Ein Monat ist seit den tödlichen Schüssen im Mercedes-Werk in Sindelfingen vergangen. Die beiden Getöteten wurden unterdessen in der Türkei bestattet. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat wie auch zu dem Aufmarsch vermummter Rechter vor dem Werk am 25. Mai laufen.
Vor einem Monat, am 11. Mai, sorgt ein 53-Jähriger für Entsetzen in Sindelfingen: Mit einer Pistole bewaffnet, betritt der Angestellte der auf dem Mercedes-Benz-Werksgelände arbeitenden Logistikfirma Rhenus seine Arbeitsstelle. Dort, in der Factory 56, nahe der Gottlieb-Daimler-Straße, erschießt er an jenem Donnerstagmorgen zwei Kollegen, beide 44 Jahre alt. Während der eine noch am Tatort, seinem eigentlichen Arbeitsort, verstirbt, erliegt der zweite in einem Stuttgarter Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Der Täter kann schnell gefasst werden.
Mit der Festnahme des 53-Jährigen brodelt analog wie auch digital die Gerüchteküche hoch: Tötete der türkischstämmige Mann die beiden ebenfalls türkischstämmigen Arbeitskollegen, da sie politisch unterschiedlicher Meinung waren? Immerhin standen die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen kurz bevor. Außerdem war der mutmaßliche Todesschütze im Internet wiederholt durch scharfe verbale Angriffe auf den türkischen Präsidenten Erdoğan aufgefallen. Oder steckte doch ein anderes Motiv dahinter – etwa die unsichere Arbeitsvertragssituation des 53-Jährigen?
Zur Motivlage gibt die Staatsanwaltschaft keine Auskunft
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die die Ermittlungen wegen des Verdachts des zweifachen Totschlags führt, möchte keine Aussagen bezüglich des Motivs treffen. „Die Ermittlungen laufen noch. Da die Ermittlungsarbeiten aufgrund der großen Anzahl verschiedener Zeugen aufwendig sind, wird es weiter andauern“, erklärt Aniello Ambrosio, Erster Staatsanwalt und Pressedezernent auf Anfrage unserer Zeitung. Zudem bestehe kein Zeitdruck, da in dem Fall des zweifachen Tötungsdelikts keine Verjährung droht. In welcher Justizvollzugsanstalt der Tatverdächtige seine Untersuchungshaft bis zur Anklageerhebung absitzt, kommentiert die Stuttgarter Behörde nicht.
In der türkischen Gemeinde in Sindelfingen hält man von den zu Beginn oft kolportierten Mutmaßungen, die beiden getöteten 44-jährigen Männer hätten sterben müssen, weil sie der Regierungspartei AKP und Präsident Erdoğan nahestanden, nichts. „Wir glauben, dass die Diskussion in die Richtung ging, weil fast zeitgleich die Präsidentschaftswahl bevorstand. Das hat sich zeitlich überschnitten“, erläutert Murat Gülec, Vorstandsmitglied beim Sindelfinger Ableger des Religionsverband Ditib, zu der auch die Ulu-Moschee im Gewerbegebiet gehört. So sei der Verdacht entstanden, der mutmaßliche Täter habe wegen seiner Zugehörigkeit zur Opposition die vermeintlich dem Regierungslager zuzuordnenden Opfer gewaltsam getötet. Vielmehr gehe man im Umfeld der Moschee von einem Konflikt im Arbeitskontext aus – etwas, das die Staatsanwaltschaft nicht bewerten möchte. Zwar sei auch der mutmaßliche Todesschütze wiederholt in der Sindelfinger Moschee gewesen, persönlich gekannt habe Gülec den 53-Jährigen nicht. Allerdings sei der Tatverdächtige, so Murat Gülec nach Gesprächen mit Gemeindemitgliedern, auch in der Umgebung der Moschee immer wieder negativ aufgefallen. Einen Monat nach der Tat sei die Trauer in der Community zwar weiterhin spürbar, immerhin sei das Opfer regelmäßig Gast in der türkischen Gemeinde Sindelfingens gewesen. Dennoch habe man nach dem Freitagsgebet am 12. Mai und dem Trauergebet mit rund 1000 Gläubigen vor dem Gotteshaus am 13. Mai versucht, wieder in den Alltag zurückzukehren. „Natürlich haben einige hier und da noch darüber gesprochen, wir mussten aber auch wieder zur Tagesordnung übergehen“, betont Gülec. Das Leben neu sortieren müssen vor allem die Hinterbliebenen, die jeweils ein enges Familienmitglied gewaltsam verloren haben. Bei den Bestattungen, die Mitte Mai im Kreise der engsten Familie nicht auf dem muslimischen Friedhof in Sindelfingen, sondern in der zentralanatolischen Stadt Konya vollzogen wurden, nahm die Ditib Sindelfingen keine Rolle ein, wie Gülec sagt: „Wir stehen den Familien aber weiterhin seelsorgerisch bei und unterstützen sie natürlich wo wir können.“
In der Moschee wurde viel Trauerarbeit geleistet
Während die türkische Community ob der Gewalttat den Weg aus der Schockstarre gefunden zu haben scheint, hat eine offenbar rechtsgerichtete, bisher unbekannte Gruppierung am 25. Mai vor dem Mercedes-Werk versucht, die Gewalttat eines Einzelnen politisch zu instrumentalisieren. Auf Anfrage erklärt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Ludwigsburg: „Die Ermittlungen zu den Identitäten der Personen, die am 25. Mai aufgetreten sind, laufen.“ Die politische Haltung der Personen dürfte sich nach Einschätzung der Polizei als migrationsfeindlich beschreiben lassen. Da die Rechten, die an jenem Tag auch Handzettel verteilten und Plakate hochhielten, vermummt auftraten, werde wegen Abhaltung einer nicht angemeldeten Versammlung und Verstoß gegen das Vermummungsverbot ermittelt, so die Polizei weiter.