In Calw herrscht Aufruhr beim Informationsabend zum Medizinkonzept 2030 für die Krankenhäuser im Kreis. In Nagold herrscht dagegen Ruhe: Kein Protest, keine lauten Zwischenrufe – nur aufmerksames Zuhören. Das verwundert nicht: Schließlich gilt das Nagolder Krankenhaus als Gewinner der Reform.
Während in Calw die Plätze ausgehen, rund 1000 Gäste die Stammheimer Gemeindehalle füllen, um die Ausführungen zum Medizinkonzept 2030 des Klinikverbunds Südwest (KVSW) zu hören, versammeln sich in Nagold gerade einmal etwas mehr als 200 Leute in der Stadthalle. Während in der Stammheimer Gemeindehalle am Freitag Buh-Rufe, Beifälle oder andere Zwischenrufe ertönen, herrscht in Nagold Stille.
Der Moderator des Abends, Markus Bock, fasst es direkt zu Beginn zusammen: „Etwas traurig, aber wie erwartet, ist die Halle nicht so voll wie in Calw.“ Es gäbe ja auch „kaum Gründe in Nagold zum Protestieren“.
Wie auch in Calw informieren die Landräte Helmut Riegger (Calw) und Roland Bernhard (Böblingen), Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann und KVSW-Geschäftsführer Alexander Schmidtke die Bürger über die Umstrukturierung in den Krankenhäusern des KVSW. Lediglich Gutachter Jens Peukert vom Büro Lohfert und Lohfert – seinen Part übernimmt Schmidtke – sowie die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Kreis Calw sind nicht bei der Nagolder Veranstaltung präsent.
Appelle der Verantwortlichen Landrat Riegger stellt direkt zu Beginn klar: Alle Verantwortlichen seien vor Ort und „wollen eine zukunftsfähige medizinische Versorgung“ sicherstellen. Das sei der Ansporn weswegen nun auch schnell Veränderungen kommen müssten. Auch Nagolds OB stimmt dem zu: „Die Verunsicherung ist groß!“ Nicht nur die der Bürger, vor allem auch die der Mitarbeiter des KVSW. Großmann erhoffe sich ebenfalls schnelle Entscheidungen: Ein langer Prozess mache das Ganze nicht einfacher.
Er appelliert an die Bürger verbundweit zu denken, nicht nur die eigenen Krankenhäuser anzuschauen. Es brauche Verbesserungen, die vor allem medizinisch sinnvoll seien. „Also mich hat’s überzeugt“, betont Großmann mit Blick auf die Bildung einer Schwerpunktversorgung in Nagold. „Die Neuro muss nach Nagold. Und eigentlich auch die Gynäkologie und die Geburtshilfe.“
Immerhin versorge der KVSW rund 550 000 Menschen in den beiden Landkreisen. Während des Abend stellen die Redner immer wieder klar: Dafür könne nicht alles in allen Krankenhäusern angeboten werden. Eine Konzentration der Abteilungen sei vonnöten, die das Medizinkonzept nun eben anvisiere.
Weiterhin „zwei sehr gute Krankenhäuser“
Auch Calws Landrat betont, dass das Ziel eine sichere, gesamtheitliche Versorgung des gesamten Kreises sei. Dementsprechend nehme der Landkreis auch rund 220 Millionen Euro für die beiden Krankenhäuser in die Hand. Keine leichte Investition, da der KVSW ein Defizit von 70 Millionen Euro im Jahr prognostiziert. Doch eine Investition, die feststeht: Denn sowohl in Nagold als auch Calw wird bereits an den Krankenhäusern beziehungsweise einem Gesundheitscampus gebaut. Der Landrat verdeutlicht: „Auch in Zukunft wird es zwei sehr gute Krankenhäuser geben.“ Die Abteilungen befänden sich gegebenenfalls eben woanders.
