Seit 15 Jahren liebt Frank Riedinger aus Fridingen an der Donau Land und Leute in der Mongolei. Und kann einen koreanischen Spruch mit ganzem Herzen bejahen: „Wenn du nicht in der Mongolei gewesen bist, dann hast du nicht gelebt!“
Als ich Frank Riedinger besuche, trete ich mit dem linken Fuß zuerst in seine „Jurte“, also sein Haus in Fridingen, ein, berühre die Schwelle und wende mich dann gleich nach rechts. Das sind nach mongolischen Maßstäben gleich drei Dinge, die mir niemals hätten unterlaufen dürfen. Frank Riedinger lacht. „Wenn du in eine Jurte gehst, darfst du auf keinen Fall die Schwelle berühren, sondern du musst mit dem rechten Fuß voraus in die Jurte.“ Alles andere bringt Pech – dem Gast und dem Gastgeber.
Links abbiegen!
Die Jurte ist immer gleich eingeteilt. Der Eingang ist immer in südlicher Richtung, und gegenüber liegt der Ehrenplatz, der dem Familienoberhaupt vorbehalten ist. Daneben oder auf der linken Seite sitzen die Gäste. „Rechts vom Eingang sind die Frauenseite und die Küche“, erläutert Frank Riedinger, „da hat man als Gast nichts verloren!“ Gemerkt: In der Jurte geht es immer linksrum im Uhrzeigersinn! An der Stirnseite der Jurte befindet sich auch der buddhistische Hausaltar. Und tatsächlich entdecke ich in der Fridinger „Haus-Jurte“ ebenfalls einen solchen kleinen liebevoll zusammengestellten Platz. Daneben ist allerdings kein Ehrenplatz, Frank Riedinger setzt sich gegenüber dem Altar. Ich suche mir meinen Platz aber dennoch lieber auf der linken Seite des Tisches. Ich will ja die Gastfreundschaft nicht beleidigen.
Am Anfang steht der Wochenkalender
Angefangen hat Frank Riedingers Liebe zur Mongolei im Jahr 2007. „Ich war immer als Fotograf unterwegs und habe an diverse Bildagenturen Bilder verkauft“, berichtet der gelernte Offsetdrucker, „nicht viele, aber immer wieder welche – für Verlage, die Jahreskalender gemacht haben. Für einen Wochenkalender braucht man 52 Bilder zu einem bestimmten Thema, und ich war da teilweise in Schottland, Island, Irland unterwegs; da habe ich noch manuell fotografiert und immer mal wieder Bilder verkauft.“ Das war Ende der 90er-Jahre. Der Vorteil für die Verlage, Frank Riedinger zu buchen, lag auf der Hand: Da er aus dem Druckgewerbe kam, eine Reproausbildung hatte und seine Bilder im Trommelscanner selber einscannen konnte, hatte der Verlag wenig Arbeit (und Kosten) mit den wunderschönen Fotografien.
Blick nach Asien
„In der Ausbildung habe ich auch eine Fotografie-Ausbildung genossen. Reprograf/Fotograf ist ja ähnlich. Es war aber grundsätzlich Hobby, ist jetzt aber auch zum Glück zum Beruf geworden“, erklärt Frank Riedinger seinen Bezug zur Kamera. Über die Bildagenturen, die Fotos für die Wochenkalender einsammelten, kam der Kontakt zu Verlagen zustande, die Frank Riedinger direkt ihre Wünsche mitteilten. Einer dieser Kontakte war der Hamburger Detjen-Verlag. Der hatte sich auf Südostasien spezialisiert und suchte nach exotischen Themen wie „Die Alpen Tibets“ oder „Wutai-shan: Mittelpunkt des chinesischen Buddhismus.“ Schnell war vereinbart, dass es ein Buch über die Mongolei werden sollte. „Die haben da aber erst mal keinen Ansatz gesehen und haben mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, als Fotograf da Bilder zu machen. Ich war sofort begeistert und habe Ja gesagt.“ Da wusste Frank Riedinger noch nicht, dass diese Entscheidung seinem Leben eine ganz neue Wendung geben sollte.
