Schauspiel-Intendant Burkhard C. Kosminski Foto: picture alliance/dpa/Christoph Schmidt

Nach der Aberkennung des Dramatikerpreis 2022 an Caryl Churchill wegen Antisemitismusvorwürfen fragt sich der Stuttgarter Schauspielintendant und Initiator des Preises: Wie konnte das passieren?

Die Jury, die der britischen Dramatikerin Caryl Churchill den vom Schauspiel Stuttgart initiierten Europäischen Dramatikerpreis 2022 im April zugesprochen hatte, hat ihn ihr jetzt, kurz vor der Vergabe, wieder aberkannt – wegen Antisemitismusvorwürfen. Ein böses Erwachen auch für den Intendanten Burkhard C. Kosminski.

 

Herr Kosminski, Frau Olschowski, Jurymitglied und Kunstministerin, stellt ratlos fest: „Wir fragen uns, wie das passieren konnte?“ Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Es wurde übersehen, und zwar von allen. Sonst wäre das nicht passiert. Manchmal geschehen Dinge, die man sich hinterher kaum erklären kann.

Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie groß ist Ihre Betroffenheit?

Ich will das nicht auf einer Skala einordnen. Aber ich versichere Ihnen: Die Betroffenheit über den Schaden, den wir dem Preis zugefügt haben, ist so groß, dass mich das jeden Tag beschäftigt. Ich bin ja mit Ihnen einig, dass das nicht hätte passieren dürfen.

Dass Frau Churchill Unterstützerin der BDS-Kampagne ist, die zum Boykott gegen Israel aufruft, lässt sich leicht recherchieren. Waren Jury und Schauspiel auf diesem Auge blind?

Nein, wir waren alles andere als blind auf diesem Auge. Das sehen Sie auch jetzt, da die Jury ihre Entscheidung zurückgezogen hat. Ich fand diesen Schritt richtig und stehe voll dahinter. So etwas ist ja alles andere als einfach. Aber Fehler korrigiert man, so gut man es eben kann. Das ist die Haltung der Jury. Und das ist meiner Meinung nach ehrenhaft. Und das hat auch eine gewisse Stärke.

Sie selbst hatten sich schon früher BDS-kritisch geäußert und in Zusammenhang mit einer Bundestagsresolution Kritik an BDS-unterstützenden Theatern geübt. Fällt Ihnen das auf die Füße?

Im Gegenteil. Ich bin froh, dass ich damals meine Haltung leise, aber unmissverständlich deutlich gemacht habe.

Wie groß ist der Schaden – auch für die Kulturstadt?

Der Schaden ist da, und wer den Schaden hat, das wissen wir, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Aber ich glaube nicht, dass Stuttgart einen bleibenden Schaden davonträgt. Denn es gibt ja auch die umgekehrte Sichtweise: Spricht es nicht für die Stärke Stuttgarts, in einer schwierigen Situation klar und schnell eine unpopuläre Entscheidung getroffen zu haben? Wo hat man sich so klar und schnell entschieden? Denken Sie an die Documenta. Meines Wissens wurde der Fehler der Jury ja auch kritisiert, und zu Recht, aber der Entscheidung der Jury, den Preis zurückzunehmen, wurde bisher nicht öffentlich widersprochen.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Auch das kann endgültig erst die Zukunft weisen. Wieder zeigt sich an ganz unterschiedlichen Reaktionen auf die Rücknahme des Preises überall in Europa, dass wir in Deutschland eine besondere Verantwortung haben, aber auch die europäische Perspektive auf unser eigenes Tun dringend benötigen. Dafür war der Preis unter anderem gedacht, und das bestätigt sich nun. Der Preis ist von der Überzeugung und Notwendigkeit eines europäischen Dialogs und gemeinsamer Entscheidungen getragen.

Hat der Preis noch eine Zukunft, oder sollte man ihn nicht ganz zurückziehen?

In einer solch angespannten und aufgeheizten Situation ist Bedacht besonders wichtig. Es ist ein schwerwiegender Fehler passiert. Aber ist es nicht besser, das zum Anlass zu nehmen, weiterzugehen und besser zu werden, als infrage zu stellen? Ich bin der Überzeugung, dass der Preis unbedingt beibehalten werden sollte. Es ist der einzige europäische Preis für eine Dramatikerin oder einen Dramatiker für deren Lebenswerk. Baden-Württemberg hat hier eine auffallende Lücke geschlossen.

Wann entscheidet sich, was mit dem Preisgeld von 75 000 Euro passiert? Wofür sprechen Sie sich aus?

Bisher ist noch keine Entscheidung gefallen, und wir benötigen noch etwas Zeit. Trotzdem möchte ich Sie an meinen Gedanken teilhaben lassen: Ein europäisches Wochenende in Stuttgart, das diese Zusammenhänge diskutiert, scheint mir eine bedenkenswerte Idee. Eine Veranstaltung, die den Wert und die Möglichkeit von Kommunikation zeigt, auch bei unterschiedlichen Meinungen. Eine Veranstaltung, bei der man Europa spüren kann und bei der sich europäische Autorinnen und Autoren zu Lesungen und Diskussionen treffen.

Zur Person

Biografie
Der gebürtige Schwenninger absolvierte ein Regie- und Schauspielstudium in New York. Von 2001 bis 2006 war er leitender Regisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus, wechselte zum Mannheimer Nationaltheater und ist seit der Saison 2018/2019 Schauspiel-Chef in Stuttgart.