Sie sind besorgt um die medizinische Versorgung – und das nicht nur in Lauterbach (von links): Apotheker Emile Epagna sowie Johannes Geprägs, Patricia Schapschröer und Stefan Schapschröer von der Arztpraxis im Unterdorf. Foto: Dold

Cholesterinsenker, Impfstoffe, Antibiotika oder Herz-Kreislauf- und Diabetes-Medikamente: Allesamt sind derzeit Mangelware oder schlicht nicht mehr verfügbar. Apotheker und Ärzte schlagen Alarm.

Ein Mann hatte kürzlich eine schwere Darmentzündung und war dringend auf ein Medikament angewiesen. In der Kur-Apotheke Lauterbach musste ihm Betreiber Emile Epagna mitteilen: „Nicht vorhanden“. Dem Patienten ging es bei vielen weiteren Apotheken genau gleich. Erst in Sulz fand er eine Apotheke, die das Medikament noch vorrätig hatte.

 

So laufe das derzeit sehr oft. „Sogar für Nasenspray haben wir derzeit Lieferzeiten von drei bis vier Wochen“, klagt Epagna. Beim Nasenspray ist der Mangel noch zu verschmerzen. Bei anderen Medikamenten, die beispielsweise bei Herzinfarkten benötigt werden, ist die Situation hingegen deutlich dramatischer. „Wir haben weite Wege zu den Kliniken. Da kommt es auf die ersten Minuten an“, sagt Stefan Schapschröer.

Staatliche Preisfestsetzung

Die Wurzel des Übels: „Das sind die Rabattverträge“, sagt Emile Epagna. Dahinter verbirgt sich eine staatliche Preisfestsetzung, wie viel die Pharmahersteller für ihre Medikamente von den Krankenkassen erhalten. Das Problem an der Sache: Diese Preise sind sehr niedrig angesetzt. „Daher verkaufen die Pharmakonzerne ihre Medikamente natürlich lieber in andere Länder, wo sie dafür besser bezahlt werden. Das würde jeder so machen“, erklärt der Apotheker. Die Situation verursache viel Stress mit den Kunden. Als Apotheker müsse man sich oft rechtfertigen für Probleme, die anderswo verursacht worden seien.

„Wir kommunizieren viel mit Herrn Epagna“, sagt Patricia Schapschröer. Er müsse dann schauen, welches Medikament gerade verfügbar sei und wieder Rückmeldung geben. „Ein wahnsinniger Mehraufwand“, sind sich alle einig. Leiden würden die Patienten.

Oft muss dann auf ein anderes Medikament ausgewichen werden, das gerade zu haben ist – was aber für den Patienten mitunter riskant sein könnte, da beispielsweise der Wirkstoff zu stark sei. Zudem muss dann häufig die Therapie umgestellt werden, was wiederum Risiken birgt.

Ärger um Karl Lauterbach

Es sind Zustände, die noch vor Jahren undenkbar gewesen wären. Ein Patient der Praxis leidet an einem zu schnellen Herzschlag. Früher hätte er ein Medikament erhalten, das das Problem behoben hätte. Nun ist dieses aber nicht zu bekommen. Daher muss der Herzschlag alle zwei Wochen in der Praxis gemessen werden.

Besonders ärgern ihn und die Ärzte Aussagen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach: Dieser unterstellte den Apothekern, dass sie lediglich um höhere Honorare von den Kassen kämpften. Lauterbach behauptete, es gebe keine Krise bei der Medikamentenversorgung. Patricia und Stefan Schapschröer sowie Emile Epagna können angesichts solcher Aussagen nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Honorare bleiben gleich, Kosten steigen

Epagna verweist auf steigende Kosten durch höhere Löhne und gestiegene Energiekosten. Die Honorare der Kassen seien hingegen seit zehn Jahren dieselben, so dass der Verdienst der Apotheker immer mehr zurückgehe. Zudem muss er ebenso um Mitarbeiter kämpfen wie Arztpraxen. Die Berufe würden so unattraktiv gemacht, dass letztlich Arztpraxen und Apotheker schließen müssten, befürchten sie.

„Die ganze Misere wird auf dem Rücken der Patienten ausgetragen – und das darf nicht sein“, ärgert sich Stefan Schapschröer.

Staat als Hemmschuh

Verantwortlich für die Misere
 sind der Staat und dessen Bürokratie, sind sich Ärzte und Apotheker einig. So müsse beispielsweise die Online-Apotheke Doc Morris in den Niederlanden sieben Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, in Deutschland würden hingegen 19 Prozent fällig, sagt Epagna.

Bei den Gehältern
 gehen nahezu 50 Prozent nicht in die eigene Tasche. „Das geht einfach nicht“, sagt Stefan Schapschröer. Er spricht sich auch dafür aus, Unternehmen geringer zu besteuern. Dann könnten sie auch wieder mehr in Deutschland investieren und anbieten – zum Beispiel die benötigten Medikamente.

Von Bürokratieabbau
ist nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. „Wir könnten 40 Prozent mehr Patienten betreuen, wenn wir nicht jeden Tag dreieinhalb Stunden mit Bürokratie beschäftigt wären“, klagt das Ärztepaar.