterküchenschau.
Wie geht es nun weiter?
Wie groß ist der Investitionsstau? Ein nächster Käufer müsse wohl schon Geld mitbringen, deutet Braun an. „Einige unserer Maschinen können Daten, die reinkommen, nicht verwalten.“ Wird Alno am Ende Teil der Nobilia-Gruppe? Oder aufgesaugt von chinesischen Investoren, so wie zuletzt die Küchenhersteller Poggenpohl, Siematic und Warendorf? Oder von japanischen, wie Allmilmö im Jahr 2017? Keine Prognose, die Käufersuche laufe im „globalen Maßstab“, sagt Spadinger bloß.
Vor wenigen Tagen hat das Amtsgericht Hechingen dem Unternehmen den Versuch gestattet, die Insolvenz flankiert durch einen vorläufigen Sachwalter in Eigenregie zu bewältigen. Das lässt bis Jahresende noch Beinfreiheit für Riverrock. Die Zeit drängt, Headhunter umschwirren die letzten Beschäftigten. „Jeder hofft, dass Alno noch mal die Kurve kriegt“ , sagt der Bürgermeister Thomas Kugler.
Hermann Zweifel glaubt, der Markenname Alno sei immer noch „Millionen wert“ und werde leicht veräußert werden können. Aber das Werk? Zwei Küchenhersteller haben kürzlich neue Planungsbüros in der Stadt eröffnet, das nötige Fachpersonal war nicht weit. Er nimmt noch einen Schluck Kaffee. „Mein Gefühl sagt mir mittlerweile: Das war’s.“