Ein bisschen Kinderbuchromantik, ein bisschen Elite und Harry Potter – mit Internaten sind allerlei Bilder und Klischees verknüpft. Vier Schüler aus Baden-Württemberg erzählen uns von ihrem Leben im Internat.
Die guten Kinderbuchgeschichten, sie spielten oft in Internaten. Oder Harry Potter, der Zauberlehrling, der auch nicht in seinem Heimatdorf zur Schule ging. Und es gibt natürlich die großen Hollywood-Filme mit den (vernachlässigten) Sprösslingen der Elite, die dort das wahre Leben kennenlernen.
Lässt man all die Romantik und die Klischees ein bisschen außer Acht, bleiben Kinder und Jugendliche, die eine andere Form des Alltags und der Bildung genießen.
Wir haben Schülern und Schülerinnen aus Baden-Württemberg über ihr Leben auf dem Internat gesprochen, über die Herausforderungen und auch über den Spaß.
Marius Hefner, 19 Jahre, Merz-Schule Stuttgart: „Plötzlich ganz viele Geschwister“
Als ich 13 war, haben mich meine Eltern gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, auf ein Internat zu gehen. Sie hatten jobbedingt nicht so viel Zeit, und ich war neugierig, es mal auszuprobieren. Ich bin Einzelkind und hatte mir immer Geschwister gewünscht. Im Internat bekam ich dann plötzlich ganz viele, es war immer etwas los. Aber natürlich gibt es dann auch mal Streit, und es ist manchmal schwierig, sich zurückzuziehen und für sich zu sein, gerade wenn man kein Einzelzimmer hat. Daran muss man sich schon gewöhnen.
Die letzten zwei Jahre war ich auch Internatssprecher und konnte mich so stark für die Interessen von uns Schülern einsetzen, zwischen Schülern oder zwischen Lehrern und Schülern vermitteln. Es ist schön, wenn man eine solche Verantwortung übernehmen darf. Wir sind hier ja eine Eliteschule des Sports, weshalb ich auch immer Mitschüler hatte, die Leistungssportler sind – im Kader für Olympia oder so. Sie werden darin unterstützt, dass die das alles mit der Schule unter einen Hut bekommen, das finde ich gut. Ich selbst habe lang Fußball gespielt, dann Kickboxen gemacht. Die zwei Jahre vor dem Abi hat mir dazu dann aber leider die Zeit gefehlt.
Jetzt bin ich mit der Schule fertig, und mein Auszug aus dem Internat steht bevor. Ich bin mir sicher, das wird nach so einer langen Zeit schon komisch werden ohne all die vertrauten Leute um einen herum. