„Swan Cake“ heißt diese Party am See. Tanzen heißt für den israelischen Choreografen Hofesh Shechter überleben – das gilt auch für seinen Blick auf einen Ballettklassiker. Foto: Jeanette Bak/GD

Lodernde Flammen, höllische Klänge: Im Theaterhaus holen vier Choreografen auf Einladung von Gauthier Dance den Balletthit „Schwanensee“ von der Märchenseligkeit in die Gegenwart.

Stuttgart - Auf dem Einlassstempel, den jeder am Donnerstag von der Geprüft-Genesen-Geimpft-Kontrolle am Eingang zum Theaterhaus erhält, steht „witzig“. Anlass für Heiterkeitsattacken wird das, was dann bei der Premiere von „Swan Lakes“ auf der Bühne passiert, aber kaum bieten. Schließlich geht es auch darum, dass uns die Welt unterm Hintern brennt.

 

Immerhin versprüht der Gastgeber Eric Gauthier die gewohnt gute Laune, was verständlich ist: Endlich sind seine Tänzer zurück auf der Bühne, und das vor prominentem Publikum. Gleich zwei Stuttgarter Oberbürgermeister, der alte und der neue, sitzen in der ersten Reihe. Dem amtierenden überreicht Gauthier nach der Begrüßung frech seine Armbinde in Regenbogenfarben, um ihm, wie er sagt, das Warten auf die große Fahne zum Christopher Street Day zu versüßen.

Frauen trumpfen auf

Über einen Mangel an Diversität auf der Bühne kann man sich an diesem Abend nicht beklagen. Männer tragen Dutt und tanzen wie Frauen, Frauen trumpfen wie Männer auf, die gleitende Verwandlung ist selbst Thema. Dass „Schwanensee“ gleich viermal auf dem Programm und auf dem Prüfstand steht, würde niemand vermuten, der beim Ticketbuchen nur auf die Choreografennamen geschaut hat.

Doch tatsächlich: Der Ballettklassiker war Ausgangspunkt für Cayetano Soto, Marie Chouinard, Marco Goecke und Hofesh Shechter. Die Resultate sind so unterschiedlich, wie die Perspektiven im 21. Jahrhundert vielfältig sind. Beim Suchen danach, was vom ikonischen Schwanen-Bewegungsvokabular Bestand hat, bleibt der Blick vor allem an den Armen und Händen hängen. Das Flügelschwingende, das Vogelhalsbewegliche fasziniert nach wie vor und taucht in allen vier Uraufführungen auf. Von den in Schwäne verzauberten Mädchen, die nur die Liebe retten kann, erzählen diese Gesten auf jeweils eigene, teilweise sehr aktuelle Weise. Tschaikowsky-Wohlfühlsound? Fehlanzeige.

Cayetano Soto zeigt, wie uns die Zeit davonläuft

Der Jüngste macht den Anfang. „Untiteld for 7 Dancers“ heißt Cayetano Sotos Beitrag für drei Frauen und vier Männer. In schwarze Ganzkörperanzüge verpackt, winden sich die Tänzer in animalisch weichen Bewegungen um sich selbst, sind eher Schlangenmenschen als Schwanenmädchen, wenn sie über den Boden gleiten. Wie ein Gegenentwurf wirkt die Antwort des Spaniers auf den Ballettklassiker. Um den Prozess der Verwandlung geht es ihm, der macht uns Menschen immer Angst. Eine Uhr zählt die Sekunden, die das Stück dauert, in Zehnteln, Hundertsteln, Tausendsteln runter: Klassik ist Präzisionsarbeit, mag das sagen, aber ihre Zeit läuft ab. Soto gelingen zu sehnsuchtsvollem Elektrosound sich schön überlagernde Gruppenmotive, doch an der extrem ausgestellten Dehnbarkeit der Damen hat man sich sattgesehen.

Marie Chouinard legt Feuer

Die Dringlichkeit in ihrem Tun ist das, was alle vier Choreografen eint. Marie Chouinard sieht in „Schwanensee“ vor allem den Mann, der auf Frauenjagd geht. Also zündet sie die Welt an und lässt in „Le chant du cygne: le lac“ acht Tänzerinnen als geschundene Kreaturen vor lodernden Flammen über die Bühne kriechen; kurze Kanthölzer sind ihre letzten Rettungsinseln. Louis Dufort verwandelt dazu in seinem Klangdesign ein paar Tschaikowsky-Takte in einen Höllensound. Tutus, Spitzenschuhe, jeweils an einer Hand und einem Fuß getragen, weiße Perücken: Auch wenn sie Bewegungen auf wenige Motive begrenzt, beeindruckt die Kanadierin mit einer Anverwandlung, die vom Flüchtlingselend bis zum Klimawandel offen ist für Interpretationen. Eine gibt uns Chouinard selbst an die Hand, wenn sie die Tänzerinnen den Protestsong „Un violador en tu camino“ skandieren lässt, mit dem die chilenischen Frauengruppe Lastesis Femizid und Gewalt gegen Frauen anklagt.

Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Marie Chouinard, einzige Frau im „Swan Lakes“-Quartett

Marco Goecke sieht rosa

Marco Goecke denkt bei „Schwanensee“ zuerst an Björk und hat einen ihrer Songs zur Schonung des Budgets sogar selbst eingesungen. Das auf die Spitze Getriebene eint den Popsound der Isländerin, das klassische Ballett und Goeckes Ästhetik. „Shara Nur“ heißt sein Stück für zwei Frauen und vier dutttragende Männer nach einem fernen See; wer hineinsteigt, den färben Mineralien rot. Spitzenhemden greifen die Farbe auf; und vielleicht erzählt der Tanz, wie immer hochkomplex verästelt in den nervösen Bewegungen und Begegnungen, vom Verlust der Unschuld und von Verrat, um den es auch in „Schwanensee“ geht. Sich näherkommen und sich doch nicht nahe sein können: Das ist auch Goeckes Thema.

Hofesh Shechter sorgt für Party-Stimmung

Hofesh Shechter weiß, wie Nähe gelingt: als Ritual, dem spirituelle Kräfte innewohnen, als gemeinsamer Tanz, der Menschen zusammenbringt. Die Musik der kleinen Schwäne hat er am Computer mit Fanfaren und viel Perkussion unkenntlich gemacht, die unterkühlte Geometrie ihrer Reihen in lebendigste Party-Anarchie verwandelt. Sind da wirklich nur acht Tänzer am Werk? Der israelische Choreograf feiert das Leben in der gemeinsamen Bewegung, statt mit Klassikerkuchen füttert er uns mit Brot. Tanzen wird so nicht nur für todgeweihte Schwäne ein gutes Überlebensmittel, sondern könnte aus mancher Krise helfen. Das ist in seiner choreografischen Umsetzung nicht unbedingt abwechslungsreich gestaltet, aber maximal mitreißend. Und so klingt der Abend mit „Swan Cake“ nicht witzig, aber doch hoffnungsfroh aus.

Info

Termine Für alle Vorstellungen gibt es noch Karten. Termine sind vom 25. bis 27. Juni sowie am 3. und 4. Juli. TV-Ausstrahlung auf 3 Sat am 28. August, 21 Uhr.