Unfall-Simulationen mit Crashtest-Dummys zeigen, welche Verletzungen ein Mensch bei einer Kollision erleiden kann. Foto: picture alliance/dpa/Daimler AG

Der Unfallforscher Andreas Schäuble arbeitet mit neuen Dummys, die dem menschlichen Körper stärker ähneln. Im Interview spricht er über Unfallrisiken.

Andreas Schäuble führt Crashtests durch, bei denen eine neue Generation von Dummys eingesetzt wird. Diese besitzen künstliche Knochen, die denen von Menschen ähneln. Im Interview erklärt der Unfallforscher von Dekra, wie die Dummys entwickelt wurden – und ob Autohersteller aus der Forschung etwas lernen können.

 

Herr Schäuble, wozu braucht es bessere Dummys als jene, die bisher bei Unfallsimulationen zum Einsatz kamen?

Bei Unfallrekonstruktionen haben wir in der Fachwelt erkannt, dass klassische Dummys die Fahrzeuge beim simulierten Fußgängerunfall stärker beschädigten als bei einem realen Unfall. Gerade bei Fußgängerunfällen liefern aber die Beschädigungen am Fahrzeug entscheidende Informationen für die Rekonstruktion. Vor allem weil es bei solchen Unfällen oft wenige Spuren auf der Fahrbahn gibt, anhand derer die Unfallgutachter den Hergang nachvollziehen könnten.

Wo und wie ist der sogenannte Biofidel-Dummy konstruiert worden?

Die Idee hatte ein Berliner Sachverständiger. Er hat im Keller die ersten Modelle aus Holz hergestellt. Weil die Aufgabe zu komplex war, arbeitete er mit einer Hochschule und dem heutigen Hersteller zusammen. Nun hat der Dummy ein Skelett aus Kunstharz und einem Aluminiumgemisch. Experimente haben gezeigt, dass diese Kombination eine ähnliche Bruchfestigkeit aufweist wie unsere Knochen.

Hat das die Möglichkeiten bei der Rekonstruktion von Unfällen verbessert?

Ja – bei Untersuchungen nach Crashtests wurde festgestellt, dass bestimmte Beschädigungen an den neuen Modellen tatsächlich den zu erwartenden Verletzungen am menschlichen Körper ähneln. Das bietet eine andere Qualität bei der späteren Analyse des Unfallhergangs: Anhand konkreter Verletzungen zum Beispiel am Kniegelenk lässt sich in Verbindung mit den Dummy-Experimenten nachvollziehen, wie und von welcher Seite der Fußgänger angefahren wurde.

Wie wurde der äußere Bereich des Dummys geformt?

Beim Biofidel-Dummy ist das Skelett mit einem Ersatzgewebe, vor allem aus Silikon und Latex, ummantelt – es soll die Haut, die Fettschicht und die Organe abbilden. Wenn Sie bei einem Menschen in den Bauch drücken, gibt das Fettgewebe nach und kehrt dann in die ursprüngliche Form zurück. Der neuartige Dummy reagiert genauso auf Druck, daher spiegelt ein Fußgänger-Crashtest die Wirklichkeit realistischer wider.

Gibt es Dummys in Kindergrößen, um auch hier durch Simulation mehr Erkenntnisse zu gewinnen?

Der Hersteller bietet bisher den sogenannten Durchschnittsmann an. Er wiegt 78 Kilogramm und ist 1,75 Meter groß. Das entspricht den aktuellen Normen für Crashtest-Dummys. In Zukunft sind sicher auch Biofidel-Dummys denkbar, die Frauen- und Kinderkörpern entsprechen. Dabei müssen dann natürlich die anatomischen Unterschiede und die abweichende Knochendichte berücksichtigt werden.

Könnte diese Forschung die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern?

Dieser Dummy lässt uns noch besser verstehen, welche Fahrzeugbauteile häufig an einem Fußgängeraufprall beteiligt sind und wie. Er ist entwickelt worden für die Rekonstruktion von Unfällen. Daraus lassen sich dann aber durchaus Erkenntnisse ableiten, die für die Fahrzeugentwicklung wichtig sein können. Die Hersteller arbeiten ständig daran, Bauteile so zu verändern, dass sie bei einem Aufprall weniger schwere Verletzungen verursachen.

Ist jeder SUV, der auf deutschen Straßen fährt, aus Sicht eines Unfallforschers ein Hochrisiko-Auto?

Unabhängig vom Fahrzeugsegment: Je höher das Gewicht eines Autos, desto schwerwiegender sind die Folgen einer Kollision. Das ist pure Physik: Das Fahrzeuggewicht macht zusammen mit der Geschwindigkeit die Energie aus, die zum Beispiel auf den Fußgänger bei einem Aufprall einwirkt.

Und wie wirkt sich das Design der Karosserie auf die Risiken für Fußgänger und Radfahrer aus?

Es macht einen messbaren Unterschied, ob ein Fahrzeug eine eher flache „Schnauze“ hat – dabei „gleitet“ ein Fußgänger beim Aufprall erst mal mit Hüfte und Oberkörper über die Motorhaube. Wenn das Auto aber eine sehr hohe Frontpartie besitzt . . .

. . . wie sie beispielsweise für einen SUV, also einen Stadtgeländewagen, typisch ist . . .

. . . dann kann die Schwere der Verletzung größer sein, wenn zum Beispiel der Brustkorb direkt getroffen wird oder bei einem Kind der Kopf. Bei einem Kompaktwagen sind diese speziellen Risiken deutlich niedriger – je nach Szenario sind andere aber auch höher. Das Zusammenspiel aus Fahrzeugfront und Fußgänger oder Radfahrer ist komplex und hat viele Einflussfaktoren.

Gibt es bei diesem Thema einen Austausch mit der Automobilindustrie?

Unsere Forschungsergebnisse stellen wir auf Konferenzen vor, auf denen auch die Autohersteller einen entsprechenden Einblick bekommen. Der direkte Austausch kommt dazu. Und natürlich forschen sie auch selbst in großem Umfang. Mit Sicherheit haben sie den Biofidel-Dummy auf dem Radar.

Experte in der Unfallforschung

Forscher
Andreas Schäuble, Biomechaniker in der Dekra-Unfallforschung, stammt aus Rheinfelden im Landkreis Lörrach. Der 33-Jährige hat Maschinenbau in Manchester studiert, später biomedizinische Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität Wien. Seit 2018 untersucht er bei Dekra unter anderem das Zusammenspiel von passiver Fahrzeugsicherheit und Verletzungen.

Hersteller
Die Biofidel-Dummys werden vom Unternehmen Crashtest Service GmbH (CTS) aus Münster in Zusammenarbeit mit der HTW Dresden in einer Manufaktur hergestellt. Das Unternehmen versteht sich als Dienstleister, wenn es um Crashtests zur Unfallrekonstruktion geht.