Statussymbole sind schick und ein Mittel der Kommunikation, um Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu signalisieren. Über den Wandel von Distinktionsmerkmalen und warum das gut ist.
Da steht man mit seinem altersschwachen Kleinwagen an einer Ampel und plötzlich heult neben einem ein sonorer V8-Motor auf. Aus dem dazugehörigen, fast bodentiefgelegten Ferrari schaut jemand von unten auf einen herab. Das erzeugt entweder Neid und Bewunderung oder Abscheu und Vorurteile: „Dieser Typ hat garantiert kein Selbstbewusstsein und ganz sicher ein extrem kleines Geschlechtsorgan!“ Damit liege man jedoch häufig falsch, sagen Fabiola Gerpott und Lioba Gierke, Wirtschaftswissenschaftlerinnen sowie Psychologinnen und Autorinnen des Buches „Statussymbole im Wandel“.
Denn vermutlich will der Typ im Luxuswagen schnöde Rostlaubenbesitzer und normale Durchschnittsbürger überhaupt gar nicht beeindrucken. Und auch sein offen zur Schau getragenes Statussymbol muss rein gar nichts mit mangelndem Selbstwert zu tun haben: „In Deutschland herrscht eine eher negative Sicht auf Statussymbole“, sagt Fabiola Gerpott bedauernd.
Statussymbole sind Kommunikation
Es sei schade, immer gleich das Selbstbewusstsein mit einzubeziehen, denn in erster Linie dienten Statussymbole der Kommunikation: „Ziel ist es, eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu schaffen“, sagt Gerpott. „Statussymbole können verbinden und dabei helfen, Leute kennenzulernen, die so ähnlich sind wie man selbst. Sie sind Ausdruck der eigenen Identität. Und sie zeigen: Das habe ich erreicht.“
Die Zurschaustellung sei demnach mitnichten pure Protzerei, sondern befriedige ein uraltes Verlangen: „Zugehörigkeit ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, und dem wollen wir durch Statussymbole nachkommen“, erklärt Lioba Gierke. Denn seit jeher lebt der Mensch als soziales Wesen in der Gruppe. Gesellschaftliche Akzeptanz sichert seit Urzeiten sein Überleben: Je höher man in der Hierarchie ist, desto besser stehen die Chancen.
Silke Weinig sieht das Ganze etwas kritischer. Die Züricher Bloggerin mit Schwerpunkt für Selbstmanagement und Autorin des Buches „Mit schwierigen Menschen klarkommen“ meint, Leute würden durch Statussymbole schubladisiert, aus ganz pragmatischen Gründen: „Der Mensch verarbeitet Tausende unbewusste Elemente pro Minute. Das ist ja ganz klar, dass unser Gehirn da gern Abkürzungen nimmt.“ Aktives Denken verbraucht einfach irre viel Energie.
Veränderung der Wirkung
Ein Hang zur Bequemlichkeit lässt Statussymbole demzufolge ihre Wirkung erzielen. Und so gab es sie immer und wird es sie wohl immer geben; auch wenn sie sich in der Menschheitsgeschichte stark verändert haben.
In der Antike genoss besonders viel Ansehen, wer eine große Anzahl von Sklaven besaß. Die Farbe Purpur machte deutlich, wer mächtig war, und mit duftenden Salben oder exotischen Gewürzen zeigten die Reichen ihren gesellschaftlichen Stand. Wer viele Ehefrauen hatte oder große Gefolgschaften, war ein richtiger Macher. Prächtige Häuser haben sich seit dieser Zeit bis heute als Statussymbol gehalten.
Im Mittelalter dann trug, wer Bedeutung und Wohlstand hatte, auffälligen Schmuck, schwere Parfums und edlen Hermelinpelz. Mit Schnabelschuhen wurden die Adligen auf Porträts verewigt, während die arme Bevölkerung oft barfuß lief. Dünn und braun gebrannt waren die Arbeiter auf dem Feld, vornehme Blässe und wohlgenährte Leiber hingegen waren Zeichen für ein betuchtes Dasein.
