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Loßburg Schon eine Erdnuss kann tödlich sein

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Carmen Springmann und Sohn Darian, der mit der "Notfallspritze" spielt. Foto: Meinert Foto: Schwarzwälder Bote

Viele Menschen leiden unter Allergien. Doch es gibt Extremfälle, die tödlich verlaufen. Familie Springmann aus Betzweiler berichtet über die Krankheit ihres Sohnes.

Loßburg-Betzweiler. Der Schock erfasste Familie Springmann aus Betzweiler, als ihr Sohn Darian Ruven gerade mal 15 Monate alt war. "Es geschah ausgerechnet, als er das klassische schwäbische Gericht Linsen mit Spätzle essen wollte", erzählt seine Mutter Carmen. Nach nur einem Löffel habe der Kleine jeden weiteren Biss verweigert. "Zuerst dachten wir, er hat einen kleinen Dickkopf." Dann ging alles ganz schnell. Mund, Nase und Augen schwollen zu, dem Jungen blieb die Luft weg. Die Eltern eilten zum Nachbarn, einem Arzt. "Der erkannte sofort, was los war."

Der Mediziner verabreichte Kortison, dann ging es mit Blaulicht ins Krankenhaus. Was der Junge erlebte, war ein akuter anaphylaktischer Schock. "Die schlimmste Form der Allergie, die es gibt", nennt das Carmen Springmann. Es handelt sich um eine allergische Reaktion des ganzen Organsystems. In leichten Fällen sind lediglich Hautreizungen, Schwellungen im Gesicht oder Übelkeit die Folge. In schweren Fällen kommt es zu einem bedrohlichen Blutdruckabfall. "Das kann tödlich verlaufen."

Bestimmte Lebensmittel können bereits in kleinsten Mengen katastrophale Folgen auslösen. Etwa Hülsenfrüchte. Oder auch das Gift von Insekten, aber auch Medikamente. Oder etwa Erdnüsse. Wobei es mit den Erdnüssen eine ganz besondere, man könnte auch sagen, eine ganz besonders tückische Bewandtnis habe, wie Carmen Springmann erzählt: Kleine oder kleinste Mengen von Erdnüssen sind in vielen Lebensmitteln verarbeitet – ohne dass die Kunden dies wüssten. "Das Hauptproblem im Alltag", fasst Carmen Springmann zusammen, "ist die Erdnuss, schon kleinste Krümel könnten fatal sein". Darian Ruven sei ein alter persischer Name, erzählt die Mutter. "Er bedeutet ein Geschenk Gottes."

Mittlerweile ist der Junge sechs Jahre alt und geht in die erste Grundschulklasse. Der Junge sitzt auf dem Schoß der Mutter und wirkt gesund und munter. Doch um seine Krankheit weiß er sehr wohl, In der Hand hält er eine Spritze, die ihm im Zweifelsfall das Leben retten soll. Carmen Springmann nennt es die "Notfallspritze" oder auch "Pen", die der Junge ständig bei sich trägt. "Ohne die verlässt er nicht das Haus." Hauptsächlicher Inhalt sei Adrenalin.

Versuchsreihe zu Immuntherapie

Auch Kindergärtnerinnen und Lehrer "sind von einem Arzt bevollmächtigt und von mir geschult, sodass sie die Spritze anwenden können". Denn sollte Darian erneut in einen allergischen Schockzustand verfallen, dürfte er sich kaum selbst helfen können. Panik und Todesangst dürfte ihn dann erfassen. "Innerlich läuft dann ganz viel ab", sagt die besorgte Mutter. Der Alltag mit Anaphylaxie ist alles andere als einfach. Alles muss geplant sein – höchst gewissenhaft geplant sein. "Keine Plätzchen zu Weihnachten, außer sie sind von mir gebacken", lautet eine Vorsichtsmaßregel. Brot und Brötchen etwa kann sie nur bei einem Bäcker kaufen, mit dem sie zuvor alle Zutaten gewissenhaft geklärt habe.

Geht der Sohn zu einem Kindergeburtstag, bringt er sich seinen eigenen Kuchen mit. "Ich versuche, das Leben so normal wie möglich für ihn zu machen." Aber einfach sei das nicht. Auch der Sohn weiß um seine Anfälligkeit, während er auf dem Schoß der Mutter sitzt, simuliert er, wie man bei Bedarf die Notfallspritze setzen müsse. Er lächelt dabei, ein schüchternes, ein ernstes Lächeln für einen Sechsjährigen.

"Zu 95 Prozent geht es gut, doch manchmal geht es mit ihm durch", so die Mutter. "Dann wird der Leidensdruck zu groß." Einmal etwa habe er mit anderen Kindern von Verbotenem genascht. "Er kam mit Atemnot nach Hause. Ich habe schon an der Tür gesehen, das etwas nicht stimmt." Teilweise werde Darian auch weniger zu Kindergeburtstagen eingeladen – die Mütter wollten wohl nicht die Verantwortung übernehmen.

Doch jetzt gibt es Hoffnung. An der Universitätsklinik in Frankfurt läuft derzeit eine Versuchsreihe. Es handelt sich um eine "orale Immuntherapie" gegen Erdnuss-Allergie. Kern der Behandlung: Durch gezielte Einnahme und einer stufenweisen Erhöhung des "Gifts" soll eine Desensibilisierung erreicht werden – ähnlich wie etwa bei der Therapie von Heuschnupfenallergie.

Eltern müssen penibel Protokoll führen

Die Kinder und Jugendlichen, die in Frankfurt teilnehmen, sind bis zu 17 Jahre alt. Die erste Dosis des Erdnuss-Proteins beträgt drei Milligramm, zunächst werden die Reaktionen der jungen Patienten in der Klinik überwacht – um bei Zwischenfällen sofort eingreifen zu können. Dann werden sie nach Hause geschickt, das Erdnuss-Protein muss aber weiterhin täglich eingenommen werden. "Immer nach dem Mittagsessen", so Carmen Springmann, "dann zwei Stunden Ruhe, bei dem die Kinder sitzen oder liegen, aber auf keinen Fall einschlafen oder Sport treiben dürfen."

Die Versuchsreihe läuft seit Januar vergangenen Jahres. Langsam und schrittweise wird die Einnahme der Mengen erhöht. Derzeit sind es 300 Milligramm – "das entspricht einer Erdnuss", sagt Carmen Springmann. "Wir sind Versuchskaninchen für die Wissenschaft." Die Prozedur ist mühsam und langwierig, penibel müssen die Eltern Protokoll führen – etwa über Nebenwirkungen wie Schmerzen im Mundbereich, im Rachen oder in der Bauchgegend. Fast zwei Dutzend Mal waren die Springmanns mit ihrem Sohn bereits in Frankfurt an der Uniklinik. Doch Erfolge sind greifbar. "Noch im letzten Januar wäre er beim Verzehr einer Erdnuss gestorben", sagt die Mutter. Jetzt würde er überleben. "Das ist richtig toll."

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