Klar formuliert es auch Böblingens Landrat Bernhard: „Wir können diese Defizite nicht mehr tragen.“ Es brauche ein mutiges, verbundweites Medizinkonzept, dass über Kreisgrenzen hinaus arbeite. Zwar seien einige Vorschläge aus dem Gutachten auch für ihn schwierig gewesen – „bei der Änderung der Geburtshilfe musste auch ich dreimal schlucken“ – aber man müsse auf die Fakten und nicht nur den Standort achten. Und um die medizinische Versorgung so gut aufrechtzuerhalten brauche es eine Konzentration der Abteilungen. „Ich hoffe, dass wir am Ende einen guten Weg einschlagen. Wir können nicht jeden mitnehmen“, unterstreicht Bernhard. „Aber es wird nicht alles schlecht, weil sich der Standort ändert.“
Aber nicht nur Defizit mache die Umstrukturierung notwendig: Auch Fachkräftemangel, Qualitätsvorgaben und Mindestmengen, Ambulantisierung, Krankenhausreform sowie Unterfinanzierung und Kostendruck seien große Faktoren. Eine Spezialisierung in den Krankenhäusern sei unvermeidbar, betont KVSW-Geschäftsführer Schmidtke. Allerdings sei auch dann noch längst „nichts in Stein gemeißelt“.
Fragen der Bürger und Stellungnahmen Auch hier halten sich die Nagolder Besucher zurück. Keine ausfallenden Rufe, Fragen oder Sonstiges. Zuerst bittet ein Gast aus dem Enztal, die Kardiologie aufgrund des doppelten Fahrtwegs in Calw zu belassen. 60 niedergelassene Ärzte haben seinen Appell in einem öffentlichen Brief unterschrieben. Mittelfristig sei die Kardiologie ja noch in Calw, antwortet Schmidtke. Zum 1. Januar 2024 werde nicht direkt alles umgesetzt. Man beobachte die Entwicklung weiterhin. Allerdings habe sich in Gesprächen mit den Notfallärzten klar herausgestellt, dass die meisten Enztäler sowieso nach Karlsruhe oder Pforzheim gingen.
Mitarbeiter brauchen Sicherheit
Wann es denn Zeit für den Umzug der Gynäkologie und Geburtshilfe sei, will ein anderer wissen. Wenn die Entscheidungen stehen, dann plane man den Umzug Ende 2024, sagt Schmidtke. Ob es aber in Nagold überhaupt genug Platz gibt? Eine Erweiterung ist nicht vorgesehen, antwortet Andreas Knörle, Dezernent für Infrastruktur im Landratsamt Calw. Der Bestand sei gut und werde entsprechend umgebaut, saniert und entwickelt.
Den ersten spontanen Beifall des Abends erhält ein Wildberger, der klarstellt, dass es auch Menschen gibt, die nicht in Nagold oder Calw wohnen: „Mir ist egal, wo ich eine gute medizinische Versorgung bekomme. Es ist doch wichtig, dass ich zeitnah zu dieser komme.“
Den zweiten Applaus bekommt Chefarzt Stefan Benz. Er unterstreicht, dass es vor allem für die Mitarbeiter wichtig ist, etwas zu ändern: „Es ist hart.“ Aber genauso hart sei der Personalabbau, der momentan erfolgt und jeden zu mehr Arbeit zwinge. Sie würden sich Prozesse wünschen, die die Situation verbessern. „Da können wir uns nicht auch noch was Nettes nebenbei wünschen. Die Zeit für Befindlichkeiten ist vorbei.“
Das ist im Kreis Calw geplant
Nagolder Krankenhaus
Das Nagolder Krankenhaus wird zum umfassenden Schwerpunktversorger mit 292 Betten. Mit der Inneren Medizin mit Schwerpunkten Gastroenterologie und Kardiologie inklusive Interventionen; dem Ausbau des onkologischen Schwerpunkts; der Erweiterung um Neurologie inklusive Stroke Unit (aus Calw), der Chirurgie mit Schwerpunkten Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie; der Erweiterung um Gynäkologie und Geburtshilfe (aus Calw und Herrenberg); dem Erhalt und Stärkung der Urologie in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Gynäkologie; der erweiterten Notfallversorgung (24/7). Dazu kommt eine sektorenübergreifende Versorgung im Campusmodell mit Dialyse und Kurzzeitpflege.
Calws Gesundheitscampus
Das Krankenhaus in Calw wird zum Grund- und Regelversorger mit 166 Betten. Mit der allgemeinen, inneren Medizin; der Orthopädie und Unfallchirurgie; dem geriatrischen Schwerpunkt inklusive umfassender Altersmedizin; der Anästhesie und Intensivmedizin. Dazu kommt eine sektorenübergreifende Versorgung im Campusmodell mit dem Zentrum für Psychiatrie sowie dem Haus der Gesundheit und dem Haus der Fürsorge (Facharztpraxen und Kurzzeit- / Übergangspflege).