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Nagold Sterbebegleitung seit knapp 30 Jahren

Von
Foto: Fritsch

Nagold - Allen Skeptikern zum Trotz hat Monika Wehrstein vor knapp 30 Jahren die ambulante Hospizgruppe gegründet. Seitdem treibt sie ihre Vision mit Ausdauer und Teamgeist voran.

Monika Wehrstein war noch ein Kind, als sie ihre Mutter verlor. "Da hat sich niemand um mich gekümmert", erzählt sie und stockt. Dann fährt sie langsam fort. "Viele Jahre habe ich das Erlebte verdrängt, aber es steckt doch irgendwo tief in einem."

Als schließlich Ende der 80er-Jahre das Thema Sterbebegleitung aufkam, fasste die damals 34-Jährige einen Beschluss: Sie wollte nicht, dass andere das selbe Trauma durchleben müssen. "Erst in der Ausbildung zur Sterbebegleiterin habe ich das verarbeitet", erklärt sie und lächelt befreit. Und so gründete sie vor 29 Jahren die ambulante Hospizgruppe in Nagold – und zog das Vorhaben trotz anfänglicher Skeptiker durch.

"Die ersten Jahre wurde ich oft gefragt, warum ich mir das antue", erklärt sie. "Damals war es noch ein Tabuthema. Aber ich hab das durchgezogen und geantwortet: Ich tue mir nichts an – ganz im Gegenteil."

Wehrstein erntet zustimmendes Nicken aus der Vorstandsrunde. Schirmherrin Hilde Benz wirft ein: "Gerade deshalb singe ich, wenn ich morgens aus dem Krankenhaus komme." Einmal habe sie eine Nacht lang einen Patienten begleitet, bis sie um 6 Uhr in der Früh schließlich das Krankenhaus verlässt. Singend. Eine Frau habe regelrecht entsetzt reagiert: "Aber Sie sind doch von der Sterbebegleitung!" "Eben drum", habe sie geantwortet, erzählt Benz, und dann erklärt, was das bedeute. "Viele Außenstehende können nicht richtig nachvollziehen, wie sehr uns das bereichert", bekräftigt Wehrstein. "Und wenn es nur ein Blick ist, der unglaubliche Dankbarkeit ausdrückt."

Leben zu den Patienten bringen

Und überhaupt – darin ist sich die Runde einig – sei Sterbebegleitung der falsche Ausdruck. Es müsse eher "Lebensbegleitung" heißen. "Wir wollen das Leben zu den Patienten tragen – bis zum Schluss", erklärt Wehrstein.

Ob es die Kräuter und Tannenzapfen sind, die wie ein Schatz gehütet werden, der Geruch von Kaffee, ein letztes Glas Bier oder die Lieblingsmusik: Oft sind es die kleinen Dinge, die für Sterbende die Welt bedeuten. Von diesen Eindrücken getragen, könnten viele Patienten loslassen und friedlich aus dieser Welt gehen, erklärt Wehrstein. "Sterbebegleitung ist nicht immer traurig. Sie kann auch schön sein."

Wieder erntet sie Zustimmung aus der ganzen Runde. Jeder hängt kurz seinen Erinnerungen nach. Immer wieder wird im Gespräch deutlich, wie stark diese Menschen durch ihr Ehrenamt verbunden sind. Etwa 2500 Stunden Hospizarbeit haben die 16 Ehrenamtlichen im vergangenen Jahr geleistet. Und mehr als 1000 Stunden in die Aus- und Weiterbildung investiert. "Ohne Ausbildung darf niemand ans Bett", erklärt Wehrstein, die auch Bundesvorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand ist. "Trotz der schönen Seiten: Man muss auch viel aushalten können."

Einen Ausgleich zur Sterbebegleitung und Trauerarbeit finde sie bei ihren sechs Enkelkindern, erklärt die 65-Jährige und lächelt bei dem Gedanken. Darüber hinaus ist die gelernte Hauswirtschafterin Schöffin am Landgericht Tübingen, sitzt im Ortschafts-, Gemeinde- und Kreisrat und leitet eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen von Demenzkranken. In ihrer Freizeit leistet sie an den Nagolder Schulen Aufklärungsarbeit rund um die Themen Tod und Trauer.

Trotz – oder gerade wegen der ständigen Auseinandersetzung mit dem Sterben sieht sich Wehrstein als ein sehr lebensfroher Mensch. "Wir sind alle lustig, sonst könnten wir das nicht machen", sagt sie und lacht.

Dann erinnert sie sich an einen Patienten, der für sein Leben gern Witze gehört habe. Bei einem Besuch war aber alles anders: "Heute brauchen Sie nicht zu kommen, ich sterbe nämlich", habe er zu ihr gesagt. Also leistete sie ihm Gesellschaft und wagte beim Abschied noch einen Versuch: "Jetzt ist mir gerade doch ein Witz eingefallen." Die Neugierde war geweckt und auf die eine Pointe folgte die nächste, bis der Mann schließlich sagte: "Frau Wehrstein, heute sterbe ich doch nicht."

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