Krebsforscher aus Heidelberg und Mannheim klären, auf welchem Weg Tumore die Entstehung von Metastasen unterdrücken. Sie erhoffen sich durch diese Entdeckung neue Ansätze für eine Therapie.
Krebszellen, die sich vom Primärtumor absondern, gelangen in entfernte Körperregionen und wachsen dort zu Tochtergeschwülsten, zu sogenannten Metastasen heran. Experten schätzen, dass bei soliden Tumoren etwa 90 Prozent aller Krebstodesfälle auf das Konto der Metastasen gehen. Während sich viele Primärtumoren in frühen Stadien heute gut behandeln lassen, sind nach Erkenntnissen der Krebsforschung also Metastasen die eigentliche Gefahr.
Viele Brust- und Hautkrebspatienten kennen dieses Phänomen
Bei vielen Patienten treten aber die lebensbedrohlichen Metastasen erst dann auf, wenn der ursprüngliche Krebsherd chirurgisch entfernt worden ist. Das Phänomen ist besonders bei Brustkrebs und beim schwarzen Hautkrebs verbreitet. Mediziner sind überzeugt, dass der Primärtumor das Wachstum der Metastasen unterdrücken kann.
Die Ursachen für dieses Phänomen sind bislang allerdings wenig verstanden. Nun aber haben Wissenschaftler um Hellmut Augustin und Moritz Felcht vom Deutschen Krebsforschungszentrum und von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg näher untersucht, welche mikrobiologischen Abläufe dazu führen, dass der Primärtumor erst einmal keine Metastasen neben sich duldet. Er sendet nämlich bestimmte Botenstoffe aus, die den Anschluss der Tochtergeschwülste an das Blutgefäßsystem – und damit ihrer Wachstums- und Nährstoffquelle – beeinflussen.
Tumore geben bestimmte Botenstoffe ab
Die Wissenschaftler haben diese Botenstoffe namens Angiopoietin-like 4 (ANGPLT4) genauer untersucht. Dabei haben sie festgestellt: ANGPLT4 wird von Zellen des Primärtumors gebildet und fördert lokal dessen Wachstum. Wird der Botenstoff jedoch in die Blutbahn abgegeben, dann wird er gespalten. Die Spaltprodukte werden als nANGPLT4 und cANGPLT4 bezeichnet.
Aus bislang noch nicht ganz verstandenen Gründen findet sich im Blutserum von Krebspatienten aber fast ausschließlich das n-Fragment (nANGPLT4). Diese n-Fragmente binden sich an einen anderen Rezeptor der Blutgefäße als das intakte Molekül oder das c-Fragment. Dieser Rezeptorwechsel führt dazu, dass das Gefäßwachstum und damit auch das Auswachsen von Tochtergeschwülsten unterdrückt wird.
Fehlt der Botenstoff, kommt es zum Wachstum der Metastasen
Das belegten die Forscher in zahlreichen Versuchsansätzen: Auf Mäuse übertragene Tumoren bildeten nach Behandlung mit dem n-Fragment weniger Absiedlungen, und die Tiere überlebten länger.
„Natürlich bleibt die chirurgische Entfernung der Primärtumoren der Goldstandard bei der Behandlung der meisten Krebsarten“, sagt Moritz Felcht. „Aber wir verstehen jetzt, dass damit gleichzeitig die Quelle für das Metastasen-unterdrückende n-Fragment versiegt.“ Fehlt dieses, so können einzelne schlafende metastasierte Tumorzellen aktiv werden und sich zur gefährlichen Makrometastase auswachsen.
Fraglich bleibt, warum viele Tumore keine Metastasen neben sich dulden
Den Grund allerdings, warum ein Primärtumor das Wachstum von Makrometastasen unterdrückt, kennen Krebsforscher nicht: Zwar lassen sich viele Phänomene der Tumorbiologie mit den Prinzipien der evolutionären Selektion erklären, so Hellmut Augustin. So sind Tumorzellen dadurch gekennzeichnet, dass sie sich der hierarchischen Kontrolle des Gewebeverbandes entziehen. Damit gelte der Grundsatz Evolutionstheorie vom Überleben der Stärkeren. Das führe dazu, dass sich kontinuierlich immer aggressivere Klone durchsetzen. „Das erklärt aber nicht den direkten Vorteil, dass ein Primärtumor aktiv das Wachstum der Metastasen unterdrückt“, sagt Hellmut Augustin.
Erkenntnisse können ein Ansatz für neue Krebsmedikamente sein
Diese Erkenntnisse könnten weitere Ansätze der Krebstherapie voranbringen: „Von Medikamenten, die das Auswachsen von Metastasen wirksam unterdrücken, könnten viele Krebspatienten profitieren.“ Einige solcher Wirkstoffe sind zwar in klinischen Studien bereits gescheitert. „Doch angesichts des enormen Gewinns, den ein solches Medikament für die Betroffenen bedeuten könnte, lohnt es sich, ANGPLT4 weiter präklinisch und danach klinisch zu erforschen“, resümiert Hellmut Augustin.