Birgit Fuß hat ihren Lebenspartner unerwartet plötzlich an den Krebs verloren. Sie erzählt, wie traurig und verzweifelt sie war und erklärt, was Freunde von Trauernden tun können, um zu helfen.
Wie macht man weiter, wenn ein geliebter Mensch tot ist? Birgit Fuß ist Musikjournalistin und Trauerbegleiterin. Kürzlich hat die 51-Jährige ein Buch über ihre eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer veröffentlicht: „Sterben darfst du aber nicht“.
Frau Fuß, Sie haben einen schrecklichen Verlust erlebt, Ihr Partner starb relativ plötzlich. Was ist geschehen?
Es ist inzwischen fast sieben Jahre her, dass ich meinen Lebensmenschen kennengelernt hatte, so nannte ich ihn. Ich habe mich nach 16 Jahren von meinem Mann getrennt und hatte ein unfassbar glückliches Jahr mit dem Lebensmenschen. Kurz vor Weihnachten ging es ihm nicht gut, er kam ins Krankenhaus. Einige Tage danach bekam er die Diagnose Krebs, der überall gestreut hatte. Zwei Wochen später ist er gestorben.
Das ist eine unfassbar kurze Zeit von der Diagnose bis zum Tod.
Ja, es ist vollkommen verrückt. Jetzt kann ich davon relativ nüchtern erzählen. Aber natürlich war das in dem Moment ein großer Schock und überhaupt nicht zu begreifen.
Wie konnten Sie danach noch morgens aufstehen, sich die Zähne putzen?
Es war schwer, aber es war immer noch viel Liebe und Dankbarkeit da. Ich war sofort froh, dass wir wenigstens das eine Jahr zusammen hatten. Geholfen hat mir auch, beschäftigt zu sein mit den Formalitäten und dem Organisationskram.
Sie konnten es mit Fassung tragen?
Überhaupt nicht. Es ging mir wahnsinnig schlecht. Morgens im Bett habe ich gedacht: Ach, Mist, jetzt bin ich wieder aufgewacht. Ich wollte gar nicht mehr aufwachen. Daran habe ich gemerkt, dass ich Hilfe brauche.
Hatten Sie suizidale Gedanken?
Ja, das gebe ich zu. Mir ist es wichtig, offen darüber zu reden, wie schlimm diese Zeit war. Jeder Mensch tendiert dazu, später zu sagen: Ach, geht schon. Nein! Es ging gar nicht mehr.
Was lief in Ihrem Kopf ab?
Wie ungerecht es ist. Ich habe mich auch gefragt: Hätte ich es früher merken müssen? Habe ich im Krankenhaus alles richtig gemacht? Und natürlich erinnert man sich zuerst an die Situationen, die nicht gut gelaufen sind, als es schwierig war mit dem Krankenhauspersonal zum Beispiel. Das sind endlose Gedankenschleifen.
Haben Sie Antworten gefunden auf Ihre Fragen?
Ich glaube, dass es darauf keine Antworten gibt. Das zu akzeptieren gehört zu den Dingen, die ich schmerzlich lernen musste. Man muss damit leben, wie es ist. Der Tod ist die Realität. Natürlich suchen wir nach dem Sinn, aber es gibt keinen Sinn. Ich finde es nach wie vor total unsinnig, dass mein Freund gestorben ist. Am Ende habe ich aber gelernt: Auch das kann man überstehen. Die Liebe ist größer als der Tod. Man kann die Lebensfreude wiedererlangen, wenn man durch die Trauer hindurchgeht.
Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe eher zufällig eine Trauerbegleiterin gefunden. In Berlin, wo ich lebe, entdeckte ich einen Buchladen, der viel zu Tod und Trauer hatte. Das fand ich interessant. Meiner Trauerbegleiterin gehörte der Laden. Sie hat mir sehr geholfen, ich bin monatelang jede Woche zu ihr, habe ihr alles erzählt.
Wie hat Sie Ihnen geholfen?
Ich habe gemerkt, ich muss mit jemandem reden, dem ich wirklich alles vorbehaltlos erzählen kann.
Das ging nicht mit Freunden?
Damals war ich Mitte 40, und es gab kaum Leute in meiner Umgebung, die mit Trauer Erfahrungen hatten, also jenseits vom Tod der Oma. Es ist sehr interessant zu beobachten, dass sich Freundschaften in so einer Situation verändern. Man wundert sich, mit wem man plötzlich sprechen kann und wer einem überhaupt nicht mehr zur Verfügung steht, weil er es nicht aushält. Den Menschen, die einem sehr nahestehen, möchte man nicht erzählen, wie schlecht es einem geht. Sie machen sich Sorgen, und dann macht man sich selbst Sorgen. Für mich war es einfacher, mit jemandem darüber zu reden, der eine professionelle Distanz hat.
