Ob bei Udo Jürgens, Bata Illic oder Herbert Grönemeyer – in vielen Songtexten lassen sich seltsame Zeilen finden. Michael Behrendt hat darüber ein Buch geschrieben.
Der Musikjournalist Michael Behrendt hat für sein Buch „Mein Herz hat Sonnenbrand“ Liedtexte der deutschen Popmusik analysiert und viele unfreiwillig komische Formulierungen gefunden.
Herr Behrendt, Sie haben für Ihr Buch Tausende von Liedern gehört, um die Texte zu analysieren, aber sind solche „Lyrics“ nicht in erster Linie Gebrauchslyrik?
Das stimmt natürlich, aber der Nobelpreis für Bob Dylan zeigt, dass es auch anders geht. Deshalb empfinde ich es nicht als unfair, die Stilblüten aufzuspießen.
Bilden Texte nicht gemeinsam mit der Musik ein Gesamtkunstwerk, das seine Wirkung in der Kombination entfaltet?
Für Partylieder ist das sicher richtig, da spielen sich Text und Musik die Bälle zu, aber wenn zum Beispiel ein Liedermacher eine Botschaft vermitteln will, ist es nicht zu viel verlangt, dass der Text stimmig ist.
Was ist mit der künstlerischen Freiheit? Sie würden Picasso vermutlich auch nicht vorhalten, dass niemand so aussieht wie die Menschen auf seinen Bildern.
Deshalb habe ich surrealistische Texte auch außen vor gelassen, zumal sie oft in sich stimmig sind. Ich habe mich auf Textstellen konzentriert, die unfreiwillig komisch oder unlogisch sind.
Der Titel Ihres Buches, „Mein Herz hat Sonnenbrand“, bezieht sich auf ein gleichnamiges Lied von Bata Illic (1968). Was waren weitere skurrile Fundstücke?
Eins meiner Lieblingsbeispiele ist aus dem Lied „Ich wart’ auf dich“ von Wolf Maahn aus dem Jahr 1986. Ein Mann kommt heim, vermisst seine Geliebte und stellt fest: „Dein Kleid hängt leer am Bügel“. Wie es wohl aussähe, wenn das Kleid voll am Bügel hinge? Mein zweites Beispiel ist aus „Mendocino“ von Michael Holm (1970): Ein Mann verliebt sich unsterblich in eine Anhalterin, er hört schon die Hochzeitsglocken läuten – „Doch dann vergaß ich leider ihren Namen“; völlig unglaubwürdig, in einem Liebeslied ebenso wie im wahren Leben.
Sehr schön ist auch „Du holst den Wind zum Trocknen rein“ aus dem Lied „Fang mich an“ (2014) von Herbert Grönemeyer, dem Meister der hochtrabenden Bedeutungslosigkeit, dem Sie ein eigenes Kapitel gewidmet haben.
Genau, überschrieben mit „Der Unverstehbare“: weil man oft einfach nicht weiß, was er mit seinen Texten sagen will und gern mal verkrampft daneben liegt. In „Ich lieb’ mich durch“ (1986) singt er: „Du denkst dich durch durchs denken“. Was soll das heißen?“
Typisch für Grönemeyers Dichtkunst ist „Schiffsverkehr“ (2011): „Entfalte meine Hand, die Anker los, denn auch jedes Tief dreht sich ins Hoch. Fall’ auf meinen Fuß, die Feuer sind gesetzt und die Nebel leuchten.“ Wenn man das Lied hört, scheint es aber trotzdem Hand und Fuß zu haben. Wie ist das zu erklären?
Die nichtsprachlichen Elemente sind viel stärker als der Inhalt. Klang, Stimme, Rhythmus, Melodie, Harmonie: Das lenkt alles vom Text ab. Grönemeyer hat ja außerdem eine spezielle Art zu singen, sodass man die Wörter ohnehin oft nicht richtig hört.
In älterem Liedgut besingen Männer in den sogenannten besten Jahren oft junge Frauen, die ihre Töchter sein könnten, allen voran Udo Jürgens mit „17 Jahr, blondes Haar“. Finden Sie das aus heutiger Sicht moralisch bedenklich?
