Das Projekt „Chance²“ kümmert sich um Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen dem Unterricht fernbleiben. Mit dem Erlös der Lionsnight am Samstag, 27. April, unterstützt der Lions-Club Villingen-Schwenningen Mitte den Förderverein, der dem Team zur Seite steht.
Die Konzentration macht ihm Probleme, er kann nicht mit dem Druck in der Schule umgehen, so zog sich der zwölfjährige Malte in der Klasse immer weiter zurück. Wenn dem 13-jährigen Florian manche Fächer zu langweilig waren, hat er hingegen geredet und lautstark auf sich aufmerksam gemacht.
Zwei Laufbahnen mit unterschiedlichen Problemen, die beide in der gleichen Sackgasse endeten: der Verweigerung, weiter den Unterricht zu besuchen, im Fachjargon Schulabsentismus genannt.
Beide haben jetzt die Möglichkeit, sich ganz langsam wieder an das System Schule heranzutasten und eine eigene Lösung für ihre weitere Bildungslaufbahn zu finden. Sie probieren im Projekt „Chance²“ in Villingen verschiedenste Tätigkeiten aus, ob Fußballspielen oder klettern, malen oder sprayen – und wer will, kann sich auch ein Fachbuch schnappen und lernen.
Breites Netzwerk gefragt
Das 2021 unter dem Dach der Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten ins Leben gerufene Projekt hat schon vielen Jugendlichen einen Weg zurück in die Schule aufgezeigt. Und zahlreiche Menschen in der Doppelstadt überzeugt, so den Lions Club Villingen-Schwenningen Mitte, der ein Drittel des Erlöses der Lionsnight am Samstag, 27. April, in der Villinger Innenstadt dem Förderverein spendet. Dieser ist kurz nach der Gründung mit dem Theologen und Pastoralreferenten Tobias Aldinger als Vorsitzendem sowie dem Anwalt und Grünen-Stadtrat Oskar Hahn als zweitem Vorsitzenden an der Spitze entstanden, um die Arbeit ideell und finanziell zu unterstützen.
Mitgliedschaft kostet keinen Beitrag
Die Mitgliedschaft koste keinen Beitrag, vielmehr sei es das Ziel, ein breites Netzwerk in der Region zu knüpfen, das den Jugendlichen zugute komme, erklärt Katja Scheele. Sie ist ebenso wie Manuel Seeger als Lehrkraft tätig, ihnen stehen die ehemalige Beratungslehrerin Chris Hummel, die für die Chance² aus dem Ruhestand gekommen ist, zwei Sozialpädagoginnen, eine FSJ-Kraft und als Küchenfee Christine Neumeister zur Seite.
Als Partner sind die Agentur für Arbeit, das Staatliche Schul- oder das Kreisjugendamt mit seinen Beratungsstellen mit im Boot. Gerade durch die kurzen Wege sei es möglich, die Jugendlichen bestmöglich zu fördern, langfristige Ideen zu entwickeln und wenn notwendig, schnell weitere Schritte wie eine Lerntherapie oder einen Schulwechsel einzuleiten, erklärt Seeger.
Jeder hat eigene Geschichte
Habe doch jeder Schüler, der an die sechs Monate in einer Gruppe mit rund zehn Jugendlichen bei der Chance² verbringt, seine eigene Geschichte, stellt Katja Scheele fest. Zielgruppe seien Sechst- bis Achtklässer aus dem Kreis, die sich aus vielfältigen Gründen dem Schulbesuch verweigern. „Das geht durch sämtliche Schularten und alle Schichten“, betont sie. Angesichts voller Klassen sei da den Lehrkräften kaum ein Vorwurf zu machen, wenn sie sich im Schulalltag nicht mehr dem einzelnen zuwenden könnten, der mehr Förderung oder Erklärungen wie anderen benötige. Aber da bleibe so mancher auf der Strecke.
Malte zum Beispiel, der unumwunden von seiner Angst berichtet, wenn er nicht so schnell wie seine Klassenkameraden eine Aufgabe lösen oder auf eine Frage antworten konnte. „Hier ist es viel besser als in der Schule“, schildert er seine Eindrücke der ersten Wochen. Spaß macht es ihm, morgens in der Gruppe zu überlegen, was es zum Mittagessen gibt, die Einkaufsliste zu schreiben, zu zweit die Zutaten zu besorgen und unter Anleitung von Christine Neumeister für alle zu kochen. „Wir schauen auch, dass die Lebensmittel kaum verpackt und biologisch sind, und gehen zum Metzger“, erzählt der Zwölfjährige begeistert von neuen Aufgaben.
Direkter Kontakt zum Projekt gefragt
Solche pädagogischen Konzepte, dass sich der Nachwuchs vom Einkaufen bis zum Abwasch um alles selbst kümmern muss und in der Praxis lernt, auf die regionale und saisonale Herkunft zu schauen, beeindruckt Hahn. Bei praktischen Themen könnten sich die Mitglieder des Fördervereins einbringen, neben Spenden sei auch der direkte Kontakt zum Projekt gefragt, ob Besuche vor Ort, Ausflüge zu Firmen oder die Vermittlung von Praktika.
Es gebe gemeinsame Aktivitäten, beispielsweise mit dem Graffitikünstler Jonas Fehlinger oder einem Studenten der Musikhochschule Trossingen, erläutert Katja Scheele. Da wünschen sich die einen, Zeit mit Tieren und in der Natur zu verbringen, während die anderen bei sportlichen Aktivitäten neues Selbstvertrauen gewinnen. Und genau für all diese Angebote wolle das Team die über den Förderverein gewonnenen Spenden einsetzen.
Viel Zeit für Gespräche
Bei diesen Beschäftigungen seien die Jugendlichen immer wieder mit der Frage konfrontiert, was sie durch das Lernen erreichen wollen und wofür sie es brauchen. Sie könnten sich untereinander austauschen oder im Gespräch mit den Betreuern ihre Vorstellung entwickeln. Dass in der kleinen Gruppe viel Zeit zum Reden bleibt und sie mit ihren Problemen Gehör finden, das schätzen Malte und Florian.
Kontakt zur Schule
Gemeinsam mit dem Team sind die beiden dabei, ihre individuellen Strategien für ihre künftige Schulzeit zu finden. „Ich weiß, dass ich mich am Riemen reißen muss, und habe gelernt, still zu sein“, zeigt sich Florian optimistisch. Überhaupt freue er sich schon auf die Schule, die er inzwischen tageweise wieder besucht, Malte lässt den Kontakt ebenso wenig abreißen, sieht Freunde und nimmt am Ausflug seiner Klasse teil. Die „Chance²“ ist für ihn im Moment der Ort, der ihm die Chance eröffnet, zu lernen, sich zu konzentrieren.
„Wir freuen uns über jeden, der seinen Weg erfolgreich geht“, fasst Chris Hummel die Motivation zusammen. Die zwei Jungs jedenfalls sind sich sicher, diese Herausforderungen zu meistern.