Vor 100 Jahren wird der Faschistenführer italienischer Regierungschef, aber der legendäre „Marsch auf Rom“ hat so nie stattgefunden.
Der Siegeszug Benito Mussolinis beginnt mit einem Taschenspielertrick. Monatelang hat der Führer der italienischen Faschisten gedroht, mit seinen „Schwarzhemden“ auf Rom zu marschieren. Doch der angekündigte Putsch ist ein Bluff. Schon die Ankündigung von Gewalt lässt seine Gegner einknicken. Als Mussolinis Schlägertrupps in der ewigen Stadt einziehen, ist die Machtfrage längst geklärt.
Die Bilder, die den „Duce“ an der Seite seiner Anhänger auf dem Weg nach Rom zeigen, entstehen erst nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten. Zu der reist Mussolini im Liegewagen an. Dem König erklärt er: „Majestät, ich komme vom Schlachtfeld.“ Erst die Propaganda macht aus dem Marsch eine Heldentat, seine Folgen sind freilich gravierend.
Unglücklicher Sieger des Ersten Weltkriegs
Rückblick: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs findet sich Italien unverhofft auf der Seite der Sieger wieder. Dennoch wähnen sich viele Italiener als Verlierer, weil nicht alle territorialen Forderungen Roms erfüllt worden sind. Das Schlagwort des „vittoria mutilata“, des „verstümmelten Siegs“, macht die Runde. Eine Regierung folgt auf die nächste, Stabilität bringt keine. Die Angst vor „russischen Verhältnissen“ geht um – und spielt den Faschisten in die Hände.
Auf einem Parteitag der 1921 gegründeten „Partito Nazionale Fascista“ erklärt Mussolini am 26. Oktober 1922 in Neapel: „Entweder sie übertragen uns die Regierung, oder wir holen sie uns.“ Als sein größter Trumpf erweist sich nicht die eigene Stärke, sondern die Angst seiner Gegner.
Fluchtoption für Mussolini
Nach und nach besetzen seine Schwarzhemden strategisch wichtige Punkte in zahlreichen mittel- und norditalienischen Städten. Mit dem „Marsch auf Rom“ soll schließlich die Hauptstadt unter Kontrolle gebracht werden. Ein paar Tausend Mann machen sich auf den Weg. Ihr Oberbefehlshaber eilt derweil nach Mailand – 600 Kilometer von Rom entfernt.
„Auch heutzutage sind 600 Kilometer zwischen dem Oberkommandierenden und dem kämpfenden Heer eine außergewöhnliche Distanz. Dafür bietet Mailand den Vorteil, dass es nur wenige Kilometer zur Schweizer Grenze sind“, schreibt der Abgeordnete und Antifaschist Emilio Lussu in seinem 1932 im Exil erschienenen Buch „Der Marsch auf Rom und Umgebung“, einer Mischung aus packendem Augenzeugenbericht und boshafter Satire.
Unter den Soldaten hat der Duce wenig Freunde
Denn Mussolini weiß, dass die Sache schiefgehen könnte und der Faschismus im Volk weit weniger Anhänger hat als behauptet. Das ist auch seinen Truppen klar, die, schlecht versorgt und vom Regen durchnässt, vorsorglich viele Kilometer vor Rom anhalten, wohl wissend, dass die Armee kurzen Prozess mit ihnen machen würde.
In der Hauptstadt gibt man sich derweil unbeeindruckt. „Ich habe befohlen, dass man die Kanonen schmiert“, erklärt Ministerpräsident Luigi Facta. Mit ein paar Schlägern, die ihren Mut vor allem dann zeigen, wenn es gegen Wehrlose geht, werde die Armee locker fertig, so die Überzeugung.
Der König liefert Italien aus
Doch der Druck steigt. Am 28. Oktober entschließt sich der Ministerpräsident, den Notstand auszurufen und die Armee gegen die Faschisten in Marsch zu setzen. Doch König Vittorio Emanuele III. verweigert die Unterschrift – und liefert das Land damit den Faschisten aus. Warum, ist bis heute nicht geklärt. Ist es die Angst vor einem Bürgerkrieg? Die durch Vertreibungen von Großgrund- und Fabrikbesitzern genährte Furcht vor dem Bolschewismus? Oder sympathisiert der König gar mit den Faschisten?
Fest steht: Einen Tag nach Factas Rücktritt beauftragt der König den Faschistenführer mit der Bildung einer neuen Regierung. Mussolinis Bluff hat gewirkt, nicht die Stärke der Angreifer lässt die Demokratie zerbrechen, sondern die Feigheit ihrer Verteidiger.
Seitenwechsel der Generäle
Pietro Badoglio, im Ersten Weltkrieg stellvertretender Generalstabschef, hatte zuvor erklärt: „Man soll mir freie Hand geben, und in einer Woche wird vom Faschismus nichts mehr übrig sein.“ Etwas weniger großspurig zeigt sich Armando Diaz, Badoglios Nachfolger als Generalstabschef. Als sich der König nach der Loyalität der Armee erkundigt, antwortet der General: „Majestät, die Armee wird ihre Pflicht tun, aber es wäre besser, sie nicht auf die Probe zu stellen.“
Eine Aussage, die mit Vorsicht zu genießen ist, sympathisiert Diaz doch mit den Faschisten – und dient Mussolini schließlich als Kriegsminister. Auch der eben noch so kampfeslustige Badoglio arrangiert sich schnell mit dem neuen Regime.
Der Wendehals hat Konjunktur
Mussolinis Ankündigung, Italien wieder groß zu machen – ein Slogan, der seltsam vertraut klingt –, lässt viele Demokraten die Seiten wechseln. Aus Angst vor dem faschistischen Terror, bisweilen auch geleitet von der Befürchtung, bei der Verteilung der Posten zu kurz zu kommen.
Der Wendehals hat Konjunktur. „Die Faschisten trugen schwarze Hemden, die Nationalisten blaue“, schreibt Lussu, „es war keine Seltenheit, dass ein und dieselbe Person in einer einzigen Woche mehrmals das Hemd wechselte, von Schwarz auf Blau und wieder auf Schwarz, je nach den Konjunkturen der jeweiligen Farbe in Rom.“
Meloni verehrt den Duce
100 Jahre später steht in Giorgia Meloni eine Mussolini-Verehrerin vor dem Einzug in den Regierungspalast in Rom. Wie das passieren konnte? Die Jahre unter dem Duce wurden nie aufgearbeitet. Nach dem Krieg gerierten sich viele Italiener als Widerstandskämpfer. Klagen über die Opfer Mussolinis wurden mit dem Hinweis gekontert, dass dafür damals die Bahn pünktlich fuhr.
Die Machtübernahme Mussolinis 1922 sorgt bei weitsichtigen Beobachtern wie Harry Graf Kessler für dunkle Vorahnungen. Als er von Mussolinis Erfolg erfährt, notiert er in seinem Tagebuch: „Wenn sie die Macht behalten, so ist das ein geschichtliches Ereignis, das nicht bloß für Italien, sondern für ganz Europa unabsehbare Folgen haben kann.“
Hitler scheitert kläglich
Auch in München registriert ein bis dato recht unbekannter Politiker genau, was sich in Rom tut. Ein Jahr später plant Adolf Hitler einen „Marsch auf Berlin“ und scheitert kläglich. Der Putschversuch endet bereits an der Münchner Feldherrnhalle. 130 bayerische Polizisten reichen aus, um den Spuk zu beenden. Noch.