Horror aus dem Reisebüro
2007 fuhr er auf eigene Faust los, ganz normal organisiert über ein Reisebüro. Etwas, was er heute nicht mehr machen würde und weshalb er und seine mongolische Frau Odmaa Duuvaa, die er auf einer seiner vielen Reisen in die Mongolei kennengelernt hat, heute gemeinsam mit Odmaas Bruder Khashaa eine eigene Reiseagentur gegründet hat: Odkha Travel. Da bietet das Trio individuelle Touren an, auch ganz nach den Wünschen der Gäste. In Frank Riedingers Kopf sind die Horrorszenen gespeichert, wenn ein Anbieter „mit drei Autos 20 Leute zu einem Nomadenzelt fährt, die dort einfallen, wie ein Heuschreckenschwarm alles leer fressen, alles noch so Heilige betatschen, hier rumfummeln, da rumfummeln, in der Küche rumfummeln und nach zwei Stunden wieder weiterfahren. Da habe ich gesagt: So nicht!“
Reisen auf mongolisch
Odmaa, Khashaa und Frank bieten Reisen für maximal sechs Personen an, eher zwei bis vier, die „nachhaltig und wertschätzend“ geplant werden. „Wenn wir zu einem Nomaden kommen, bleiben wir nicht zwei Stunden, sondern bei dem übernachten wir auch und bezahlen ihn adäquat für das, was er geleistet hat.“ Das fängt beim Ankommen an – nicht holterdipolter die Schwelle betreten und gleich mal rechtsrum ins Private eintauchen! Asche auf mein Haupt. „Es geht auch um die Zeit“, berichtet Frank Riedinger, „das ist eine Art der Höflichkeit. Die Gastfreundschaft der Mongolen ist unbeschreiblich, das muss man erlebt haben. Der Anstand der Gastfreundschaft gegenüber ist auch, dass man sich Zeit nimmt für die Zeit, die man mit ihnen verbringt.“
Die Anwärmphase
Es gibt bestimmte Rituale, die die Besucherin oder der Besucher einhalten muss. „Du setzt dich hin, kommst erst mal an. Das heißt warten, ein bisschen miteinander reden. Und dann gibt‘s Tee.“ Das ist zwar keine Teezeremonie wie in Japan, „aber du bekommst halt auch deinen Milchtee“. Gekocht wird der aus Schwarzem Tee, Wasser, Milch und einer Prise Salz. Dazu wird Boortsog gereicht, „ein spezielles Gebäck aus frittiertem Teig, das die Mongolen fast immer essen“, wie Frank Riedinger berichtet. „Das ist so die Anwärmphase. Das kann mal ein, zwei Stunden gehen. Wenn wir in der Jurte übernachten, dann bleibt man bei der Familie und nimmt sich die Zeit, die man braucht. Die Familie hat ja immer Arbeit, bis nachts. Da ist immer halligalli.“ Sich um die Tiere kümmern, die Ziegen melken, Kaschmir aus den Ziegen kämmen, die Pferde pflegen, im Sommer die Stuten melken – „da können sich unsere Reisenden beteiligen, wenn sie wollen“, erklärt Frank Riedinger, was er meint, wenn er sagt: „Das Ziel ist, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen.“
Die Katastrophe
Von diesem Wissen war Frank Riedinger auf seiner ersten Reise noch weit entfernt. Im Winter 2007/2008 machte er sich auf den Weg und brachte Tausende fantastische, bezaubernde, beeindruckende Fotos mit. „Ich war schon beim ersten Kontakt fasziniert. Nach der ersten Reise habe ich dem Verlag die Bilder gezeigt, die waren begeistert und haben gesagt: ›Weitermachen!‹ Und das habe ich gemacht.“ Zwar kann man mit einem Bildband kein Geld verdienen, „aber für mich war es ein Stück weit was fürs Renommee“. Mit seinen beiden Bildbänden „Mongolei – Gesichter eines Landes“ (2013) und „Die letzten Nomaden der Mongolei“ (2017) hat er jeweils den renommierten ITB-Bookaward gewonnen. Der erste Bildband 2013? Wenn er doch schon 2007 im „Auftrag“ (“die Reisen durfte ich schon selbst bezahlen“) des Detjen-Verlags in die Mongolei gereist ist? Und im Sommer 2008 gleich noch mal, um beide Jahreszeiten abzubilden? „Tja. 2009 kam die Hiobsbotschaft, die kommen musste: Der Verlag ist bankrott. Bildbände laufen heute nicht mehr. Und dann stand ich da. Und ich habe mich gefragt: ›Was machst du jetzt?‹ Ich hatte einen Haufen Bilder, Interesse am Land. Aber keinen Abnehmer mehr.“
