Ralf Rangnick holte Lutz Siebrecht als Teammanager zu Lokomotive Moskau, dann aber zog es ihn zu Manchester United. Welche Auswirkungen hat das auf den ehemaligen Sportlichen Leiter der Stuttgarter Kickers und den Trainer Markus Gisdol?
Stuttgart - Mit der Bemerkung „Moskauer Verhältnisse“ wird Lutz Siebrecht im Café Mühlwerk in Wiesensteig begrüßt. Es schneit unentwegt im Oberen Filstal. Doch der Teammanager von Lokomotive Moskau lächelt nur und sagt: „Ein bisschen frischer ist es in Moskau schon.“ Der Mann, der aus der Kälte kam, war an jenem Freitag im Januar auf Heimaturlaub. Inzwischen geht der ehemalige Sportliche Leiter des Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers nach einem Trainingslager in Marbella wieder seiner Arbeit in der russischen Hauptstadt nach, die er am 26. Oktober 2021 begonnen hatte.
„Ich wollte einfach die große Chance nutzen, in den internationalen Profifußball zu kommen und einen Verein auf diesem Niveau mithelfen zu entwickeln“, sagt Siebrecht zu seinen Beweggründen. Bereut hat er den Sprung in die 2400 Kilometer entfernte Metropole bisher nicht. Obwohl es vor dem letzten Sieg vor der Winterpause wettbewerbsübergreifend fünf Niederlagen hintereinander gegeben hatte. Und obwohl der Mann, der ihn, Cheftrainer Markus Gisdol und auch den in Tübingen geborenen Assistenzcoach Marvin Compper (früher VfB-Jugend und TSG 1899 Hoffenheim) geholt hatte, Anfang Dezember plötzlich nicht mehr da war: Ralf Rangnick verabschiedete sich zu Manchester United. Fühlt sich das deutsche Trio mit den schwäbischen Wurzeln von ihm im Stich gelassen? „Nein, natürlich wäre es uns lieber gewesen, Ralf wäre hier geblieben, denn er hinterlässt mit seinem Fachwissen eine Lücke, doch wir freuen uns auch sehr für ihn, dass er in England seinen Traum verwirklichen kann“, sagt Siebrecht.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Siebrecht-Nachfolger Marc Stein: „Ich fühle mich nicht als Neuling in dem Geschäft“
Im Juli hatte sich der gebürtiger Backnanger mit einer Beraterfirma selbstständig gemacht. Gemeinsam mit dem früheren Videoanalysten und Co-Trainer Lars Kornetka (u.a. RB Leipzig, PSV Eindhoven, Bayer Leverkusen, FC Bayern, Schalke 04). Lokomotive Moskau war der erste Kunde, Rangnick übernahm den Chefposten als Leiter Sport und Entwicklung. Nach seinem Abflug auf die Insel hat Kornetka den Hut auf. Als Technischer Direktor fungiert Tomas Zorn. Er ist in Moskau geboren, lebte aber viele Jahre in Berlin und besitzt neben einem deutschen Pass auch die DFB-Spielervermittlerlizenz.
Mächtigster Mann im Verein ist der Vorstandsvorsitzende Alexander Plutkin, gleichzeitig Vizechef der staatlichen Eisenbahngesellschaft, die den Club seit Jahrzehnten finanziert. Da die Fernsehgelder in Russland eine untergeordnete Rolle spielen, ist der Club auf die Präsenz auf der europäischen Bühne angewiesen. „Ziel ist es, einen internationalen Startplatz zu erreichen“, stellt Siebrecht klar. Derzeit steht man auf Platz sechs, zehn Punkte hinter Spitzenreiter Zenit St. Petersburg. Für die erneute Qualifikation für die Europa League muss mindestens noch auf den dritten Rang geklettert werden, der Abstand beträgt nur drei Punkte.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Warum Ralf Rangnick reif für die Insel ist
Das internationale Renommee ist auch deshalb wichtig, da Lokomotive bei einigen Fans ein bisschen das Image der grauen Maus hat. Der Club hat es nicht leicht im Wettbewerb gegen die Stadtrivalen: Spartak gilt als der große Volksclub, er ist sozusagen der FC Bayern Russlands. Der Ex-Verein von Leipzigs Coach Domenico Tedesco hat die größte Strahlkraft und Fans im ganzen Land. ZSKA ist der Armeeclub, ebenfalls mit großer Anhängerschaft, aber eher auf den Großraum Moskau begrenzt, wie auch Dynamo, ein Traditionsclub, der noch ein bisschen vom Mythos aus der Lew-Jaschin-Zeit lebt und aktuell vom ehemaligen Mainzer Sandro Schwarz trainiert wird.
Mittendrin in diesem umkämpften Geschäft ist nun Lutz Siebrecht. Was ist eigentlich genau seine Aufgabe? „Headcoach Assistant“, heißt sein offizieller Titel. Er ist selbst als einer der Co-Trainer auch auf dem Trainingsplatz, doch seine Aufgaben sind vielschichtig: Er ist das Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainerteam und Staff.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Alles zum VfB Stuttgart in unserem Newsblog
„Es gibt viel zu tun, langweilig wird es mir nicht“, sagt Siebrecht. In Moskau wohnt er im Hotel. Im gleichen wie Markus Gisdol. Die beiden sind Freunde seit gemeinsamen Jugendzeiten beim SC Geislingen, mit ihren Familien (Siebrecht hat drei Kinder im Alter von 29, 26 und 18 Jahre) sind sie Nachbarn im beschaulichen Bad Überkingen. In Moskau geht’s wilder zu. „Die Stadt ist wunderschön, aber der Verkehr ist der Wahnsinn“, sagt Siebrecht. Sie werden um 8 Uhr von einem Fahrer abgeholt. Gegen 19 Uhr sind sie wieder zurück. „Es wird mit der Mannschaft gefrühstückt, zu Mittag gegessen, das ist so üblich“, sagt Siebrecht.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Warum Siebrecht morgens um 3 Uhr aufsteht
Der Ligabetrieb geht am 27. Februar weiter. Siebrechts Vertrag läuft nur bis zum Saisonende. „Dies war mein Wunsch, ich möchte die vielen neuen Dinge hier kennenlernen und dann die Möglichkeit haben, alles zu bewerten“, sagt Siebrecht. Die Kickers wird er dabei immer im Auge behalten. „Das Fundament steht, der Verein befindet sich auf einem sehr, sehr guten Weg, um in der Zukunft richtig erfolgreich zu sein“, sagt der ehemalige Profi des SV Waldhof Mannheim zum Abschied im verschneiten Wiesensteig, wo die „Moskauer Verhältnisse“ an diesem Tag nicht enden wollen.