Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Nachruf auf Philip Roth Kampf gegen die Endlichkeit

Von
Chronist des Ostküsten-Alltags: Philip Roth (1933 – 2018) Foto: AP

Stuttgart - Es ist ein Treppenwitz der Nobelpreisgeschichte: Jahr für Jahr blieb Philip Roth diese bis vor kurzem noch wichtigste Ehrung der literarischen Welt verwehrt. Dabei hätte ein einziges seiner insgesamt 31 Werke gereicht, das blasiert-aufgeblasene Verdikt des mittlerweile im Skandalstrudel der Schwedischen Akademie versunkenen Jurors Horace Engdahl zu widerlegen, die amerikanische Literatur sei insgesamt zu oberflächlich, um diese Auszeichnung zu verdienen. Zu oberflächlich? Philip Roth hat so tief in jene Abgründe geschaut, in denen sich die triebgesteuerte Fixierung der männlichen Sexualität auf ihr bestes Stück behauptet, dass man die operettenhafte Liederlichkeit lüsterner Nobel-Greise geradezu für eine Erfindung dieses großen Autors halten könnte. Und sollten neben hormonellen doch auch inhaltliche Kriterien beim jährlichen Kanonisierungsritual eine Rolle gespielt haben, so war es vermutlich die Furcht der Selbsterkenntnis, die hinter der aufrechten Negation des ewigen PreisAspiranten stand.

Nun gibt es zumindest fürs Erste keinen Literatur-Nobelpreis mehr und auch nicht den Kandidaten, der ihn vielleicht am meisten verdient hätte. Und wollte man zwischen beidem einen ideellen Zusammenhang konstruieren, seine Pointe lautete paradoxerweise auf Metoo. Denn ob ein vom menschlichen Makel bereinigtes Preisgericht sich je auf Roth verständigt hätte, darf bezweifelt werden. Denn es stimmt ja: Sein Werk strotzt vor alternden Männern, die ihre Furcht vor dem Tod in den Armen möglichst junger, hübscher Frauen vergessen wollen und die beleidigt alles zerstören, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen.

Überfluss an Penis

In Verkennung der ungeschminkten diagnostischen Kraft der solcherart offenbarten sexuellen Triebschicksale gab es immer wieder Stimmen, die seinen Romanen einen Überfluss an Penis attestiert haben. Als Roth 2011 der britische Man-Booker-Preis verliehen wurde, legte die Jurorin Carmen Callil aus Protest ihr Amt nieder, mit der Begründung, er spreche Männer an, nicht aber Frauen.

Was soll man von einem Autor halten, dessen zumeist autobiografisch grundierte traurige Helden, wenn sie sich nicht gleich am liebsten in einen weiblichen Busen verwandeln würden, eine Vagina durch ein Stück Leber ersetzen? So verfährt der autoerotische Alexander Portnoy, der seinem Psychiater von geheimen Sehnsüchten und offenen Schuldgefühlen berichtet: „Ich habe das Familienessen gebumst.“ Mit „Portnoys Beschwerden“ begann 1969 Roths von großen Skandalen und enormen Erfolgen gesäumte Karriere. In Gestalt wechselnder literarischer Statthalter – Nathan Zuckerman, David Kepesh und wie sie alle heißen – bahnte sich der 1933 als Sohn eines Versicherungsangestellten in Newark vor den Toren New Yorks geborene Autor seinen Weg durch einen Irrgarten von Lüsten, Verwicklungen und Identitäten und wurde neben John Updike zum wichtigsten Chronisten des Ostküsten-Alltags.

Dessen vielfältige Widersprüche trieb er weit über die erogenen Erregungszonen hinaus. Bereits sein Debüt „Goodbye, Columbus“ von 1959 zog ihm den Ärger konservativer jüdischer Kreise zu, weil er darin auf ironische Weise den jüdischen Mittelstand seines Herkommens aufs Korn genommen hatte. Die Roths kamen als Einwanderer aus der Ukraine ins Land. Als Philip Roth in „Operation Shylock“ (1993) die Diaspora verteidigte, sah man in ihm ein abschreckendes Beispiel für jüdischen Selbsthass. Roth war alles zugleich, verzweifelter Lüstling, selbstironischer Macho, orthodoxer Jude und Antisemit, Atheist und enttäuschter Gottsucher. Einigkeit mag einzig darüber herrschen, dass all diese Gegensätze in einem Schreibvermögen konvergieren, dessen plastische Kraft und lakonischer Witz über die individuellen, nationalen und kollektiven Tragödien hinweg trägt, von denen es erzählt. Bis auf den Nobelpreis hat er dafür alle wichtigen nationalen und internationalen Literaturpreise erhalten.

Der Erotomane als Mönch

Zweimal war Philip Roth verheiratet, seine erste Ehe endete in einem Rosenkrieg, die zweite mit der Schauspielerin Claire Bloom in der Nervenklinik. Was möglicherweise weniger mit Ausschweifungen zu tun hatte, die er mit seinen Romanhelden teilt, als mit der zu ihrer Niederschrift erforderlichen Askese. „Meine Autobiografie bestünde fast gänzlich aus Kapiteln darüber, wie ich allein in einem Zimmer sitze und vor mir auf eine Schreibmaschine starre“, bekannte er einmal im Interview. Wie ein Mönch lebte der angebliche Erotomane vorzugsweise auf einer Farm in Connecticut, wo nahezu im Jahresrhythmus ein Buch nach dem andern entstand, bis das Maß voll war. 2012 erklärte Philip Roth, dessen letzter Roman „Nemesis“ ihn noch einmal auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft präsentierte, die schreiberische Mission für erfüllt.

Anders als der sich an ähnlichen Versuchungen abarbeitende deutsche Alterserotiker Martin Walser hat Roth einen untrüglichen Sinn dafür bewiesen, welche amourösen Turbulenzen auf der Vergänglichkeitsbühne des Lebens für die Öffentlichkeit bedeutsam werden können – und welche nicht. Ein Post-it an seinem Computer erinnerte ihn zuletzt daran, nicht zu vergessen: „Der Kampf des Schreibens ist vorbei.“ Jeden Morgen schaue er auf diesen Zettel, sagte er in einem seiner letzten Gespräche, das gebe ihm Kraft. Nun ist der Kampf endgültig ausgefochten. Im Alter von 85 Jahren ist der große amerikanische Romancier im Kreise seiner Freunde in New York gestorben.

Er schrieb an gegen Endlichkeit und Tod. In seiner Novelle „Jedermann“ aus dem Jahr 2006 schilderte er das Sterben eines Menschen von heute. Sie endet mit den Worten: „Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn.“ Philip Roths lebensvolles Werk jedoch wird bleiben.

Flirts & Singles

 
 
0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.