Sebastian Kienle hat das Karriere-Ende im Auge. Foto: imago//Walter Luger

Mit Sebastian Kienle verliert der Triathlon zum angekündigten Karriereende 2023 eine seiner markantesten und charakterstärksten Figuren.

Frankfurt - Der Entschluss war gut überlegt: Mit dem in Mühlacker geborenen Sebastian Kienle hat einer der prägendsten und erfolgreichsten deutschen Triathleten angekündigt, seine Karriere beenden zu wollen. Nicht sofort, aber Ende 2023 soll es heißen: „That’s it. That’s the end!“ Das sagte der 37-jährige vom Tri-Team Heuchelberg am späten Montagabend auf seinen sozialen Kanälen mit seinem Markenzeichen, der leicht schräg auf den Kopf gestülpten Kappe. Immer mal wieder sei ihm der Gedanke ans Aufhören durch den Kopf gegangen, „aber es kommen dann auch andere Stimmen, die sagen: ‚Du hast ein super Leben!‘“ In den vergangenen zwei Jahren erwuchs der Wunsch, für sich selbst ein definiertes Ende zu setzen. „Den Druck, den ich mir selber gemacht habe, möchte ich nicht mehr. Ich habe gemerkt, dass ich eine Art Ziellinie brauche.“

 

Er sei über 20 Jahre als Profi unterwegs gewesen, ergänzte Kienle im Podcast „Pushing Limits“. „Ich hatte längere Phasen, wo ich wirklich keinen Bock mehr hatte.“ Er habe eben nicht so abtreten wollen wie Faris Al-Sultan – der bei einem Rennausstieg spontan seinen Rücktritt erklärte. „Für mich ist der Sport eine ganz klare Einbahnstraße: Ich will immer besser werden“, erklärte Kienle. „Wenn ich merke, dass das nicht mehr geht, dann ist es Zeit abzutreten. Das ist natürlich verdammt hart, das anzuerkennen.“

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Dass sich die Verletzungsprobleme häuften – vor allem die linke Achillessehne („meine Stimme links unten“) – und er im Sommer erstmals Vater wurde, spielt mit hinein. Einschneidend war das Traditionsrennen in Roth Anfang September, als der Hawaii-Sieger von 2014 das dritte Mal in seiner Karriere vorzeitig aufgab. Wieder schmerzte die Ferse zu sehr. Trotzdem bleibt noch ein ehrgeiziges Ziel: „Ich will noch einen WM-Titel holen.“ Dass der Ironman Hawaii im nächsten Jahr zweimal stattfinden soll – im Februar und Oktober 2022 – gibt dem Ausdauerenthusiasten aus dem baden-württembergischen Mühlacker sogar zwei Optionen. Für 2023 plane er dann eine Art Abschiedstour mit Rennen, die „ich noch nie machen konnte“, und an Orten, „die ich schon immer sehen wollte“.

Seinen aktiven Lebensstil will der Physikstudent, Gin-Sammler und Lebenskünstler beibehalten, Schwimmwettkämpfe oder Gravel-Rennen ständen danach auf der To-do-Liste, aber eben kein Triathlon mehr. In Zukunft wolle er ein Nachwuchsprogramm auflegen („Kids für den Sport begeistern“) und sich auch für Themen wie Nachhaltigkeit einsetzen. Die rasanten Veränderungen durch den Klimawandel würden ihn erschrecken; in Südafrika habe er zuletzt erlebt, wie wegen des Wassermangels die Wasserhähne abgeschraubt worden seien. Es ist ein Thema, das ihm sichtlich am Herzen liegt – und auch ein schlechtes Gewissen macht, „wenn ich mit einem Flug nach Hawaii elf Tonnen CO2 emittiere – mehr als der Bundesbürger im Durchschnitt in einem Jahr“.

Kienle hat sich als reflektierter Sportler einen Namen gemacht. Seine Schlagfertigkeit ist bemerkenswert, seine Haltung beispielhaft. Als der Ironman 2012 vor allem aus Profitgründen dem dopenden Radstar Lance Armstrong den roten Teppich ausrollte, um mit dem US-Amerikaner die Aufmerksamkeit zu steigern, war der Charakterkopf einer der wenigen, der sich gegen diese PR-Aktion stellte. „Der Triathlon hat Lance Armstrong nicht nötig. Der Weltverband vollzieht damit eine 180-Grad-Kehrtwende, wenn erst massiv mit einem Antidopingprogramm geworben, dann jemand eingeladen wird, dessen Indizien eindeutig sind“, kritisierte Kienle. Kurz danach brach Armstrongs Lügenkonstrukt in sich zusammen.

Mit Kienles Abgang kündigt sich unter den deutschen Langdistanz-Triathleten ein Generationenwechsel an: Fast schon unbemerkt hört ja demnächst auch Andreas Raelert auf. Der 45-jährige Rostocker, der mehrfach nur hauchdünn am Hawaii-Triumph vorbeischrammte, gehörte die letzten Jahre schon nicht mehr zur Weltspitze. Anders als der dreifache Hawaii-Champion Jan Frodeno, 40, der zuletzt einigen Frust über Wettkämpfe schob, die wegen Corona oder Wetterkapriolen ausfielen. Beim in Girona lebenden Strahlemann wird erwartet, dass er noch einmal alle Kräfte für seinen vierten Hawaii-Sieg bündelt – und dann in Kona seine Karriere vielleicht beendet. Von den seit 2014 im Ironman-Mekka dominierenden Deutschen wäre dann nur noch der in Salzburg lebende Patrick Lange aktiv, der vor zwei Monaten auch bei der Challenge-Konkurrenz in Roth triumphierte. Kienle ist sich ziemlich sicher, dass die deutsche Dominanz bald bröckelt, sieht darin aber eher eine Chance: „Es ist ganz cool, dass ganz neue Länder auf der Landkarte erscheinen. Das wird unseren Sport attraktiv halten und wachsen lassen.“