Selbst ist der Mann
Da Frank Riedinger aus der Drucktechnik kommt, sagte er sich kurz entschlossen: „Ich mach das Buch selbst.“ Er konnte ja alles selber machen: Bildbearbeitung, Layout, Text – nur der Druck, der musste finanziert werden. „Ich habe dann Gott sei Dank in Schwenningen einen Sponsor gefunden, der hat 12.000 Euro auf den Tisch gepackt und mir das Ding finanziert.“ Für den Sponsor, der private Kontakte in die Mongolei hatte, war das Buch die gleiche Herzensangelegenheit wie für Frank Riedinger. „Wir haben 1.500 Bücher produziert, die sind mittlerweile verkauft.“ Im Selbstvertrieb logischerweise. Durch das Buch wurde National Geographic auf Frank Riedinger aufmerksam. So entstand das zweite Buch. Auflage diesmal: 3.000. Nach einer gewissen Zeit sind die Restbestände allerdings vom Verlag abgestoßen worden. Frank Riedinger selber hat noch 500 Stück, die er bei seinen Vortragsreisen verkauft – wenn sie nach Corona wieder stattfinden.
Der Total-Lockdown
Denn sowohl für seine Vorträge als auch für die Reiseagentur seiner Frau war Corona der Total-Lockdown. In diesem Jahr stehen bisher vier Reisen im Plan. „Toi, toi, toi, dass das so bleibt“, sagt Frank Riedinger. Aber vielleicht bleibt es ja auch nicht so, sondern wird noch mehr: Interessenten können sich gerne bei ihm melden. Unter odkha-travel.de gibt es spannende Informationen zu der Möglichkeit, sich selbst eine Traumreise in das zentralasiatische Land zusammenzustellen.
Eine andere Welt
Diejenigen, die sich mit solchen Kleingruppen auf die Reise machen, sind meist total begeistert. Frank Riedinger berichtet, dass das eine von zwei möglichen Reaktionen ist. Die andere: „Nein, das ist überhaupt nichts für mich!“ Er erklärt: „Das ist einfach eine ganz andere Welt – aus unserer europäischen Sicht. Das Land ist viereinhalbmal so groß wie Deutschland, und da leben gerade einmal so viele Einwohner wie bei uns im Kern Berlins, nämlich drei Millionen. Wenn du da im Winter unterwegs bist, triffst du manchmal tagelang nur Kamele oder Ziegen oder zwischendurch mal einen Nomaden. Das sind Eindrücke, die machen etwas mit einem, wenn man das erlebt.“
Hilfe für die Armen
Vor allem auch die Armut. Schon auf seiner ersten Reise traf Frank Riedinger einen Mongolen, dessen dreijährige Tochter einen – in der Mongolei – irreparablen Hirntumor hatte. Zurück in Deutschland, setzte Frank Riedinger alle Hebel in Bewegung, und gemeinsam mit dem damaligen ersten Bürgermeister von Tuttlingen, Emil Buschle, schaffte er es, in zwei Wochen 50.000 Euro einzusammeln. Die Operation war gesichert. Und nachdem die Eltern überzeugt worden waren, dass der Schamane allein nicht die notwendige Hilfe bringt, lebt die damals Dreijährige gesund und zufrieden heute noch.
Die kälteste Hauptstadt der Welt
Frank Riedinger ließ das Thema Armut nicht los. „Ulaanbaatar ist die kälteste Hauptstadt der Welt“, berichtet er, „und natürlich gibt es wie in jeder Stadt Obdachlose.“ Um überleben zu können, gehen die in den Untergrund, in die Wärmeverteilschächte, die von den Kohle-Heizkraftwerken an die Häuserblocks führen. „Ich bin da auch mehrfach runtergestiegen“, berichtet Frank Riedinger. „Es liegt nicht unbedingt in meiner Natur, dass ich einen Drang hätte, mich sozial zu engagieren“, gibt er zu, „aber wenn du da unten stehst, dann kannst du nicht anders, wenn du ein bisschen Empathie hast. Das ist dramatisch. Das kann man gar nicht beschreiben.“ So gründete er mit seiner Frau einen Hilfsverein. Die Homepage mongolia-help.org bietet einen Einblick in die Arbeit und die Schicksale kranker Kinder.
