Populistische Parteien kritisieren Bemühungen um eine inklusive Sprache vehement als „Gender-Gaga“. So manche Demonstrierende greifen die Bezeichnung selbstironisch auf. Foto: imago/IPON/Stefan Boness/Ipon

Was passiert mit unserer Sprache? Dieser Frage geht das Literaturhaus Stuttgart in der Festivalreihe „Losgesagt“ nach. Die jüngste Ausgabe hat sich mit dem zwischen rechtem und politisch korrektem Sprechen tobenden Kulturkampf auseinandergesetzt.

Stuttgart - Nehmen wir an, Sprache wäre ein Ausdrucksmittel, in dem Gestalt gewinnt, was in uns rumort. Nicht nur unsere Innenwelt, sondern auch all das, was über unseren Köpfen passiert, die Nachtseiten, an deren dunklem Firmament die einen ein Gendersternchen als Hoffnungszeichen deuten, die anderen als Unheilskomet. Und nehmen wir weiter an, ein Literaturhaus sei nicht nur ein Ort der Erbauung, an dem schöne Geschichten erzählt werden, sondern ein Labor, in dem die drängenden Fragen der Gegenwart verhandelt werden, nicht als akademisches Glasperlenspiel, sondern adressiert an alle, die es angeht – also alle. Dann hat man beisammen, was diese Institution, die ihren im November bevorstehenden 20. Geburtstag schon einmal mit der Sprachfestivalreihe „Losgesagt“ einläutet, so unverzichtbar macht – und einen Abend wie jenen über die politische Indienstnahme der Sprache spannender als jedes Fußballspiel.

 

Eigentlich könnte ja alles so schön sein. Die amerikanische Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum beschreibt in ihrem neuen Buch „Die Verlockung des Autoritären“ eine Party bei ihrem Mann, dem ehemaligen polnischen Außenminister Radek Sikorski. Gefeiert wird das neue Europa, ein unter demokratischen und rechtsstaatlichen Vorzeichen geeinter Kontinent im hoffnungsvollen Aufbruch in die Zukunft. Doch gut 20 Jahre später ist davon in Polen nicht mehr viel zu spüren. Eine radikal nationalistische Regierung mit autoritären Zügen regiert, schneidet sich den Rechtsstaat für ihre Belange zu, und steht damit stellvertretend für eine Entwicklung, die in den USA zu Trump, in Großbritannien zum Brexit und in Österreich nach Ibiza geführt hat.

Demokratie in der Defensive

Zugeschaltet aus den USA skizziert Applebaum, was sie im eigenen Umkreis beobachtet hat. Wie sich trotz eines allgemein steigenden Wohlstands ein Gefühl der Enttäuschung und des Verlusts ausbreitet: „Die Leute sind vom Wandel überfordert, von Pluralismus, Diversität, der ständigen Herausforderung, sich entscheiden zu müssen.“ Daraus resultiert eine Idealisierung der Vergangenheit, die Neigung zu einer autoritären Prädisposition und eine Anfälligkeit für starke Persönlichkeiten. „Geschichte kann sich wiederholen“, sagt die Washington-Post-Journalistin, und erinnert an eine ähnliche Gemengelage in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Gründe für die zyklische Wiederkehr antimodernen Denkens bestimmt der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl als Effekt eines ökonomischen Kräftefelds. Die Demokratie sei im Moment in der Defensive, dafür erlebe man einen Exzess der Kraftentfaltung des Finanzkapitalismus in seiner jüngsten Ausprägung der internetbasierten Geschäftsmodelle der Plattformökonomie. „Diese Agenturen haben eine Gewalt entwickelt, die in alle kulturellen Zusammenhänge hineinwirkt“, sagt Vogl im Literaturhaus.

Konjunkturen völkischer Bewegungen

Affekte sind für den Wissenschaftler nicht einfach persönliche Regungen unserer Innenwelt, sondern auf elementare Weise mit dem Marktgeschehen verbunden. Er zeigt, wie Ende des 19. Jahrhunderts die Moralphilosophie beginnt, die industriekapitalistische Gesellschaft, Konkurrenz und Wettbewerb, unter dem Begriff des Ressentiments zu beschreiben. Untersuchungen hätten gezeigt, wie Phasen enormer Finanzkonzentration mit der Konjunktur xenophober, völkischer Bewegungen einhergehen; das war im Kaiserreich so und im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wieder. Den Hass auf Minderheiten, Migranten, Antisemitismus analysiert Vogl als Produkt und zugleich Produktivkraft der Plattformökonomie. „Das Ressentiment hat systemerhaltenden Charakter, es lenkt von Verhältnissen ab und produziert Sündenböcke.“

Damit wäre der ökonomische und sozialpsychologische Hintergrund dessen bestimmt, was in den Sprachdebatten unserer Tage zum Ausdruck drängt. Was natürlich in keiner Weise heißt, in jedem Unbehagen gegenüber Gendersternchen und anderen Korrektheitseingriffen artikuliere sich ein dumpfes Ressentiment. Im Gegenteil. Aber es erklärt, warum eine Partei wie die AfD die Sprachpolitik als einen wichtigen Agitationsbereich für sich entdeckt hat.

Skandalisieren und Provozieren

Der Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, nennt dies eine „Trojanisches-Pferd-Strategie“: Früher als andere habe die AfD gemerkt, dass sie mit diesem Thema einen positiven Impuls setzen kann gegenüber den vielen negativen Positionierungen ihres Programms und dass sich damit ein Publikum gewinnen lässt, das sie noch nicht hat. In Wirklichkeit gehe es aber nicht um Ästhetik oder korrekte Grammatik, sondern um einen kulturellen Hegemonialkampf. Zahlreiche parlamentarische Anfragen berühren Themen, die es früher nicht gegeben hat: die Rückkehr zum generischen Maskulinum, die deutsche Wissenschaftssprache, Kiezdeutsch oder der Vorstoß, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz festzuschreiben. „In symbolhafter Form wird das Auseinanderdriften der Gesellschaft in einem Feld verstärkt, das wir alle für wichtig nehmen“, sagt Lobin.

Das trojanische Pferd ist das eine, die Energie, die es von rechts in die Mitte treibt, das andere. Die Wiener Linguistin Ruth Wodak beschreibt sie im Sprachbild des Perpetuum mobile: eine Weise, sich durch Skandalisieren und Provozieren in einer medialen Dauerbewegung zu halten und die anderen Parteien damit vor sich herzutreiben. In Österreich konnte sie aus nächster Nähe verfolgen, wie während der Migrationsbewegungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs diese Praxis zum Aufstieg der FPÖ geführt hat und 2015 von der ÖVP kopiert wurde.

Aber was machen wir nun mit dem Sternchen? Streiten natürlich. Aber ohne Dogmatismus und eingedenk der Gesetze der Höflichkeit, die in diesem Zeichen möglicherweise erst einen vorläufigen Ausdruck gefunden hat.

Neue Bücher zum Thema

Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment.
Eine kurze Theorie der Gegenwart. C.H. Beck. 224 Seiten, 18 Euro.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären.
Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist. Siedler. 208 Seiten, 22 Euro.

Henning Lobin: Sprachkampf.
Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert. Duden Verlag. 192 Seiten, 15 Euro.

Ruth Wodak: Politik mit der Angst.
Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse. Edition Konturen. 280 Seiten, 29,80 Euro.