Man ist, wie man ist – glaubt man zumindest. In diesen Stuttgarter Ausstellungen, die man gesehen haben sollte, erfährt man mehr über sich selbst.
In den aktuellen Ausstellungen in den Stuttgarter Galerien und Off-Spaces geht es zwar auch um ästhetische Fragen, sie laden aber auch ein zur Selbstbefragung. Eine gute Gelegenheit, um mal wieder etwas Abstand von sich selbst zu bekommen.
1 Verspulte Seele Die Seele scheint langsam zu sein. Oft kommt sie nicht hinterher. Da wird der Mensch von Ereignissen und Veränderungen durchgeschüttelt – und braucht lange, um sich zu sortieren und herauszufinden, was vom Ich in der neuen Situation noch übrig ist. Aber gibt es überhaupt ein Ich? Die Bilder von Ivan Zozulya geben eine deutliche Antwort: Eindeutigkeit ist eine Schimäre. Selbst das, was man mit eigenen Augen gesehen und erlebt hat, verändert sich in der Erinnerung permanent. Seine Gemälde, die die Galerie Schacher derzeit ausstellt, fangen auf subtile Weise die Komplexität und Widersprüchlichkeit unseres Seins ein. Seine Figuren sind eingebettet in ein komplexes Zusammenspiel aus Strukturen und Mustern, wobei verschiedenste Perspektiven raffiniert ineinandergreifen und angedeutete Szenen zu zerfließen scheinen. Besser lässt sich die Schimäre Wahrheit kaum auf den Punkt bringen.
Bis 14. Mai, Breitscheidstraße 48
2 Reiz des Normalen Würde man ihnen auf der Straße begegnen, fielen sie einem vermutlich kaum auf. Hier ein junger Typ mit Jeans und Sweatshirt, dort ein Kerl mit Vollbart, der sich mal eben hingesetzt hat. Sean Henrys Figuren zeigen Gestalten wie du und ich, im Ausstellungsraum wirken sie aber plötzlich befremdlich und fast unheimlich. Der englische Bildhauer arbeitet meist mit Keramik oder Bronze für seine Figuren, die täuschend echt wirken. Auch wenn Hyperrealismus kein neues Phänomen ist, bewegen seine Werke auf besondere Weise und werfen die drängende Frage auf: Wer bin ich? In der Galerie Braunbehrens ist er Teil einer Gruppenausstellung zum Porträt, bei der es auf vielerlei Weise ums Ich geht oder auch ums Du wie bei Herlinde Koelbl, die die Autorin Elfriede Jelinek oder Angela Merkel fotografierte. Dem Individualismus frönen dagegen die ulkigen Figuren von Birgid Helmy, die sympathisch schrullig sind.
Bis 21. April, Rotebühlstraße 87
3 Sehnsucht nach Grün Sehr viele Menschen haben sich während Corona neu verliebt. In wen? Die Natur. Die Sehnsucht nach Grün war selten so intensiv wie in den vergangenen zwei Jahren. Höchste Zeit, den „Mythos Grün“ ins Visier zu nehmen, dachten sich drei Künstlerinnen: Claudia Thorban, Sibylle Möndel und Angelika Flaig. In ihrer gemeinsamen Ausstellung im Kunstbezirk schwelgen sie allerdings nicht in duftenden Blütenmeeren und raschelndem Laub, sondern nutzen Materialien wie Glas, Folie, Gummi und Kunststoff, die so gar nicht mit Grün und Natur in Verbindung stehen. Umso größer das Wunder, dass sich doch naturhafte Anmutungen einstellen, wenn hier etwas wuchert oder dort ein schnödes Baustellennetz eine Ahnung von Blattgrün gibt.
Bis 26. März, Leonhardsplatz 28
4 Das Quarantäne-Ich Zugegeben, eigentlich will man von diesem Thema nichts mehr hören. Es ändert nichts, Corona ist Teil unseres Lebens geworden. Deshalb hat sich Doris Graf damit befasst und in dem künstlerischen Projekt „Ich, Quarantäne“ untersucht, wie die Menschen mit der Pandemie zurechtkamen. Hierzu hat sie zahlreiche Personen gebeten, ihr eine Zeichnung zukommen zu lassen, in der sie ihren Zustand zum Ausdruck brachten. Die Stuttgarter Künstlerin hat sie in Piktogramme übersetzt, also knappe, markante Zeichen, die sie nun im Studio der Galerie ABTART ausstellt.
Bis 20. Mai, Rembrandtstraße 18