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Nagold "Die Diagnose ist oben geblieben"

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Petra Vollmer umarmt voller Stolz das Gipfelkreuz auf dem "Ortler". Foto: Schwarzwälder Bote

Irgendwie kann Petra Vollmer es offensichtlich immer noch nicht wirklich begreifen: Die Rohrdorferin hat ihren "Schicksalsberg" – den Ortler in Südtirol – bezwungen. Und das gleich im ersten Anlauf, bei absolut perfektem Wetter. Wenn es auch doppelt so lange gedauert hat wie geplant.

Rohrdorf. "Eigentlich dauert es bei den Profis so sechs Stunden rauf und runter" – Vollmer und ihre Seilschaft haben zwölf Stunden gebraucht. Wobei der Abstieg schlimmer, heftiger noch gewesen sei als der Aufstieg. Und ohne die Unterstützung "meiner Mädels" von der eigenen Radsport-Mannschaft "#girlsbikeaction" und "unserem genialen Bergführer Roman" hätt’s wohl auch nicht geklappt. Aber jetzt ist das Glück perfekt – auch das Gipfel-Foto "vor kobaltblauem Himmel".

Nach einer Brustkrebsdiagnose und überstandener Therapie war die Ortler-Besteigung für Petra Vollmer zu einer echten Herzensangelegenheit geworden. Unzählige Male war sie bereits per Fahrrad auf den Passstraßen rund um den höchsten Berg Tirols unterwegs gewesen. Einmal ganz oben auf dem Gipfel stehen – das wurde durch und nach der Krankheit zu einem Leidenschafts-Projekt, mit dem sich Vollmer selbst beweisen wollte, was man alles aus purer Willenskraft zu leisten im Stande sein kann.

Zum Beispiel für perfekte Wetterbedingungen für eine solche Bergtour zu sorgen. Vollmer, die ja noch nie zuvor eine solche Gipfel-Besteigung bewältigt hatte, war eigens ein paar Tage vor dem geplanten Start nach Südtirol angereist: "Es hat die ganze Zeit geregnet", der Ortler selbst war stets in dicke Wolken gehüllt. Aber dann zeichnete sich in der Vorhersage doch ein perfektes Wetter-Fenster ab – fast auf den Punkt. "Wir mussten dann einen Tag früher los als geplant".

Zuvor war man bereits zur "Payer-Hütte" aufgestiegen – einer Berghütte auf rund 3020 Metern Höhe, von der aus man über die sogenannte "Normalroute" den Gipfel des Ortlers auf rund 3900 Metern Höhe erreichen kann. In zwei Seilschaften, begleitet noch von einem vierköpfigen Fernseh-Team des Saarländischen Rundfunks, ging es mit Sonnenaufgang los. Wobei Petra Vollmer "enorme Ehrfurcht" vor dem Berg hatte: "Ich hatte mir vorher noch eine Dokumentation über eine Ortler-Besteigung angeschaut" – sie ahnte, dass es eine "wahnsinnige Kraftanstrengung" würde. Körperlich, aber vor allem auch mental.

"Aber ich hab auch richtig Kraft gehabt", erzählt Vollmer. Zehn Tage lang habe sie Rote-Beete-Saft getrunken, die Kohlenhydrat-Speicher maximal aufgefüllt. Was sie auch gebraucht habe, denn "es ging sofort richtig zur Sache": Die "Normal-Route" führt von der Payer-Hütte aus unmittelbar "auf einem verdammt schmalen Grat" in Richtung Ortler-Gipfel. "Ich dachte nur – ›oh, oh, oh...!‹" Aber Petra Vollmer ist ja Mental-Coach, kennt die Techniken, um mit solchen Extrem-Situationen – bei denen es auch und vor allem um die Überwindung der eigenen Angst geht – zurechtzukommen. "Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet" – sich komplett "auf den Weg" fokussieren – auf den nächsten Schritt, die nächste Passage.