Das Lied stammt aus dem Jahr 1965. Den Menschen ist das damals, über fünfzig Jahre vor #Metoo, vermutlich gar nicht aufgefallen. Aus heutiger Sicht haben solche Lieder meiner Ansicht nach allenfalls einen hohen Schmunzelfaktor. Bedenklich finde ich ganz andere Inhalte, zum Beispiel die Texte in vielen Gangsta-Raps.
Diese Lieder sind oft sexistisch und antisemitisch und rufen zur Gewalt auf. Sind solche Texte ein Fall für den Jugendschutz, sollten sie verboten werden?
Das ist ein weit verbreiteter Irrtum: Verbote sind nicht die Aufgabe des Jugendschutzes. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz reagiert nur auf Hinweise etwa von Jugendämtern. Stuft sie nach eingehender Prüfung einen Film, ein Buch oder ein Lied als jugendgefährdend ein, dürfen diese fortan nur noch Erwachsenen zugänglich sein. Verboten sind sie deshalb nicht, im Gegensatz zu Volksverhetzungen, die dürfen auch für Erwachsene nicht zugänglich sein.
Auf die Partykracher von Mickie Krause, etwa „Geh mal Bier holen (du wirst schon wieder hässlich)“ (2014), gehen Sie gar nicht ein. Warum nicht?
Diese Sauflieder habe ich bewusst außen vor gelassen. Die sind mit Absicht schräg und politisch unkorrekt, deshalb ist es müßig, die Texte anzuprangern, denn diesen Effekt wollen sie ja erzielen. Mich stört viel mehr der Sexismus in Liedern, die sich ernst nehmen.
Zum Beispiel?
Wenn die Gruppe Echt in „Hässlich, wenn sie lacht“ aus dem Jahr 1999 unmotiviert über eine Frau herzieht, klingt das ziemlich unsympathisch. Noch unangenehmer wird es, wenn die Scorpions Frauen in ihrem Klassiker „Rock You Like a Hurricane“ (1984) für personifizierte G-Strings halten oder sie in „Freshly Squeezed“ (1999) als kleine Schlampen bezeichnen, denen man schnell noch ein paar Zentimeter verpasst.
2022 gab es einen Skandal um „Layla“ von DJ Robin und seinem Schlagerkollegen Schürze: „Meine Puffmama heißt Layla, sie ist schöner, jünger, geiler“. Das Lied durfte auf einigen Festen nicht gespielt werden. Fanden Sie das richtig?
Nein, zumal es gemessen an den anderswo besungenen Vergewaltigungsfantasien vergleichsweise harmlos ist. In der Bierzeltversion des volkstümlichen „Donaulieds“ heißt es: „Ich machte mich über die Schlafende her, da hört sie das Rauschen der Donau nicht mehr.“ „Layla“ handelt von einem Bordellbesuch, zwischen den Zeilen geht es also um unbequeme Wahrheiten. Man schmettert im Suff übelste Komasex-Hymnen, aber beim Thema Prostitution ist Schluss? Das hat was von Doppelmoral.
Zündstoff
Autor
Michael Behrend (Jahrgang 1959) ist freiberuflicher Lektor, Musikjournalist und Sachbuchautor mit besonderem Blick auf Pop- und Rock-Lyrics. Er war Frankfurter Redaktionsleiter der bundesweiten Lifestyle-Illustrierten „Prinz“ und Chefredakteur des Stadtmagazins „Journal Frankfurt“. Zu seinen Büchern gehört unter anderem „I Don’t Like Mondays. Die 66 größten Songmissverständnisse“ (2017) und „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ (2019). Behrendt schreibt regelmäßig über Pop und Rock auf dem Frankfurter Kulturportal https://faustkultur.de.
Buch
Für sein Buch „Mein Herz hat Sonnenbrand“ hat er Songtexte aus 60 Jahren deutscher Popmusik unter die Lupe genommen. Schlager, Liedermacher, Neue Deutsche Welle, Max Giesinger & Co: Kein Bereich kommt ungeschoren davon. Das Buch (234 Seiten, 20 Euro) ist im Reclam-Verlag, Ditzingen, erschienen.