Die Münchner zeigen Meisterleistungen selbst dann, wenn diese gar nicht mehr nötig sind. Die Gier des Vereins und der Mannschaft nach immer neuen Titeln und Rekorden ist unersättlich – daran lassen die wichtigsten Spieler keine Zweifel.
München/Stuttgart - Der FC Bayern holte die neunte Meisterschaft nacheinander, und trotzdem ist es nicht gewesen wie immer. Weil diesmal kein Spiel nötig war, zumindest nicht in München. Im Bus, im Umkleidetrakt und beim Spaziergang über den Rasen hatten die FCB-Profis miterlebt, wie Verfolger RB Leipzig 2:3 bei Borussia Dortmund unterlag – damit war der Titel perfekt. Ein seltsames Gefühl? Klar. Aber keines, das den Tatendrang bremste. Der FC Bayern bezwang danach Borussia Mönchengladbach mit 6:0, und Trainer Hansi Flick schwärmte: „Das Spiel war eines Meisters würdig.“
Der Titel
Nach getaner Arbeit wurde ausgepackt. Auf den roten T-Shirts und Mützen prangte die weiße „9“, die Spieler tanzten im Kreis und riefen immer wieder: „Campeones!“ Es gab (noch) keine Schale, keine Fans, keine Weißbier-Duschen – dafür aber einige interessante Sätze. „Wir haben demonstriert, dass wir die wahre Nummer eins in Deutschland sind“, tönte Kapitän Manuel Neuer. Zugleich erklärte Tomas Müller, der dank seiner nun zehn Titel gemeinsam mit David Alaba Spieler-Rekordmeister ist, das Phänomen nie nachlassender Motivation. „Dieses Gefühl des Gewinnens, des Besserseins als der Gegner, das gibt einem den Kick“, sagte der Ur-Bayer. „Dieser Kick dauert allerdings nicht lange, deswegen versucht man, ihn sich immer wieder zu holen.“
Für die Konkurrenz musste sich das anhören wie eine Drohung, wozu auch die Äußerungen von Oliver Kahn passten. Zehn Meisterschaften in Folge zu holen, so eine Serie sei „noch keiner Mannschaft auf diesem Planeten gelungen“, meinte der Ex-Torwart, der beim FC Bayern bald das Sagen haben wird. „Darauf sind wir heiß!“ Es war eine klare Kampfansage, auch wenn Kahn, was Statistiken angeht, Nachholbedarf hat. Denn den (inoffiziellen) Weltrekord hält der FC Tafea. Der Club gewann von 1994 bis 2009 gleich 15-mal die Meisterschaft des Inselstaats Vanuatu im Südpazifik. Noch hat der FC Bayern seine Arbeit also nicht ganz erledigt.
Der Torjäger
Wie viele seiner Kollegen sprach auch Robert Lewandowski am Samstag über Ehrgeiz, Motivation, Antrieb. Und den nächsten Kick. Oder besser: die nächsten zwei. Die Spiele beim SC Freiburg und gegen den FC Augsburg bleiben ihm noch, um den legendären Gerd Müller einzuholen oder ihn hinter sich zu lassen. 40 Tore hat der „Bomber der Nation“ 1972 in einer Saison erzielt. Lewandowski steht nach seinen drei Treffern gegen Borussia Mönchengladbach bei 39. Und sagte: „Es hilft nicht, wenn du es zu sehr willst.“ Das widersprach allerdings seinem Auftritt auf dem Rasen, wo die Gier unübersehbar war. Um diese zu stillen, muss der Weltfußballer nur tun, was ihm Thomas Müller riet: „Wenn er die Dinger reinmacht, die wir ihm auflegen, wird es klappen.“
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Die Mitspieler, das zeigte sich beim 6:0-Kantersieg immer wieder, tun alles, um den Polen möglichst oft in möglichst gute Position zu bringen, was auch dem Trainer gefällt. „Gerd Müller war das Idol meiner Jugend“, sagte Hansi Flick, „aber wenn Lewy es schafft, hat er es mehr als verdient. Es wäre sensationell.“ Uli Hoeneß, der frühere FCB-Präsident und Mitspieler von Gerd Müller, sicherte sich vorsorglich schon mal die Deutungshoheit für den Fall, dass Lewandowski den Rekord bricht: „Dann wäre er der Torschützenkönig aller Torschützenkönige.“
Der Trainer
Nach der Roten Karte für FCB-Profi Tanguy Nianzou wegen einer umstrittenen Notbremse lieferte sich Flick am Spielfeldrand ein kleines Wortgefecht mit Gladbach-Manager Max Eberl („Zeig mir keinen Vogel, Hansi – das mag ich nicht!“), die Freude über das 6:0 konnte das aber nicht trüben. Zusammen mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge stieß der Trainer mit einem Glas Schampus auf den siebten Titel in eineinhalb Jahren an. Und bedauerte dabei den aus seiner Sicht schalen Beigeschmack. „Dieses Jahr war es leider nur die Meisterschaft“, sagte Flick, der mit seinem Team in der Champions League (an Paris St-Germain) sowie im Pokal (an Holstein Kiel) vorzeitig gescheitert war. Und vor seinem selbst gewählten Abschied von Rummenigge dennoch die Absolution erhielt.
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Der FCB-Boss riet dem Deutschen Fußball-Bund, Flick endlich als Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw zu verpflichten: „Worauf die warten, weiß ich nicht. Man kann dem Verband nur dringend empfehlen, bei dieser Personalie schnellstmöglich Klarheit zu schaffen. Es wäre ein Drama, wenn Flick ins Ausland geht. Durch seine Erfolge beim FC Bayern ist er dort heiß begehrt.“ Angeblich steht die Verkündung durch den DFB kurz bevor, was Flick aber nicht bestätigen mochte. Stattdessen sagte er: „Ich habe Lust, weiter Trainer zu sein – bei einer Mannschaft, die in der Lage ist, Titel zu gewinnen.“ Wie das geht, hat er zur Genüge bewiesen.
Die Tribüne
Im letzten Spiel der Saison, am 22. Mai gegen den FC Augsburg, erhält der FC Bayern nicht nur die Schale. Es gibt auch eine Abschiedszeremonie für Flick, Alaba, Boateng, Martinez – und das womöglich vor Fans. Hofft zumindest Karl-Heinz Rummenigge angesichts steigender Impf- und sinkender Inzidenzzahlen: „Es wäre toll, wenn ein paar Zuschauer dabei sein dürften, um diesen großartigen Menschen Beifall zu geben.“ Ob das auch für das Münchner Gesundheitsamt ein wichtiges Argument ist?