Beim Großen Preis von Italien kamen sich Lewis Hamilton (unten) und Max Verstappen heftig ins Gehege. Foto: imago/PanoramiC

In der Formel 1 kommt es nicht nur auf das Können der Fahrer Lewis Hamilton und Max Verstappen an, auch die richtige Strategie entscheidet über Sieg und Niederlage – und dabei geht es nicht nur um die bestmögliche Taktik auf der Rennstrecke.

Stuttgart - In der Formel 1 gönnen sich Kontrahenten im Kampf um den Titel nichts, nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln. Nachgeben ist keine Option, das haben Regent Lewis Hamilton und Revoluzzer Max Verstappen nicht nur in Silverstone und Monza bewiesen, als sich ihre Autos so nahe kamen, dass die Karbonteile flogen. Entweder ich oder keiner, lautet die Maxime des Niederländers, wenn’s mal eng wird. „Das ist sein Naturell, und die anderen wissen das“, sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner über den 24-Jährigen, und Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff warnt die Konkurrenz im Bullenstall: „Lewis hat entschieden, nicht mehr zurückzuziehen, wenn er der Meinung ist, dass die Kurve ihm gehört.“

 

Die Pflöcke sind gesetzt vor dem Großen Preis der USA in Austin an diesem Sonntag (21 Uhr). Im Duell um die Krone ist aber nicht allein das Pilotenkönnen entscheidend, ohne die Boxencrew sind die Fahrer auf der Strecke mitunter überfordert wie ein Achtjähriger am Steuer eines VW Golf vor der Garageneinfahrt. In der Türkei versemmelte Hamilton eine bessere Platzierung als Rang fünf, weil sich Fahrer und Team uneins waren, welche Reifentaktik die beste sei. Rennstrategie ist ein verzwicktes Metier, weil eben nicht alles kalkulierbar ist. „Es kommt darauf an“, sagt Toto Wolff, „das Beste aus deinen Chancen zu machen – so kannst du gewinnen, wenn der Gegner eigentlich schneller ist.“

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Die Rennstrategie ist einer der wichtigsten Schlüssel zum Erfolg, sie ist mehr, als den Fahrer mit den Worten „Box, Box, Box“ zum Reifenwechsel zu rufen und die richtigen Gummis aufzuziehen. Diese Entscheidungen sind essenziell, sie sind aber nur die Spitze des Eisberges, denn die ersten Strategieüberlegungen beginnen, lange bevor beim Grand Prix die roten Lichter erlöschen.

Wochen vor dem Rennen Die Strategen denken weit voraus, sie nutzen alle verfügbaren Daten, um ein Bild von möglichen Szenarien und deren Auswirkungen zu erhalten. Nach jedem Rennen werden bei Mercedes die Systeme mit vielen Gigabytes von neuen Daten aktualisiert, um die Analysen für die folgenden Rennen mit frischen Informationen zu bewerten. Angefangen von Erkenntnissen über Wettermuster über detailreiche Erfahrungen vom letzten Besuch auf der Strecke bis hin zu Reifeneigenheiten und was das Team seit vergangener Saison dazugelernt hat. Gleichzeitig werden die Leistungsmuster der Autos sowie die Streckenentwicklung analysiert. Auf Basis dieser Vorbereitung legt die Truppe um Chefstratege James Vowles fest, was man von dem Silberpfeil, den Gegnern und den Reifen erwartet.

Mit Beginn des Rennwochenendes Im Freitagstraining konzentrieren sich die Strategen auf die Reifen, wie sie sich verhalten und wie lange sie welche Haftung besitzen. Dabei werden auch die Konkurrenten beobachtet, wie deren Autos mit den Bedingungen zurechtkommen. Das Team sammelt und sondiert Rundenzeiten, GPS- und Reifendaten. Das Ziel: einen Plan fürs Qualifying aufstellen. Die wichtigste Entscheidung ist jedoch, auf welchem Reifen die Fahrer das Rennen beginnen werden – die Frage muss vor dem dritten Training beantwortet sein.

Am Grand-Prix-Samstag Am Vormittag werden die Pläne fürs Qualifying konkretisiert: Welche Reifen kommen zum Einsatz? Wann verlässt welcher Fahrer die Box? Wie sieht es mit Windschatten aus? Es werden Benzinmenge und Rundenzahl festgelegt, die Vorgaben werden während des Qualifyings mit neuen Informationen wie Streckenbeschaffenheit, Leistung der Konkurrenz und dem Verhalten der Reifenmischungen stets aktualisiert und verfeinert.

Im Rennen Sekündlich laufen Daten in die Hochleistungsrechner ein, die Strategie wird permanent mit diesen Werten abgeglichen – sollte sich ein Parameter stark ändern, etwa das Wetter oder eine Saftey-Car-Phase, wird diskutiert. Die Strategen sprechen sich ab und entscheiden neu – aber selbst bei perfekter Vorbereitung und Planung ist es unvermeidlich, dass Entschlüsse mitunter ziemlich spontan getroffen werden müssen. Dabei kann man auch mal etwas mehr danebenliegen.

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Die Renntaktik ist ein Erfolgsfaktor, für manche sind auch Psychospielchen ein Mittel der Strategie, um sich Vorteile zu verschaffen. Red Bull und Mercedes lassen wenig Gelegenheiten aus, um den andern aus der Balance zu bringen. Mal wird behauptet, technische Entwicklungen seien nicht legal, was von den Regelhütern aufwendig überprüft werden muss, mal werden mutmaßlich illegale Aktionen auf der Piste (Überholen bei Gelb) bei den Kommissaren angezeigt, um Unruhe im anderen Lager zu erzeugen. Wenn man die Strategie extrem auslegt, gehört gar ein kalkulierter Unfall dazu. Renault nötigte Nelson Piquet jr. 2008 in Singapur zu einem Crash, damit Fernando Alonso durch die Safety-Car-Phase zum Sieg gespült wurde.