Mit einem taktischen Kniff hat der Trainer Pellegrino Matarazzo dem VfB Stuttgart mehr Stabilität verliehen – wir erklären, wie es jetzt im Mittelfeld läuft.
Stuttgart - Kein Trainer mag das. Wenn das Spiel plötzlich in die falsche Richtung läuft, der Ball auf seinen schwer berechenbaren Wegen sich an keinen Matchplan hält und das Geschehen auf dem Fußballplatz außer Kontrolle gerät. Auch Pellegrino Matarazzo will das Spiel des VfB Stuttgart vor dem Zugriff des Zufalls bewahren, es am liebsten aus der Mitte heraus in der Balance halten – zwischen kompakter Defensive und funktionierender Offensive. Mit einem taktischen Kniff ist das dem Chefcoach zuletzt gelungen.
Drei statt bislang zwei Sechser – das ist die einfache Formel, die der studierte Mathematiker von der Columbia University in New York seit zwei Spieltagen im Stuttgarter Spiel gegen den Ball anwendet. Im Zentrum steht dabei Atakan Karazor. 1,90 Meter groß, stark in der Balleroberung, gut im Kopfball und sicher in der Spieleröffnung. Der 25-Jährige gilt seit seiner Verpflichtung 2019 als Defensivallrounder, suchte aber immer wieder seinen festen Platz in der Startelf.
Jetzt scheint ihn Karazor wieder gefunden zu haben. Mitten im Geschehen – vor der Abwehr mit Wataru Endo und Orel Mangala beziehungsweise Nikolas Nartey an seiner Seite. „Ein Schlüssel zum abermaligen Punktgewinn war die neu gewonnene Stabilität im Zentrum“, sagt der Sportwissenschaftler Steffen Görsdorf vom Institut für Spielanalyse in Potsdam. Erst schnappte die sogenannte trichterförmige Ballfalle beim 3:1 gegen die TSG Hoffenheim zu, danach beim 1:1 in Mönchengladbach, und am Sonntag (17.30 Uhr) in der Heimpartie gegen den 1. FC Union Berlin wird sich der VfB wohl wieder entsprechend aufstellen.
„Da wird es noch mehr ums Robuste gehen“, sagt Karazor, der sich bei Ballkontrolle des Gegners häufig in die Abwehr fallen lässt und Passwege in die Spitze schließt. Dicht gedrängt geht es dann im Strafraum zu, und im Borussia-Park brachte stets noch ein Stuttgarter sein Bein oder ein anderes Körperteil zwischen Ball und eigenes Tor. Den vermeintlich frei gewordenen Raum im Mittelfeld besetzten Endo und Nartey. Sie nahmen die Gladbacher in Empfang. Vereint wurde leidenschaftlich verteidigt.
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Auf elf Balleroberungen brachte es Karazor, auf acht Nartey. Und Endo gehört ohnehin zu den zweikampfstärksten Spielern in der Liga. Gegen die Gladbacher bestritt der Japaner erneut die meisten Zweikämpfe auf VfB-Seite. Insgesamt liegen die Stuttgarter in der Tabelle der gewonnenen Mann-gegen-Mann-Duelle an der Spitze (878). Endo ist dabei der König des Zweikampfs (113), zu den besten zehn gehören auch Konstantinos Mavropanos und Marc Kempf (je 95).
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Adi Hütter hatte sein Team auf die Vorgehensweise der Gäste eingestellt. „Der VfB ist ein guter, aber auch unangenehmer Gegner“, sagt der Borussen-Trainer. Selbst für den wuchtigen Stürmer Breel Embolo war es schwer, seine Schnelligkeit einzusetzen und die schwäbische Abwehrwand zu durchbrechen. Und Lars Stindl, der Mann zwischen den Linien, fand keine Lücke. Der Gladbacher Kapitän griff sogar zum Mittel des kleinen Mannes, als er Karazor nicht nur energisch, sondern auch taktisch foulte. Um die Gäste aus dem Tritt zu bringen und den Stuttgartern den Halt zu nehmen. Zudem führt das Institut für Spielanalyse einen weiteren Beleg für die neue Abwehrstärke der Stuttgarter an: „Gehörte der VfB bis zum siebten Spieltag zu den Top-Fünf-Teams mit den meisten zugelassenen Großchancen, ließ man in den letzten beiden Spielen nicht eine einzige Großchance zu“, sagt Görsdorf.
Klar ein Verdienst der stabilen Mitte mit einem Karazor, der sich in dieser Form zur festen Größe entwickelt. Eine Rolle, die ihm bereits zu Beginn beim VfB zugedacht war, als er in der zweiten Liga unter dem Trainer Tim Walter stets im defensiven Mittelfeld aufgeboten wurde. Von Holstein Kiel gekommen, um das Spiel zu ordnen. Doch mit den sich fast perfekt ergänzenden Endo und Mangala als Doppelsechs fand sich der nicht ganz so schnelle Deutsch-Türke immer häufiger auf der Bank wieder – oder er wurde zum Aushilfslibero erkoren, wenn in der Abwehr eine Alternative benötigt wurde (zehn Startelfeinsätze in der Vorsaison, die meisten davon nach Mangalas Verletzung).
Matarazzo schätzt jedoch nicht nur die Vielseitigkeit Karazors. Sondern ebenso dessen Fähigkeit, ein Spiel zu lesen. Zum Strategen fehlt es dem gebürtigen Essener also nicht am guten Auge. Es braucht insgesamt mehr Konstanz, um die Defensive stabil und Zahl der Gegentore gering zu halten. Das war der Plan des Trainers nach den anfänglichen Schwierigkeiten. Im Moment geht dieser mit der Dreier-Kombination im Mittelfeld auf. „Ich weiß aber nicht, wie lange das hinten noch hält“, sagt Karazor mit Blick auf die Kollegen vorne. Sie sollen wieder mehr Tore zur VfB-Erfolgsformel beitragen.
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