Patricia Kramer, kirchenmusikalische Praktikantin in Nagold, spielt an der "Königin der Instrumente". Foto: Fritsch

Die Hauptorgel der Stadtkirche Nagold feiert Geburtstag: Am 13. Juni wird sie 50 Jahre alt. Welche Geschichte sich hinter der "Königin der Instrumente" verbirgt und welche Rolle Künstliche Intelligenz in Zukunft bei der Kirchenmusik spielen soll, erzählt Bezirkskantor und Organist Peter Ammer.

Nagold - Die große Hauptorgel der Stadtkirche wurde am 13. Juni 1971 in einem großen Gottesdienst feierlich eingeweiht. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Die Orgelfirma Weigle hatte bereits 1876 eine Orgel mit 32 Registern im romantischen Stil für die Stadtkirche gebaut. "Das empfand man aber nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr als zeitgemäß und ersetzte zwischen 1951 und 1961 einige Register im Sinne der damaligen Orgelbewegung, um den Klang aufzuhellen – und die Pfeifen in der Stadtorgel dann wiederverwenden zu können", erzählt Ammer.

Schmid lagerte Register auf dem Dachboden

Hier kommt der Apotheker Rudi Schmid ins Spiel, der seinerzeit nebenberuflich als Kantor und Organist an der Stadtkirche tätig war. "Nach der Wiederherstellung wegen Kriegsschäden optimierte er die Orgel", sagt Ammer. Dafür kaufte Schmid bei der Firma Weigle neue Register und ließ auch alte umarbeiten. Die ausgewechselten Register lagerte er auf seinem Dachboden und kaufte sie der Kirchengemeinde sogar ab, als Stimmen laut wurden, dass er sie unrechtmäßig an sich genommen hätte.

"Doch nachdem in den sechziger Jahren klar wurde, dass die Stadtkirche renoviert werden sollte, stellte Schmid seine Umbaumaßnahmen ein", so Ammer weiter. Als dann ein neues Raumkonzept umgesetzt wurde, um mehr Licht in die Kirche zu bekommen, plante der Apotheker eine neue Orgel auf die Nordempore, die der Gemeinde zugewandt ist. "Früher war die Kirche sehr düster", erzählt Ammer. "Doch man hatte ein ganz anderes Bild von Gemeinde, weshalb alles hell und offen gestaltet wurde. Orgel ist Kirchenmusik, und Kirchenmusik ist Verkündigung. Deshalb muss sie den Menschen zusprechen." Allerdings war in diesen Boomzeiten eine neue Orgel nicht so schnell zu bekommen, die Wartezeit lag bei vier Jahren.

So bot Schmid der Kirchengemeinde an, dass er seine Option einer Hausorgel bei der Firma Weigle zur Verfügung stellen würde und der Gemeinde die Chororgel schenke, wenn diese im Gegenzug dazu bereit wäre, die große Hauptorgel auf der Nordempore anzuschaffen und einen hauptamtlichen Kirchenmusiker anzustellen – mit Erfolg.

Das Instrument hatte 46 Register – zusätzlich zu den acht Registern der Chororgel, die damals schon von oben zu spielen war. Ein Register ist eine Pfeifenreihe, die jeweils eine Klangfarbe über alle Oktaven darstellt. "Die Orgel ist die Königin der Instrumente, weil sie alle Klangfarben des Orchesters vereint und diese von einer Person alleine darstellt werden können", erklärt Ammer.

Eigentlich sind bei einer Orgel alle 25 Jahre Reparatur- und Reinigungsmaßnahmen notwendig – doch das Nagolder Instrument hielt sich wacker. So dauerte es bis ins Jahr 2011, bis eine große Ausreinigung geplant wurde, in deren Rahmen auch eine Aktualisierung der mittlerweile nicht mehr zeitgemäßen Registersteuerung vorgenommen wurde. "Im Zuge dieser Maßnahme wurde die Orgel digitalisiert", berichtet Ammer. Seither kann das Spielen aufgenommen – und auch wieder abgespielt werden. "Es handelt sich mit Sicherheit um eine der fünf modernsten Orgeln in Deutschland", meint Ammer.

