Susanne Seyfried, Lerntherapeutin aus Schwenningen, kennt man jetzt auch im fernen China. Ein Jahr lang leitete sie dort ein Online-Seminar für deutsche Lehrer an der "British School of Beijing" zum Thema Legasthenie und Dyskalkulie.
Villingen-Schwenningen - Kindern mit Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche zu helfen, das hat sich die 43-Jährige zur Aufgabe gemacht, seit sie mit ihrer Tochter am eigenen Leib erfuhr, wie wenig Unterstützung man hierzulande bei derlei Schulproblemen bekommt.
Früher Managerin, jetzt Lerntherapeutin
Die einstige Managerin in einem Großunternehmen wandte sich einem zweiten Beruf zu und wurde selbst Lerntherapeutin. In wenigen Wochen, so der Plan, wird sie ihr Masterstudium in Integrativer Lerntherapie abgeschlossen haben.
Intensiv und erfolgreich therapeutisch tätig ist Susanne Seyfried schon seit rund drei Jahren, hat mittlerweile eine Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern initiiert und ist an der Friedenschule tätig. Zwar nicht, wie eigentlich gewünscht, als Lerntherapeutin, aber dazu später mehr.
Eltern aus ganz Deutschland melden sich
Nach Ausbruch der Coronapandemie und der nicht mehr möglichen Präsenzveranstaltungen bot sie im Sommer 2020 kostenlose Online-Seminare an. "Einfach so, weil es mit wichtig ist, Wissen zu LRS und Dyskalkulie in die Welt zu bringen". Damit wollte sie eigentlich vor allem Eltern vor Ort erreichen. Doch verrückt: auf ihr Angebot meldeten sich Eltern und Lehrer aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland.
Eine deutsche Lehrerin schaltete sich aus China zu – wegen der Zeitverschiebung war das bei ihr mitten in der Nacht – und war so begeistert, dass die Anfrage nach einer (bezahlten) Fortbildung für eine Lehrergruppe an einer britisch-deutschen Auslandsschule in Shunyi, einem Stadtteil von Peking, folgte. Obwohl sich die Rechnungsstellung als äußerst kompliziert erwies, waren irgendwann alle bürokratischen Hürden überwunden und es wurde "ein wundervoller Austausch auf Augenhöhe und mehr als eine gewöhnliche Fortbildung", sagt Susanne Seyfried im Rückblick.
Einblick in eine ganz andere Welt
Sie erhielt Einblick in eine ganz andere Welt und eine Privatschule, in der maximal 19 Schüler eine Klasse bilden, sich neben dem Klassenlehrer ein "Teacher Assistent" kümmert mit eigenem Ermessensspielraum in Bezug auf individuelle Förderung und Nachteilsausgleich. Ganz so, wie es sich die Lerntherapeutin auch für das deutsche Bildungssystem wünscht. Deshalb sagt sie auch: "Lerntherapeuten gehören an die Schulen".
Seit Jahren fordere auch die Lehrergewerkschaft GEW "multiprofessionelle Teams". Davon allerdings sei man hier noch weit entfernt und wenn, dann erhalten die pädagogischen Spezialisten nur befristete und zudem schlecht bezahlte Engagements. Sie selbst sei an der Friedenschule auch nur zu einem winzigen Teil als Therapeutin, sondern eher als Fachlehrerin und im Vertretungsunterricht tätig. Zeit für besondere Förderungen bleibe da leider nicht, bedauert sie.
Auch in der Schülerzeitung der Pekinger Schule fand Susanne Seyfrieds Einsatz Erwähnung. Auf Englisch und per Messengerdienst wurde sie interviewt und unter anderem auch gefragt, was wohl alle Schüler dieser Welt über ihre Lehrer wissen wollen: "Waren Ihre Schüler aufmerksam oder frech?"