„Statussymbole bedeuten immer, dass nicht alle sie haben können“, sagt Gierke. „Wie die Ananas im England des 18. Jahrhundert. Wenn man sich solch eine rare, exotische Frucht leisten konnte, dann stellte man sie für Besucher aus.“ Inzwischen werden einem Ananasse in Discountern hinterhergeschmissen, und Pelz zu tragen ist verpönt. Das heißt jedoch nicht, dass es weniger Statussymbole gibt. „Sie verfeinern sich nur immer mehr“, so Gierke.
Statussymbole muss man lesen können
Beispiel Fair-Trade-Modelabels: In bestimmten gesellschaftlichen Gruppen sind sie höchst angesagt, aber um sie zu erkennen, braucht es Fachwissen, da kein fettes Marken-Logo auf der Brust prangt. Und käme ein Außerirdischer auf die Erde, würde er einen Ferrari nicht mehr als Statussymbol ansehen als einen schrottreifen Opel Astra.
„Man muss Statussymbole lesen können“, sagt Lioba Gierke, eine begeisterte Marathonläuferin. In ihren Kreisen gelten spezielle Lauf-Shirts als Statussymbol, die der Laie nimmer als solches identifizieren würde.
Eine gewisse finanzielle Grundlage ist zwar meist vonnöten, aber: „Das Interessante ist, dass immer mehr immaterielle Dinge zu Statussymbolen werden“, erläutert Gerpott. „Dinge wie: Ich kann von zu Hause aus arbeiten, ein guter Schulabschluss, Studieren an einer besonders anerkannten Universität.“
Das Abo einer Tageszeitung ist ebenso Ausdruck von Bildungsbürgertum wie das Lastenfahrrad zum Zeichen für Klimafreundlichkeit und einen bewussten Lebensstil geworden ist. Nicht erreichbar zu sein, Zeit zu haben und auf Dinge bewusst zu verzichten, kann ebenfalls Status ausdrücken.
Sogar Stress scheint für einige ein Imagesymbol zu sein, auch wenn der selten ein langfristiges Glücksgefühl mit sich bringt. Übrigens genauso wenig wie die meisten materiellen Objekte. Denn gemeinhin ist es doch so: Wer etwas hat, wünscht sich mehr. Wenn alle Nachbarn Bugatti fahren oder Patek-Philippe-Uhren tragen, ist man mit dem Porsche oder der Rolex kein großes Licht mehr.
Einer Luxusjacht muss in Milliardärskreisen fast zwangsläufig der Space-Tourismus in Richtung All folgen. Silke Weinig mahnt aber zur Vorsicht: „Es kann sehr anstrengend sein, immer nach Höherem zu streben.“
Ständiges Vergleichen kann deprimieren
Ständiges Vergleichen kann außerdem sehr deprimierend sein. Das zeigt sich besonders auf Social Media: Schönheit und die Anzahl von Followern sind dort gefragte Statussymbole. Wer sich misst – ob digital im Internet oder analog in der Realität, kann häufig nicht mithalten und zweifelt deshalb an seiner gesellschaftlichen Zugehörigkeit.
Beim Versuch des Nachahmens büßt so mancher seine Individualität sogar komplett ein. „In Zürich gibt es ein angesagtes, schweineteures Kosmetikstudio, das nur Augenbrauen macht“, berichtet Silke Weinig. „Aber am Ende sieht eine Kundin aus wie die andere.“
Um dieser Absurdität zu begegnen, könnte man einfach jedes wirksame Handeln als sein persönliches Statussymbol ansehen. Gute Idee, findet auch Gerpott: „Immaterielle Statussymbole führen viel langfristiger zur Zufriedenheit und können somit zu einem gelungenen Leben beitragen.“