Vortrag im Lautlinger Schwesternhaus: Wenn es um die Ortsgeschichte ging, konnte keiner Heiko Peter Melle etwas vormachen. Foto: Eyrich

Lautlingen ist im Schock: Völlig unerwartet ist am Sonntag Heiko Peter Melle, Ortsvorsteher, früherer Musikvereins- und Blasmusikverbandsvorsitzender, Ehrenzunftmeister, Ortshistoriograph und Aktivist an zahlreichen Fronten, gestorben.

Viele Jahre lang hatte Heiko Peter Melle am Morgen des „Schmotzigen“ die Narren der Zunft Kübele Hannes ins Schloss geführt, um Ortsvorsteherin respektive Ortsvorsteher ihrer Amtswürden zu entkleiden – in Lautlingen, wo man gerne wider den Stachel löckt, hatte die Entmachtung der Obrigkeit stets eine besonders subversive Note.

 

Und dann kam das Jahr 2020, der Ehrenzunftmeister war auf einmal selbst Ortsvorsteher und machte sich die Rolle der widerspenstigen und erbosten Amtsperson mit einer Überzeugungskraft zu eigen, die keiner seiner Vorgänger je erreicht hatte. In neun Tagen wäre es wieder so weit gewesen – es hat nicht sein sollen: Heiko Peter Melle ist am Sonntag nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

Seine Stimme war unüberhörbar

Geboren war er, wie wohl die meisten lebenden Albstädter, in Ebingen, am 29. Juni 1968, aber sein Herz gehörte immer Lautlingen, wo er aufwuchs und die Ignaz-Demeter-Schule besuchte. Er war gelernter Metzger, aber schwere Rückenprobleme, die ihm schon in seiner Jugend zusetzten, hinderten ihn daran, den Lehrberuf auszuüben. Er schulte zum Datenverarbeitungskaufmann und später im Leben zum Nutzfahrzeugverkäufer um; sein letzter Arbeitgeber war die Firma Karsch in Bisingen.

Biografisches Standbein von Heiko Peter Melle war indes eindeutig das Ehrenamt. Bereits in den 1990er-Jahren, er war noch keine 30, saß er im Lautlinger Ortschaftsrat und war schon damals kein Leisetreter, sondern einer, der eine Meinung hatte und keine Angst, sie laut zu sagen. Auch im Musikverein war seine Stimme in mehr als einer Hinsicht unüberhörbar: Er spielte erst Es-Horn und später Bariton; mit 20 wurde er Ausschussmitglied, mit 21 Schriftführer und mit 27 Vorsitzender. Er blieb es zehn Jahre lang; später übernahm er erst die Geschäftsführung und dann, als Nachfolger des legendären Josef Braun, den Vorsitz des Blasmusikkreisverbands – zusammen mit seinem Pendant Michael Ashcroft wurde er einer der Väter der Kooperation von Kreismusikern und -sängern.

Als er 2019 sein Musikerjubiläum – 40 Jahre – feierte, erklang ein eigens für ihr komponierter „Heiko-Peter-Melle-Marsch“ aus der Feder von Adalbert Deuringer.

Kontra geben konnte er mit Leidenschaft

Sein Lieblingskind war freilich die Narrenzunft, für die er anno 1999 Vater und Hebamme in einem war. Er war derjenige, der den Zunftmythos vom Hannes aus dem Fass ausgrub, und wann immer in den Folgejahren Kritiker über „traditionslose“ Zunftneugründungen lästerten, erhob er mit Leidenschaft seine Stimme, um Contra zu geben und eine Unzahl eigenrecherchierter historischer Belege dafür zu präsentieren, dass es schon seit Jahrhunderten närrisches Brauchtum in Lautlingen gebe.

Überhaupt waren seine historischen und kulturwissenschaftlichen Interessen breitgefächert und seine Kenntnisse ähnlich immens wie sein digitales Fotoarchiv, in dem eine fünf-, wenn nicht sechsstellige Zahl von Aufnahmen abgespeichert ist. Als im Lautlinger Schloss 2007 die Gedenkausstellung für Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die Männer des 20. Juli eröffnet wurde, zählte auch er zu den Initiatoren – und bis zuletzt zu den beschlagensten Albstädter Museumsführern.

Zu den Leisetreternhat er nie gehört

Apropos Schloss – an der Restitution der Schloss-Scheuer als Bürgerhaus hatte er maßgeblichen Anteil, bei der Schlossweihnacht am vierten Advent übernahm er immer wieder gerne die tragende Rolle des Nikolaus – und im Ortsamt war er seit 2019 Hausherr. Heiko-Peter Melle zählte nie zu den Leisetretern oder, wie er selbst sagte, zu denen, die wenn es Zank gab, „mit Wattebäuschchen werfen“: Er wusste auszuteilen und einzustecken; er war anfangs kein unumstrittener Ortsvorsteher – aber er war nie nachtragend, der Schwarzwälder Bote kann es aus eigener Erfahrung bezeugen. Dem Ortsvorsteher Melle gelang, was ihm viele vorher nicht zugetraut hätten: ausgleichend zu wirken in einem in Sachen Ortsumgehung zerstrittenen Lautlingen und konstruktiv mit einer Stadtverwaltung zusammenzuarbeiten, mit der er sich zu anderen Zeiten mit Genuss gestritten hatte. Er wird fehlen – und nicht nur den Lautlingern.

Statement

Oberbürgermeister Roland Tralmer:
„Ich bin tief erschüttert – das ist ein Schlag aus heiterem Himmel. Heiko Peter Melle habe ich als äußerst kompetenten und verlässlichen Menschen kennengelernt – und als Chronist des Ortes, dessen profunde Fachkenntnisse zu jedem Detail sehr fehlen werden. Er hat sein Lautlingen gelebt – und er war einfach ein feiner Kerl.“