Auf eine Behandlung muss man bei manchen Ärzten im Kreis Calw teils lange warten. Foto: © fovito - stock.adobe.com

Allerorten fehlt es an Medizinern. Doch woran liegt das? Wie schlimm ist es im Landkreis Calw? Und was lässt sich dagegen tun? Wir haben bei der kassenärztlichen Vereinigung nachgehakt.

Wer in jüngster Zeit versucht hat, einen Hausarzt oder einen Kinderarzt zu finden, der weiß: Er braucht starke Nerven. Viele Arztpraxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf, weil sie bereits mehr als genug haben.

 

Andere beschränken sich auf neue Patienten aus dem eigenen Ort, um wenigstens dort die medizinische Versorgung sicherzustellen, aber gleichzeitig trotzdem noch einigermaßen mit der Arbeit hinterherzukommen. Allerorten herrscht Ärztemangel: Wie schlimm ist die Situation im Kreis Calw? Dieser Frage gehen wir nach.

Die Zahlen Nach Angaben der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) gibt es im Kreis Calw 237 niedergelassene Haus- und Fachärzte (Stand 1. Juli 2023).

Im Landkreis praktizieren 99 Hausärzte. Besonders viele, nämlich 20, gibt es in Nagold. In der Hesse-Stadt sind es 18, auf Platz drei folgt Schömberg mit zehn. Das ist insofern bemerkenswert, weil die hausärztliche Versorgung in sogenannten Mittelbereichen geplant wird.

Nagold am besten versorgt

Im Landkreis Calw existieren die Mittelbereiche Calw mit insgesamt 42 Hausärzten, Nagold mit 37 und Bad Wildbad mit 20. Während der Mittelbereich um die Hesse-Stadt neun Kommunen von Althengstett bis Simmozheim umfasst und Nagold sieben, besteht der Bereich Bad Wildbad aus drei: aus Bad Herrenalb mit vier Hausärzten, Bad Wildbad mit sechs und Schömberg sogar mit zehn.

Als nächste größere Gruppe sind im Landkreis Calw die Psychotherapeuten mit 35 vertreten. Mit elf ist auch hier Nagold am besten versorgt, auf Platz zwei folgt Calw mit neun.

Darüber hinaus gibt es im Landkreis 17 Frauenärzte, dazu kommen 15 Chirurgen und Orthopäden, 14 Internisten, zwölf Kinder- und Jugendärzte sowie zehn Augenärzte und 35 weitere Fachärzte.

Der Mangel Die Lage stellt sich wie folgt dar: In der hausärztlichen Versorgung gibt es im Mittelbereich Bad Wildbad 2,5 freie Sitze, im Mittelbereich Calw sogar 9,0 und im Bereich Nagold 5,5 (Stand: Landesausschuss 21. Juni 2023). In der allgemeinen fachärztlichen Versorgung gibt es nur eine Lücke: bei den Kinderärzten. Dort sind laut KV 2,5 Stellen frei.

Es fehlen Nachwuchs – und Geld

Dass im Landkreis Calw der Mangel an Haus- und Kinderärzten am größten ist, passt ins Bild. „Das gilt für ganz Baden-Württemberg und betrifft sowohl den ländlichen Raum wie auch städtische Gebiete“, erklärt Gabriele Kiunke, Pressereferentin bei der kassenärztlichen Vereinigung in Stuttgart.

Warum diese Lücken nicht einfach gestopft werden? Zwei Stichworte spielen dabei eine Rolle: der fehlende Nachwuchs, aber auch das Geld.

Über die gesetzlich vorgeschriebene Bedarfsplanung wird festgelegt, wie viele Ärzte einer bestimmten Fachrichtung sowie Psychotherapeuten sich in einem bestimmten Gebiet niederlassen dürfen, erklärt die KV.

„Die Zahl der Arztsitze errechnet sich aus einer Verhältniszahl. Damit ist ein Arzt-Einwohner-Verhältnis gemeint, das erreicht werden sollte“, präzisiert Gabriele Kiunke.

Und sie wird noch deutlicher: Die Frage, wie viele Ärzte pro Einwohner sinnvoll wären, sei nicht Grundlage für die Bedarfsplanung. „Die Bedarfsplanung und damit auch die Berechnungszahlen können nicht den Anspruch erheben, den Bedarf der Bevölkerung widerzuspiegeln.“

Es geht nicht um den Bedarf

Die Bedarfsplanung sei Anfang der 1990er-Jahre von der damaligen Bundesregierung eingeführt worden, „um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen zu begrenzen“. Kiunke: „Etwas überspitzt ausgedrückt, orientieren sich die Verhältniszahlen und damit die Zahl der möglichen Ärzte und Psychotherapeuten an den zur Verfügung stehenden Mitteln und nicht am Bedarf der Bevölkerung.“

Die Gründe Aus Sicht der kassenärztlichen Vereinigung hat der Mangel an Ärzten mehrere Ursachen. So sei die Zahl der Mediziner, die aus Altersgründe aufhören, „deutlicher größer“ als die der Ärzte, die nachrücken.

Dazu komme, dass der Nachwuchs lieber angestellt oder in Teilzeit arbeiten wolle. „Eine Niederlassung mit eigener Praxis ist immer weniger attraktiv.“ Das erfordere Praxisstrukturen, die es eher in Städten und Ballungsräumen gebe – was vor allem auf dem Land zu einem großen Hausarztmangel führt.

Die Möglichkeiten „Aus unserer Sicht müsste die Zahl der Medizinstudienplätze dringend erhöht werden“, erklärt die Pressereferentin. „Allerdings ist damit kurzfristig der Ärztemangel nicht behoben, denn die Ausbildung bis zum Facharzt dauert rund zehn Jahre.“

Dass das Land Baden-Württemberg zusätzliche Studienplätze für junge Menschen geschaffen hat, die sich verpflichten, nach dem Studium als Landarzt zu arbeiten, sei zu begrüßen.

Förderung von bis zu 120 000 Euro

Seit 2019 gebe es darüber hinaus den Kommunalservice der KVBW. „Dieser berät und unterstützt Kommunen dabei, eine Niederlassung in einem bestimmten Ort attraktiv zu machen, etwa durch attraktive Wohnmöglichkeiten oder die Bereitstellung von Praxisräumen.“

Unter anderem besteht zudem das KVBW-Förderprogramm „Ziel und Zukunft“ (ZuZ). Ärzte, die in Baden-Württemberg eine Praxis gründen oder übernehmen, können dabei eine Förderung von bis zu 120 000 Euro beantragen.

Die Patientenzahl Laut der Pressereferentin gibt es keine von der KV vorgegebene Quote, wie viele Patienten ein Arzt aufnehmen muss. „Mit einer Kassenzulassung sind niedergelassene Ärzte und Ärztinnen jedoch verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an Stunden als Sprechstunden für gesetzlich Versicherte anzubieten.“ Vorgeschrieben seien 25 Sprechstunden pro Woche für gesetzlich Versicherte.

Bei Notfall verpflichtet

„Ein Arzt darf aus zwei Gründen die Aufnahme eines Patienten ablehnen. Einmal, wenn der Terminkalender voll ist. Zum anderen, wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis gestört ist“, sagt Gabriele Kiunke. „Bei einem Notfall ist ein Arzt jedoch immer zur Behandlung verpflichtet.“