Worum ging es in den Gesprächen?
Ich hatte das Gefühl, ich bin nicht normal, und ich wollte einfach wissen, ob das normal ist, was ich empfinde. Ob die Trauer zu arg ist oder ob das anderen auch so geht.
Und was haben Sie erfahren?
Jede Trauer ist anders, aber fast alle stecken in Gedankenschleifen fest. Man ist wie eine wiederkäuende Kuh, alles kommt hoch, dann würgt man es runter. Zuerst habe ich gedacht, das ist so sinnlos. Aber das ist gar nicht sinnlos. Das Wiederkäuen ist ein Prozess: Hochwürgen und Runterschlucken – so wird es verdaut. Und ich glaube, wenn man sich sagt, ich muss nicht schon übermorgen damit fertig sein, hilft das schon.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie mit dieser Trauer beschäftigt waren?
Unterschiedlich, man ist das nicht mehr so gewohnt. Früher haben die älteren Leute mit im Haus gewohnt, da bekamen auch Jüngere das Sterben mit. Seit einigen Jahrzehnten schieben wir es weg. Es wird sehr schnell erwartet, dass man sich fängt und weitermacht. Bei der Arbeit hieß es zu mir: Klar, das ist total traurig, aber wann kannst du wieder Termine übernehmen? Es fällt den Leuten schwer, einen Raum für die Trauer zu lassen.
Wie haben Freunde und Bekannte reagiert?
Manche haben gut meinend offenbar gedacht: Lieber reden wir nicht davon. Sie wollten mich nicht an meine Trauer erinnern. Aber die Trauer ist sowieso die ganze Zeit da und die Erinnerung an den Liebsten auch. Ich hätte immer gerne über ihn geredet und habe dann gemerkt, dass Leute betreten waren, wenn ich ihn erwähnt habe.
Was kann man zu Trauernden sagen?
Man sollte keine Angst davor haben, die Trauer anzusprechen. Manches ist nicht so hilfreich, etwa: Wird schon wieder. Grundsätzlich kann man alles sagen, was von Herzen kommt. Auch nur: Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das hat mir schon geholfen. Ich fand es am schlimmsten, wenn die Leute gar nichts gesagt und so getan haben, als wäre nichts. Das fand ich unerträglich.
Sollten sich enge Freunde jeden Tag beim Trauernden melden?
Sich relativ häufig zu melden hilft immer. Man sollte konkrete Sachen anbieten. Viele sagen: Melde dich, wenn du was brauchst. Aber wenn einem der Kopf explodiert, weil man so unglücklich ist, weiß man nicht, was man braucht. Toll fand ich, als eine Freundin mir öfter Suppe gebracht hat. Auch anzubieten, eine Runde spazieren zu gehen, ist gut. Immer wieder das Angebot machen und nicht beleidigt sein, wenn der Trauernde ablehnt oder nicht so freundlich ist.
Die Weihnachtszeit ist für viele Trauernde schwer zu ertragen. Wie hält man das aus?
Man muss Traditionen nicht zwingend aufrechterhalten, sondern in sich reinhören, was tut mir gut? Für manche heißt das, allein zu sein und keinen Weihnachtsbaum aufzustellen. Andere wollen zur Familie. Wenn man jemanden verloren hat, muss es nicht so sein wie die Jahre zuvor, es darf anders sein.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/
Autorin und Trauerbegleiterin
Werdegang
Birgit Fuß, 1972 in Fürstenfeldbruck geboren und in Bayern aufgewachsen, begann 1993 bei der „Hamburger Morgenpost“ über Musik zu schreiben. Seit 1998 ist sie Autorin, seit 2000 Redakteurin beim „Rolling Stone“, zunächst in Hamburg, dann in München und seit 2010 in Berlin.
Trauer
Birgit Fuß hat zwei Jahre nach dem Tod ihres Lebensgefährten selbst eine Ausbildung zur Trauer- und Sterbebegleiterin gemacht und hilft seither Menschen, mit ihrer Trauer umzugehen. In ihrem aktuellen Buch „Sterben darfst du aber nicht“ (Mikrotext, 224 Seiten, 25 Euro) verarbeitet sie ihre Geschichte.