Wahrsager, Priester, Arzt, Psychologe: der Schamane
Wenn Mongolen Probleme haben, gehen sie zum Schamanen. „Das ist ein Thema, das für uns ein wenig verschlossen bleibt“, sagt Frank Riedinger, während er von Schamanen-Kliniken in Burjatien berichtet. Burjatien ist eine autonome russische Republik, die an die Mongolei grenzt, aber mit dem Nachbarn die kulturellen Werte teilt. „Schmanismus bedeutet für die Mongolen alles. Das ist die kulturelle Stütze. Der Schamane ist Wahrsager, Priester, Arzt, Psychiater – alles in einer Person. Wenn du ein Problem hast, dann gehst du zum Schamanen, und der richtet das.“ Seine Frau Odmaa bildet da keine Ausnahme. „Damit habe ich mich am Anfang schwergetan“, gibt Frank Riedinger zu, der sich als jemanden bezeichnet, der „nicht auf so etwas Zwischengeistiges“ anspricht. Zahlen, Fakten, Schulmedizin. Aber: „Mittlerweile habe ich verstanden, dass es da wirklich etwas gibt, was man nicht erklären kann, das aber funktioniert.“ Er hat dafür ein eindrückliches Bild gefunden: „Mit ist klar geworden, dass es da oben (er deutet auf den Kopf) viele Schalter gibt. Bei jedem kann man die Schalter umlegen – aber auf unterschiedliche Art und Weise. Der eine spricht auf die Schulmedizin an, beim anderen legt sich der Schalter bei alternativen Methoden um.“ So wie bei der Schamanensitzung.
Rentierzucht & Adlerjagd
Frank Riedinger schwärmt genauso wie seine Frau Odmaa, die in Nicht-Corona-Zeiten sechs Monate im Jahr zur Betreuung der Reisenden in ihrem Heimatland verbringt, dass man bei einer Reise durch die Mongolei drei Kulturen kennenlernen kann. Die mongolische, die kasachische und die Tuwa-Kultur im Norden. Die Tuwa in der Taiga – „das sind Rentierzüchter, das letzte Urvolk der Mongolei“. Die Tuwa leben nicht in Jurten, sondern in Tipis und haben keine Ziegen, keine Schafe, nur Rentiere. Selbst für die Mongolen sind die Tuwa „ein bisschen exotisch. Kaum ein Mongole hat schon gesehen, wie die Tuwa leben.“ Neben den ganz besonderen Beziehungen, die Frank Riedinger zu den Tuwa aufgebaut hat, begleiten ihn von Beginn an die Kasachen im Westen, die Adlerjäger, zu deren Adlerfest seit zehn Jahren jedesmal eine spezielle Fotoreise organisiert wird. Wenn die Männer und Frauen mit dem Steinadler zur Jagd gehen, ist das ein faszinierendes Erlebnis – für Jägerinnen, Jäger, Besucherinnen und Besucher. Die Jägerin Aisholpan, die ihren Steinadler schon als Küken betreute, hat von ihrem Großvater die Jagdtechnik beigebracht bekommen und hat mit 13 Jahren die Siegerprämie beim Adlerfest gewonnen. Und Frank Riedinger war dabei.
Bayartai!
Jetzt freut er sich auf die Nach-Corona-Zeit und dass er endlich wieder mit seinen mongolischen, kasachischen und tuwinischen Freunden Zeit verbringen kann. Beim Abschied achte ich darauf, nicht wieder auf die Schwelle zu treten. Darf ich beim Rausgehen den linken Fuß zuerst benutzen? Ich habe noch viel zu lernen und zu entdecken. Bayartai. Auf Wiedersehen. Möglichst bald. Und vielleicht 6.400 Kilometer weiter östlich.
