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Loßburg Ein nicht normaler Grenzübergang

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Ein Loch im Grenzzaun nutzten die Ausflügler, um hindurch zu kriechen. Foto: Archiv Joppek Foto: Schwarzwälder Bote

Loßburg - Es waren aufregende Zeiten 1989/1990 – die Zeit der Wende. Zum Tag der Deutschen Einheit schildert Werner Joppek aus Loßburg ein ganz besonderes Erlebnis.

"›Tatort‹ ist die deutsch-deutsche Grenze im Harz. Abweichend von unseren jährlichen Besuchen zum 17. Juni zu dieser unmenschlichen Grenze, die meine Frau und mich in das Gebiet Torfhaus und Braunlage führten, sind 1990 unsere Freunde aus Loßburg und Halle am 30. April zur Walpurgisnacht (die Nacht zum 1. Mai, in der sich nach dem Volksglauben die Hexen auf dem Bocksberg treffen und ihr Unwesen treiben) dabei.

Jeder wird sich an die aufregenden Tage vor der Wiedervereinigung erinnern. Es gab keinen Abend, an dem man nicht vor dem Fernsehgerät saß, um die sensationellen Veränderungen von ›Drüben‹ mitzuerleben und sich mit den ostdeutschen Menschen zu freuen, dass endlich die Zeiger auf Wiedervereinigung stehen.

Zeit der Unsicherheit

Noch ist es nicht so weit, bis zum 3. Oktober geschieht noch sehr viel. Es ist eine Zeit der Unsicherheit – beide Seiten wissen nicht, wie sie sich im täglichen Leben verhalten sollen. Das merken wir, als wir nun öfter in die DDR einreisen. Die ostzonalen Grenzer sind so etwas von freundlich, sie lachen und wünschen alles Gute – da wo uns früher nur verbiesterte Gesichter begrüßten. Was noch auffällt: Es sind keine waffenstrotzenden Bewacher zu sehen, sie halten sich im Hintergrund.

Diese Unsicherheit ist auch am 30. April zu spüren, bei der Wanderung am ›Torfhaus‹ im Oberharz. Das Ziel heißt: ›Entlang der Grenze‹. Noch wissen wir drei Ehepaare nicht, dass alles anders kommt. Nach einigen Kilometern auf dem Goetheweg stehen wir vor dieser Schandgrenze, die so lange Deutsche von Deutschen trennte. Da, wo vor Monaten noch Zäune und Minen eine Annäherung unmöglich machten, laufen wir nun gespannt und erregt am letzten Zaun der Befestigungsanlage entlang. Ganz trauen wir der Entminung doch nicht. Plötzlich fällt uns ein Loch im Grenzzaun auf. Wer hat es gemacht, waren es Tiere oder Menschen? Egal, wer weiß, was uns an diesem Tag ›geritten‹ hat – wir kriechen durch das Loch. Zum Schluss unsere Freunde aus Halle, die zum ersten Mal im ›Westen‹ sind und nun als ›Grenzverletzer‹ den Weg zurück wählen. Allen ist gar nicht wohl in ihrer Haut. 50 Meter oberhalb stehen zwei Grenzer und schauen unserem ›Grenzübergang‹ zu. Wir nähern uns ihnen ganz unbefangen und tun so als wäre dieser Vorgang der natürlichste von der Welt. Sie haben keine Waffen dabei. Überraschenderweise grüßen sie sehr freundlich, keine Vorwürfe oder gar Belehrungen. Sie sind genau so überrascht wie wir. Wie verhält man sich in so einer Situation?

Wir kommen ins Gespräch mit ganz unbefangenen Themen, so wie man sich ein ›Grenzgespräch‹ vorstellt. Zum Schluss bitten wir den einen Grenzer, er möchte doch auf den Kameraauslöser drücken – gebeten und getan.

Vor uns lichten sich die Wolken, der Brocken in seiner majestätischen Größe ist zu sehen, nun haben wir unser erträumtes Wanderziel. Auf dem Gleis der ehemaligen Brockenbahn (sie nimmt Jahre später wieder ihre Fahrt bis zum Gipfel auf), die heute noch zur Grenzanlage gehört, wandern wir dem Höchsten entgegen.

Unterwegs stoßen wir auf den Hauptweg zum Gipfel. Menschen über Menschen, die von den offiziellen Grenzöffnungen in Elend und Bad Harzburg her kommen. Laut Zeitungsberichten sind es über 10 000 Deutsche aus Ost und West, die sich an diesem Tag auf dem Brocken treffen. Der Gipfelbereich ist russisches Territorium, das auch von DDR-Grenzern nicht betreten werden darf. Heute ist von den russischen Besatzern niemand zu sehen, nur Deutsche, die den Gipfel zurück erobert haben!

Mit Gleichgesinnten

Das Brockenhaus ist noch nicht geöffnet, so vespern wir mit Gleichgesinnten unter freiem Himmel und genießen die Rundumaussicht weit in den Osten und Westen Deutschlands. Jetzt wird es einem erst richtig bewusst, was heute geschehen ist – es ist nicht zu fassen – wir stehen auf dem Schicksalsberg der Deutschen. Wir fühlen uns eins mit den Bürgern aus dem Osten – ringsum lachende und weinende Gesichter – sie denken wie wir: Wir sind frei, Deutschland ist auch bald frei! Allein das Beisammensein, die gemeinsame Freude, das Einssein bleibt ein unvergessenes Erlebnis. Begeistert geht es auf gleichem Weg zurück.

Doch nun erleben wir eine böse Überraschung und werden in die Realität der deutschen Grenze zurückgeholt. Da, wo heute Morgen zwei freundliche Grenzer standen, erwarten uns nun zwei andere, schwer bewaffnet. Ich rate meinem Hallenser Freund wegen seines Dialekts nichts zu sagen. Der ältere Grenzer mit angeschlagener MP, ohne Gruß: ›Sie wissen, dass sie sich auf dem Gebiet der DDR befinden, wo kommen sie her und wo wollen sie hin?‹ Darauf zeige ich ihm das Loch im Grenzzaun und sage ihm, dass wir aus dem Westen kommen, auf dem gesamtdeutschen Brocken waren und wir jetzt wieder zurück gehen. ›Wir müssten sie eigentlich verhaften, sie haben ein aktives Grenzvergehen begangen. Wie würden die Grenzer der BRD in so einem Fall vorgehen?‹

Uns war gar nicht wohl zu Mute, er hatte im Prinzip recht, doch Frechheit siegt. ›Da wir uns an der innerdeutschen Grenze befinden, würden die westdeutschen Grenzer jeden Bürger aus dem Osten mit einem Glas Sekt begrüßen. Im übrigen sind wir bereits spät dran und müssen jetzt gehen!‹ Mit diesen Worten drehten wir uns um, gingen zum Zaun, der jetzt überraschenderweise geöffnet war, und waren im Westen. Erst jetzt atmeten wir durch, denn die angeschlagene MP im Rücken bereitete uns allen doch ein unangenehmes Gefühl. Die damalige Situation der Unsicherheit hat den Grenzer veranlasst, nichts gegen uns zu unternehmen, aber es hätte auch anders gehen können, von schießen gar nicht zu reden. Was für ein erlebnisreicher Tag."

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