Mijo Tunjic trug insgesamt zehn Jahre das Trikot der Stuttgarter Kickers. Seit Sommer stürmt er für den Oberligarivalen 1. Göppinger SV. Der 34-Jährige spricht über seinen Abgang bei den Blauen und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der beiden Clubs.
Mijo Tunjic ist ein Garant für Tore. Das war bei den Stuttgarter Kickers so und auch bei seinen weiteren höherklassigen Stationen SpVgg Unterhaching, Rot-Weiß Erfurt und SV Elversberg. Seit dieser Saison stürmt der 34-Jährige erfolgreich für den Oberligisten 1. Göppinger SV.
Herr Tunjic, wie fällt Ihr Zwischenfazit bei Ihrem neuen Club aus?
Eigentlich sehr positiv. Wir waren ja sogar Spitzenreiter, alles war top. Dann spielten wir leider daheim gegen den Offenburger FV nur 0:0 und haben dann beim 1. FC Rielasingen-Arlen ein schlechtes Spiel abgeliefert und mit 0:1 unsere erste Saisonniederlage kassiert. Am Samstag haben wir dann nach großem Kampf und in Unterzahl den FC 08 Villingen mit 1:0 besiegt. Wir sind wieder in der Spur.
Wo liegt der größte Unterschied zu den Kickers?
Die Erwartungen sind nicht so hoch. Bei den Kickers sind die Erwartungen riesig, da brennt es sofort lichterloh, wenn du zweimal hintereinander unentschieden spielst. In Göppingen wird alles nicht so dramatisch gesehen.
Lässt es sich da viel befreiter aufspielen?
Ein bisschen schon. Aber an mich persönlich waren und sind die Erwartungen schon sehr groß. Ich bin als Kapitän der Stuttgarter Kickers, als Spieler mit viel höherklassiger Erfahrung nach Göppingen gekommen, da wird schon erwartet, dass ich vorne weggehe und am Ende nicht nur fünf oder sechs Saisontore auf dem Konto habe.
Diese Anazhl an Toren hatten Sie ja schon nach sechs Spieltagen erzielt.
Zum Glück, es lief richtig gut für mich, aber es kann nicht in jedem Spiel klappen. Ich versuche der Mannschaft zu helfen, so oft und wann immer es geht.
Was zeichnet Ihre neue Mannschaft aus?
Der Zusammenhalt ist groß, jeder kämpft für jeden. Wir können für jeden Gegner eine richtig eklige Mannschaft sein, weil wir die entsprechenden Spielertypen haben und in jedem Spiel 100 Prozent geben.
Dreimal Training um 18.30 Uhr
Lässt sich das über eine ganze Saison aufrechterhalten?
Das könnte schon etwas unser Problem sein. Ich arbeite 40 Stunden pro Woche als Steuerfachangestellter, jeder Spieler in unserer Mannschaft arbeitet neben dem Fußball die ganze Woche. Da kann nicht immer die hundertprozentige Spannung im Training da sein. Bei den Kickers zum Beispiel warten die Spieler bis das Training endlich losgeht.
Wie oft trainieren Sie beim GSV?
Wir trainieren dreimal pro Woche jeweils ab 18.30 Uhr.
Sie sind nicht der einzige erfahrene Spieler im Team, der schon über 30 ist und die Priorität auf den Beruf legt.
Das stimmt. Domenic Brück, Chris Loser oder Tomislav Ivezic bringen enorm viel Oberligaerfahrung mit. Tim Schraml hatte sogar einen Bundesligaeinsatz beim SC Freiburg. Das sind alles Spieler, die sehr gut mit dem Ball umgehen können. Aber du musst auch in jedem Spiel die nötigen Grundeigenschaften wie Laufbereitschaft, Aggressivität und taktische Disziplin auf den Platz bringen. Und dabei tut sich ein Team, das unter professionellen Bedingungen arbeiten kann, über die lange Strecke von 34 Spieltagen natürlich leichter.
