Das Rössle ist zum humanitären Zentrum geworden. Das Künstlerehepaar Angelika Bastians und Ulrich Schwarz packt mit an und Hilfsgüter ein. Foto: Rapthel-Kieser

Ihre Stimme dringt durch. Nicht nur, wenn Angelika Bastians in ihrer Kulturkneipe mal selber singt. Innerhalb von zwei Monaten ist es ihr und ihrem Mann Ulrich Schwarz nach einem Aufruf gelungen, die dritte Hilfslieferung in ein griechisches Flüchtlingslager auf den Weg zu bringen.

Burladingen-Hörschwag - "Das sind alle meine Geschwister", sagt die tief gläubige Künstlerin mit Tränen in den Augen über ihre Motivation. Sie redet von jenen Menschen, die derzeit ob des harten Wintereinbruches in Griechenland in den Flüchtlingslagern frieren, ohne mit dem Nötigsten versorgt zu sein.

Menschen, die vor Bürgerkrieg und Bomben oder Repressalien aus ihrem Heimatland geflohen sind und es teils unter Lebensgefahr wenigstens bis nach Griechenland geschafft haben.

In Bastians einst heimelig-hübscher Kultur- und Theatergaststätte in Hörschwag sieht es derzeit aus wie Kraut und Rüben. Da stapeln sich volle und noch ein paar leere Kartons, da liegen Bekleidungsstücke und Decken auf den Bänken und nebenan das Verpackungsmaterial. Das "Rössle" ist zum humanitären Zentrum geworden.

Kunst, Musik, Gesang oder gar Tanz, kulinarische Genüsse verschiedenster Kulturen, fröhlich klatschende Menschen – das alles ist gerade wegen des Lockdowns und der Corona-Verordnung nicht drin. "Aber wir haben den Platz, wir haben das Netzwerk, und wir haben die Energie um zu helfen", kommentiert die resolute Angelika Bastians. Dem Schwarzwälder Boten erzählt sie, wie es anfing, dass sie und ihr Mann zu Koordinatoren von Hilfslieferungen wurden. Ende Dezember habe sie von deutschen Freunden, die seit ein paar Jahren in Griechenland leben, eine WhatsApp bekommen. Diese Freunde wohnen nur wenige Kilometer von einem Flüchtlingslager entfernt, schilderten die Zustände und dass sie selber versuchen zu helfen. Sie fragten bei dem Künstlerehepaar in Hörschwag nach, ob es nicht ein paar Dinge entbehren und als Paket schicken könne.

Schwarz und Bastians sortierten nicht nur eigene Sachen aus, sondern fragten im Bekanntenkreis herum – und brachten eine Welle der Nächstenliebe ins Rollen. Denn bald hatte das Künstlerehepaar in seiner momentan still gelegten Gaststätte jede Menge Kartons stehen. Dass das mit der Post nicht mehr geht, wurde den beiden schnell klar.

Einen Freund aus Hamburg fragte die Sängerin nach Transportmöglichkeiten und der war sich sicher: Ein Laster musste her. "Eine Spedition? Wo frage ich denn da?", erzählt Angelika Bastians inzwischen mit einem Schmunzeln. Aber eins fügte sich zum anderen und bald war ein Spediteur gefunden, der in regelmäßigen Abständen nach Griechenland fährt und außer den Hilfsgütern einer Kirchengemeinde aus dem Südwesten auch einige Paletten mit Paketen im "Rössle" aufladen und mitnehmen konnte.

Nächster Schritt wäre die Gründung eines Vereins

Mittlerweile fahren fast täglich Autos beim Gasthaus Rössle vor, und Menschen geben ihre Kartons ab. Andere rufen an und wollen sich an den Speditionskosten beteiligen, wieder andere stifteten Verpackungsmaterial und Klebebänder. Und das Künstlerehepaar selbst ist viele Stunden am Tag beim Auspacken, Sortieren und dann wieder beim Einpacken.

An diesem Mittwoch kam der 40-Tonner wieder auf die Obere Alb. Es wird dann das dritte Mal sein, dass er aus Hörschwag Richtung Ritsóna in Griechenland aufbricht.

"Bis Donnerstagvormittag können wir noch Pakete annehmen", sagt Angelika Bastians. Nötig sind derzeit vor allem warme Decken und Schlafsäcke, aber keine Daunen. Denn die seien in der Feuchtigkeit der Lager nahe am Meer nicht geeignet. "Meine Freunde haben mir berichtet, dass sie manchmal weinend zu Bett gehen, weil sie 20 Decken verteilen konnten, aber eben an diesem Tag 100 Frierende eine gebraucht hätten".

In dem Lager, das einst für 500 Menschen geplant war, leben derzeit rund 3000 Flüchtlinge. Darunter viele Kinder und Kleinkinder. Sie leben mit ihren Eltern in unbeheizten kleinen Zelten, ohne Wasseranschluss, ohne Toilette oder Küche. Von Spielsachen oder Schulbildung ganz zu schweigen. Und manchmal ist es selbst für die Hilfsorganisationen schwer, zu diesen Menschen vorzudringen. Denn die Lager werden derzeit mit doppeltem Stacheldraht gesichert, der Zugang wird reglementiert. Auch das Fotografieren ist nicht gern gesehen.

"Was wird einmal aus diesen Kindern? Welche Chancen haben die später im Leben?", fragt sich Angelika Bastians. "Wir haben uns überlegt, einen Verein zu gründen", kommentiert der Cellist Ulrich Schwarz. Denn mittlerweile gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich rund um das Künstlerehepaar engagieren will. "Und wir wollen die finanziellen Dinge für alle, die uns unterstützen, auch gerne transparent machen", sagt der Musiker und Antiquar.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: