Seit der Coronakrise verbringen Kinder und Jugendliche viel mehr Zeit am Handy oder mit Computerspielen. Für immer mehr wird die Mediennutzung zur Sucht. Was sind die Anzeichen – und was können Angehörige tun?
Stuttgart - Es fing damit an, dass die Zimmertüre ständig zublieb. Bis in die Nacht saß der Elfjährige vor dem Computer, um „Fortnite“ zu zocken. Er ging nicht mehr zum Fußball, ließ die Schule schleifen. Irgendwann, sagt Denis Markovic, der Vater, habe es ihn schier wahnsinnig gemacht.
Doch auf Gespräche reagierte der Sohn kaum, fand die Sorge seiner Eltern übertrieben. Schließlich würden auch andere in seinem Alter stundenlang vor dem Computer sitzen. Also machte sich Denis Markovic auf die Suche, wandte sich an den Kinderarzt und ans Jugendamt, doch weiterhelfen konnte man ihm dort nicht. „Kaum jemand kennt sich mit dem Thema aus, es gibt wenig Hilfsangebote“, sagt der Mann aus Reutlingen, der in Wirklichkeit anders heißt. „Dabei ist das Problem aus meiner Sicht extrem verbreitet, viele Jungen im Umfeld meines Sohnes spielen exzessiv Computerspiele.“
Nutzungszeit für Computerspiele und soziale Medien gestiegen
In der Coronapandemie ist die Nutzungszeit für Computerspiele und soziale Medien bei Jugendlichen stark gestiegen, warnt das Landessozialministerium. Studien bestätigen das. Verbringen die jungen Menschen mehr Zeit am Smartphone oder vor dem Computer, steigt Forschenden zufolge auch das Risiko für problematische Nutzungsmuster. Laut einer gemeinsamen Längsschnittuntersuchung der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) nutzen aktuell 4,1 Prozent der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland Computerspiele krankhaft, vor der Pandemie waren es demnach im Schnitt 2,7 Prozent.
Der Anteil derjenigen, die soziale Medien nach einem krankhaften Muster nutzen, stieg laut der Studie von 3,2 Prozent der Jugendlichen im Jahr 2019 auf 4,6 Prozent in 2021. Acht bis zehn Prozent der jungen Menschen zeigen zudem ein riskantes Nutzungsverhalten, Jungen sind insgesamt häufiger betroffen als Mädchen. Die Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen, so das Fazit, ist in der Coronapandemie stark gestiegen.
Mehr Anfragen in der Klinik
Auch Isabel Brandhorst hat solche Veränderungen bemerkt. Sie leitet an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Tübingen die Forschungsgruppe Internetbezogene Störungen und Computerspielsucht. „Viele Eltern berichten, dass die Coronapandemie ihrem Kind noch mal den Rest gegeben hat, was die Zeit am Bildschirm angeht“, sagt die Psychologin. Sie geht davon aus, dass in den vergangenen Monaten nicht nur die Nutzungszeiten gestiegen sind, sondern auch die Suchtzahlen. „In unserer Klinik sind die Anfragen gestiegen“, sagt Brandhorst und betont zugleich, dass man auch abwarten müsse, wer von den Kindern und Jugendlichen auch nach der Pandemie weiter hinter dem Bildschirm festklebe.
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In der Regel führen mehrere Faktoren zu einer Computerspiel- oder Internetsucht. „Das können zum Beispiel Einsamkeit oder eine hohe Stressanfälligkeit sein, Ängste oder ADHS, also eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, so Brandhorst.
Eine Sucht kann diagnostiziert werden, wenn bestimmte Symptome über mehr als zwölf Monate hinweg andauern: Das Verhalten kann nicht mehr kontrolliert werden, die Mediennutzung wird bedeutsamer als andere Interessen und Aktivitäten, und trotz negativer Konsequenzen – beispielsweise schlechter Schulnoten – wird weitergemacht. Zwar sind Jugendliche sowieso in einer vulnerablen Phase, in der sie dazu tendieren, bestimmte Dinge exzessiv zu tun, sagt Brandhorst. „Manchmal bleibt es wirklich nur eine Phase, doch oft ist das Risiko groß, dass die Sucht bestehen bleibt.“
Beratungs- und Kompetenzzentren im Land können weiterhelfen
Was aber hilft, wenn die Mediennutzung außer Kontrolle geraten ist? Die Tübinger Psychologin rät Eltern, es zunächst mit einem Gespräch zu versuchen, für das man sich mit dem Kind verabredet. Insgesamt könnten Eltern durch die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung, ihre Vorbildfunktion, ihre Kommunikation und ihre Selbstfürsorge durchaus Einfluss nehmen.