Warum haben es die Kickers dann bisher nicht geschafft, daraus den entscheidenden Vorteil zu ziehen und aus der Oberliga aufzusteigen?
Das ist die Frage aller Fragen. Es hängt ganz sicher damit zusammen, wie die anderen Teams gegen die Kickers auftreten. Für jede Mannschaft, egal ob Mutschelbach, Hollenbach oder Holzhausen, ist das Spiel gegen die Blauen das absolute Highlight. Da kommt die ganze Familie, der komplette Freundes- und Bekanntenkreis zum Spiel, alle die sonst vielleicht mit Fußball nichts am Hut haben. Das puscht ungemein. Da ist die Motivation um einiges höher. Und dann mauern die Mannschaften noch, vor allem wenn sie in Führung gehen. Das alles macht’s nicht gerade einfach.
Nach dem verpassten Kickers-Aufstieg am 14. Juni in Trainer prognostizierten Sie, die Blauen werden in der neuen Saison mit zehn bis 15 Punkten Vorsprung Meister. Bleiben Sie dabei?
Na ja, 15 Punkte Vorsprung war vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Aber ich bleibe dabei: Sie werden deutlich Meister, weil ich keine zweite Übermannschaft in der Liga sehe, wie es vergangene Runde der SGV Freiberg oder davor der VfB Stuttgart II war. Und weil sich die Qualität und die Breite im Kader zumindest auf lange Sicht auszahlen wird. Wenn sich bei uns oder auch bei anderen Clubs ein, zwei wichtige Schlüsselspieler verletzen, ist das ein Problem. Die Kickers können es kompensieren.
Flutlicht-Kracher am 14. Oktober
Aber zumindest Zweiter können mit dem GSV ja werden?
Wir wollen nicht zu weit in die Zukunft schauen, aber klar ist: Wir wollen versuchen, die Kickers so lange wie möglich zu ärgern, wir wollen ihnen ein Bein stellen. Vor allem im direkten Duell am 14. Oktober bei uns zu Hause an der Hohenstaufenstraße. Da wird die Hölle los sein, 3000 Zuschauer werden zu diesem Flutlicht-Kracher erwartet.
Viel wurde darüber diskutiert, warum die Kickers keinen Typ Stoßstürmer als Ersatz für Sie verpflichtet haben. Wie haben Sie das verfolgt?
Ich habe ja die letzten zwei Monate bei den Kickers nicht mehr von Beginn an gespielt. Ich habe die Blauen nicht als Stammspieler verlassen. Die Diskussionen habe ich verfolgt, ja. Sie erinnern mich ein bisschen an Bayern München. Als es lief haben alle Sadio Mané gefeiert, keiner sprach mehr von Robert Lewandowski. Als der Motor stotterte, hieß es: Warum habt ihr Lewa nicht gehalten? Sie ähnlich sehe ich das bei den Kickers und meiner Personalie.
Sie wollten im Gegentsatz zu Lewandowski aber nicht zwingend weg von den Kickers.
Ich denke, wenn frühzeitig ein Zeichen gekommen wäre, wenn ich das Interesse von Seiten der Kickers gespürt hätte, hätten wir eine Lösung gefunden, vielleicht auch in einer Rolle als Ergänzungsspieler. Das war aber nicht der Fall und so war das Thema für mich schnell abgehakt. Deshalb werde ich trotzdem die Kickers immer im Herzen tragen, nur eben jetzt für den GSV alles geben.
Sehr zur Freude von Gianni Coveli. Was ist er denn für ein Trainertyp?
Er ist ein super Trainer. Bei allem Ehrgeiz, den er hat, bleibt er doch immer recht gelassen. Bei Musti Ünal musste alles perfekt sein, stets hundertprozentige Disziplin vorherrschen. Coveli lässt eher die lange Leine, lässt Freiheiten und setzt auf Eigenverantwortung. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich, liegt aber auch in der unterschiedlichen Struktur der beiden Clubs begründet.
Die Sie sich beide in der Regionalliga vorstellen können?
Für mich wäre das die absolute Wunschvorstellung.