Berühmtheit weit über Nagold hinaus

Die von Rudi Schmid gelagerten Pfeifen wurden von ihm für die Restaurierung und klangliche Neukonzeption im Jahr 2011 zur Verfügung gestellt – und so wurde auch ein Teil des historischen Pfeifenbestands wieder integriert. "Rudi Schmid wusste noch den genauen Platz jeder einzelnen Pfeife", sagt Ammer begeistert. Das Integrieren der alten Pfeifen war durchaus ein aufwendiges Vorhaben – doch dieses ist laut Ammer für den besonderen Klang der Stadtorgel verantwortlich. "Das Tolle ist, dass Pfeifen, die vor mehr als 100 Jahren zusammen gespielt haben, wieder vereint sind. Die Orgel ist hochmodern, wird aber durch alte Pfeifen aufgewertet."

Mit ihren 50 Jahren ist das Instrument vom Ruhestand noch weit entfernt. "Orgeln kann man erst ab 150 Jahren als alt bezeichnen." Mehr noch: "Wenn sie regelmäßig gewartet werden, können sie sogar 400 Jahre lang halten", erklärt Ammer.

Durch die klangliche Neukonzeption hat das Instrument heute 59 klingende Register, einen Tremulanten sowie die Spezialregister "Nachtigall" und "Zimbelstern." Damit ist sie laut Ammer nicht nur die Größte ihrer Art im Nordschwarzwald, sondern auch der "Rolls-Royce" unter den Orgeln. "Die Stadtorgel ist eine Berühmtheit weit über Nagold hinaus", sagt der Bezirkskantor. Und heutzutage können sich sogar Musiker weltweit daran erfreuen: dank einem Sample-Set können die Stücke an der heimischen Digitalorgel mit identischem Klang nachgespielt werden.

Der Umbau und die klanglichen Erweiterungen machen das Instrument zu einer großen Universalorgel, mit der alle Musikstile dargestellt werden können. Seit 2019 wird von Ammer zudem das Projekt "Singen – Orgel 4.0" an der Stadtkirche umgesetzt. Im Zuge dessen wurde ausprobiert, wie man den Gemeindegesang digital unterstützen kann.

Und damit nicht genug: "In Zukunft wird es darum gehen, inwiefern Künstliche Intelligenz in diesem Bereich hilfreich sein kann und wo die technischen und ethischen Grenzen liegen, die es gegen die Chancen abzuwägen gilt", erklärt Ammer. Die Vision: Die Künstliche Intelligenz der Orgel soll erkennen, welches Lied ihr vorgesungen wird und automatisch mit dem Spielen beginnen. Ein Mammutprojekt, für das Ammer nicht weniger als eine Million Euro an Fördergeldern benötigt. Diese will der Organist mithilfe eines Fundraising-Projekts realisieren. Aber es gibt auch Zweifel an dem Vorhaben: "Ob Künstliche Intelligenz verwendet werden soll, wenn der Heilige Geist anwesend ist, ist eine philosophische Frage", sagt Ammer.

Auf der 1. Nagolder Orgelakademie im September werden diese Fragen diskutiert – und entschieden, ob die Entwicklungen weitergeführt werden sollen. Mit einer solchen Innovation wäre die Orgel in jedem Fall "auf einmal ein cooles Instrument und nicht nur der Inbegriff für altmodische Klänge", meint Ammer. Doch das ist im wahrsten Sinne des Wortes noch Zukunftsmusik.

Da neben der Orgel auch Orgelbär Petzi 50 Jahre alt wird, wurde in der Videoreihe "Petzi, der Orgelbär" eine weitere Serie in dieser Woche produziert, wo beide gemeinsam Geburtstag feiern – und Geschenke gibt es auch. Zu sehen gibt es das Video ab Samstag, 12. Jni auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Kirchengemeinde. Weiteres Geburtstagsgeschenk: Das Daimler Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Matthias Baur lädt am Samstag, 19. Juni, um 17 und 19 Uhr zu zwei öffentlichen Konzerten in die Stadtkirche ein. Da nur 70 Zuhörer pro Aufführung möglich sind, wird um vorherige Anmeldung bis Freitag, 18.Juni, gebeten unter: nagold@elk-wue.de Der Eintritt ist frei. Es wird um Spenden gebeten, die in voller Höhe der Orgel zugutekommen – die Schleifenzugmotoren müssen demnächst ausgewechselt werden.

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