Kommt man alleine nicht weiter, helfen Trainingsangebote und Beratungsstellen, die es in vielen Städten in Baden-Württemberg gibt. „Es geht dann darum, dass Eltern und Kind im Gespräch Schritte aufeinander zugehen“, sagt Brandhorst. Eltern könnten anerkennen, dass ihr Kind durch ein Spiel oder in sozialen Netzwerken bestimmte Kompetenzen erlernt. Und das Kind könne erkennen, dass die Eltern helfen können, wenn es schwerfällt, den Computer oder das Handy auszuschalten.
Geld für die digitale Suchthilfe
Das baden-württembergische Sozialministerium setzt vor allem darauf, Betroffene übers Netz zu erreichen. Junge Menschen mit Internet- oder Computerspielsucht gelten als schwer erreichbar, oft scheuen sie sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Deshalb investiert das Land rund zwei Millionen Euro in die Digitalisierung im Bereich Suchthilfe und Suchtprävention. Das Geld fließe an insgesamt zwölf Projekte in Baden-Württemberg, heißt es vom Sozialministerium.
Gefördert wird unter anderem der Aufbau eines Online-Trainings für Kinder und Jugendliche mit Computerspiel- und Internetsucht. Unterstützt wird aber auch eine Plattform, um die kommunalen Suchtbeauftragten im Land besser digital zu vernetzen, sowie eine Landeskoordinierungsstelle zur Digitalisierung der ambulanten Suchthilfe in Baden-Württemberg. „Wir müssen die von einer Sucht betroffenen Menschen dort erreichen, wo sie sich aufhalten“, hatte Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) bei der Bekanntgabe gesagt.
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Bei Denis Markovic war es eine Elterngruppe der Forschungsgruppe von Isabel Brandhorst, die geholfen hat. „Sich mal auszusprechen, Ballast loszuwerden und das eigene Problem einzuordnen war sehr hilfreich“, sagt Markovic – auch wenn sein Sohn nach wie vor viel Zeit mit Computerspielen verbringt. „Das Problem ist also nicht weg, aber ich gehe anders damit um.“
Heute geht er ruhiger an die Sache heran, steigert sich selbst nicht mehr so hinein, sagt der Vater – das mache es einfacher, mit dem Sohn über alles zu sprechen. „In den letzten Monaten hat sich die Situation zumindest verbessert. Vielleicht ist es ja wirklich nur eine Phase.“
Rat für Betroffene und Angehörige
Trainingsprogramme
An der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen gibt es ein Beratungs- und Behandlungsangebot für Internetbezogene Störungen und Computerspielsucht – auch für Angehörige. Neben einem terminierten Gespräch und den Beratungsstellen gibt es auch die Möglichkeit, an Trainingsprogrammen teilzunehmen, etwa dem „ISES! Onlinetraining“ oder dem „ISES! Gruppentraining“. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.elterntraining-internetsucht.de, Angehörige, die an einem Gruppentraining teilnehmen wollen, können sich an internetsucht-kjp@med.uni-tuebingen.de wenden.
Kompetenzzentren
Auf der Seite des Baden-Württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation (bwlv) gibt es eine Übersicht über die sogenannten Kompetenzzentren für Mediensucht, die mit betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten: www.bw-lv.de/beratungsstellen/mediensucht. Einen Überblick über Suchtberatungsstellen im Land gibt es bei der Landesstelle für Suchtfragen unter www.lss-bw.de.
Online-Angebot
Die Krankenkasse DAK-Gesundheit bietet gemeinsam mit der Computersuchthilfe Hamburg eine Online-Anlaufstelle Mediensucht an. Diese richtet sich an Kinder und Jugendliche, die ein problematisches Online-Nutzungsverhalten haben, sowie deren Eltern. Das Angebot ist kostenlos und für Versicherte aller Krankenkassen offen: www.computersuchthilfe.info.