Zur Person
Frank Riedinger ist 53 Jahre alt und wohnt in Fridingen an der Donau, wenn er nicht gerade in der Mongolei unterwegs ist. Nach seiner Ausbildung zum Offsetdrucker arbeitete er als Drucktechniker mit dem Schwerpunkt Reprographie. Von seinen zwei großen Hobbys reichte es als Handballer nicht ganz zum Profi, dafür hat der Vater zweier Kinder die Fotografie mittlerweile „Gott sei Dank“ zum Beruf gemacht.
Das Buch
Die letzten Nomaden der Mongolei
Frank Riedinger taucht ein in eine Welt zwischen Tradition und Moderne. Der Mongolei-Experte begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch das faszinierende und kontrastreiche Land. Er schlittert über dünnes See-Eis, durchquert die winterliche Gobi, um ein rasantes Kamelrennen zu erleben, geht mit den Adlerjägern auf Pirsch, wohnt dem spektakulären Naadam bei, dem größten Volksfest des Landes, und zieht mit 40 Tellern Suppe durch Ulgii – und führt den Leser und die Leserin dabei mitten ins Herz der Mongolei.
Zu beziehen über odkha-travel.de
Die Legende vom Felsen Taikhar Chuluu
Im Arkhangai-Aimag lebten in dem Gebiet rund um den heutigen Sum Ikh Tamir vor langer, langer Zeit sehr viele Nomaden. Sie führten ein glückliches Leben, bis eines Tages eine große Schlange kam und Unheil brachte. Die Schlange wollte alle Einwohner und Tiere der Gegend auffressen. Die Menschen setzten sich zur Wehr, aber alle Bemühungen nutzten nichts. Schon bald bedrohte die Schlange das ganze Gebiet.
Eines Tages kam ein starker Ringkämpfer, der einen sehr großen Stein auf dem Rücken trug. Fest entschlossen, den Nomaden zu helfen, warf er den Felsblock auf die Schlange und begrub sie für immer darunter. Seit dieser Zeit leben die Nomaden des Gebiets wieder in Frieden. Der Taikhar Chuluu genannte Fels steht bis heute bei Ikh Tamir. Und bis heute ist es ein Rätsel, wie der mächtige Fels in die Steppe gekommen ist.
Odmaa Riedinger über Schamanismus
Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Sichtweisen beziehungsweise Meinungen zum Schamanismus auf der Welt. Die einen nennen ihn eine Religion. Die anderen lehnen dies kategorisch ab. Für mich als Mongolin hat der Schamanismus natürlich den Stellenwert einer Religion – und zwar neben dem Buddhismus, der in der Mongolei vorherrscht. Der mongolische Buddhismus ist stark vom Schamanismus beeinflusst.
Die ursprüngliche Religion der Mongolen ist und bleibt der Schamanismus. Darin wird der ewig blaue Himmel der Mongolei (sie gilt weltweit als das Land mit den meisten Sonnenstunden; so wird sie auf Englisch auch mit dem Synonym ›Land under Blue Sky‹ beschrieben), die Natur selbst und die eigenen Vorfahren verehrt und geehrt. Schamanismus ist eine Naturreligion. Wir Mongolen sind sehr naturverbunden und haben dadurch einen leichten Zugang zum Schamanismus. Auch die Geister der Natur sollen geachtet und geehrt werden.
Unter dem großen Mongolenführer Dschinggis Khaan war der Schamanismus Staatsreligion. Seit dem 16., 17. und 18 Jahrhundert bekam der Buddhismus im Land größere Beachtung. Dennoch hat sich der Schamanismus gehalten. Er ist in unserer Kultur stark verwurzelt. Das Wesen des Schamanismus besagt, solange man nachhaltig, ehrenvoll und hochachtungsvoll mit der Natur und den Menschen umgeht und sich dabei immer für sein Schicksal bedankt, wird einem nichts Schreckliches im Leben passieren.
Nach dem Untergang des sozialistischen Regimes im Land bekam der Schamanismus wieder starken Zuspruch, war er doch während langer Zeit wie der Buddhismus im Land verboten. Wenn wir einen Rat zu einem speziellen Thema brauchen, ist es für uns Mongolen selbstverständlich, sich bei einem Schamanen in einer Sitzung beraten zu lassen.“
Mehr Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Waldrausch-Magazins.