Denn der schmale Grat war nur der Anfang: Der "Wandel" etwa, an dem es 70 Meter "gefühlt" senkrecht nach oben geht. "Meine Freundin Conny hat geschoben", Bergführer Roman gezogen. "Und die Kamera hat alles festgehalten." Wenn Petra Vollmer jetzt davon erzählt: "Die haben wohl so recht ihre Gaudi mit mir gehabt." Gilt auch für die 50-Meter-Eiswand, die ein Stück weiter zu bezwingen ist – per Steigeisen geht es peu à peu, Schritt für Schritt dem Gipfel entgegen. Oder eine waagerechte Felsschneide – nach der der erste Blick auf das Gipfelkreuz des Ortlers möglich wurde. "Ich habe heulen müssen – das war so unwirklich." Das ersehnte Ziel, auf einmal tatsächlich in greifbarer Nähe. Nach diesen unsäglichen Strapazen. "Der Traum wird wirklich wahr!"

Am Gipfelkreuz reicht die Zeit für reichlich Fotos, ein Interview für die TV-Kamera. Endlich sieht man Petra Vollmers Gesicht, frotzelt der Kameramann – weil sie bisher den Kopf immer streng gesenkt gehalten hatte – um die wahnsinnige Anstrengung zu beherrschen. Aber die größte Herausforderung wartet auf die Neu-Alpinistin noch: Der Abstieg. "Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist. Denn vorher gehörst du ihm." Den Spruch des Bergführers hat sich Vollmer eingeprägt. Und kann ihn bestätigen: Teilweise "auf dem Hosenboden" sei sie den Ortler wieder hinunter gerutscht, "wir waren die absolut letzte Seilschaft an diesem Tag, die vom Ortler wieder herunter kam". Angehörige von Roman, dem Bergführer, riefen immer mal wieder an, weil sie sich Sorgen machten, wo die Gruppe bleibt.

Aber "wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, dann ist es der Glaube an die eigene Kraft!" Das ist der zentrale Satz für Petra Vollmer von diesem Abenteuer ihres Lebens – der auch zum zentralen Satz für ihr Buch wurde, das sie über die Bewältigung ihrer Krankheit und ihren "Schicksals-Berg" nun fertiggeschrieben hat. "Die Diagnose ist da oben geblieben", sagt Vollmer mit einer neu gewonnenen Gelassenheit. "Das hab ich unbedingt gebraucht." Und: "Mir kann keiner mehr nach diesem Erlebnis ein ›X‹ für ein ›U‹ vormachen..." Wobei die Tour vor allem auch "ein ungeheures Team-Erlebnis" war – eine Lehrstunde für sie als Coach. Eine ganz neue Kategorie von "Team-Building". Denn "alleine hätte ich das nie geschafft".

Später, im Hotel im Tal, sei ihr auch noch auf dramatische Weise bewusst gemacht worden, wie gefährlich das Abenteuer tatsächlich auch gewesen war: "Wir hatten eine Familie kennengelernt", von der zwei Mitglieder zwei Tage nach Vollmers eigener erfolgreicher Gipfel-Besteigung am Ortler-Massiv nach einem plötzlichen Wetterumschwung abstürzten, eine Person starb dabei. "Freud und Leid liegen verdammt nahe beieinander." Weshalb für Petra Vollmer am Ende des Abenteuers auch "eine tiefe Dankbarkeit" übrig bleibt. Für ihre Seilschaft, für ihre Bike-Mädels, für Roman, den kernigen, 74-jährigen Tiroler Bergführer, der sie "da rauf geschafft" habe. "Noch mal aber muss ich da nicht nuff!" Sagt Vollmer zum Abschluss. Wobei sie nach kurzen Überlegen nachschiebt: "Aber Blut geleckt" von diesem wahnsinnigen Adrenalin-Rausch beim Bergsteigen "habe ich schon".

Die TV-Dokumentation über die Ortler-Besteigung von Petra Vollmer wird am Samstag, 28. September, ab 17 Uhr im dritten Programm des SWR in der Sendung "Meine Traumreise auf Südtirols höchstem Gipfel - Bergsteigen gegen den Krebs" ausgestrahlt. Petra Vollmer und Freunde laden Interessierte und Neugierige dazu am Samstag ab 16.30 Uhr zu einem "Public Viewing" in das Restaurant "Il Due" in Nagold (Herrenberger Straße 2) ein, um sich die Sendung gemeinsam anzusehen – und sich anschließend vielleicht über das Erlebte auszutauschen (ahk).

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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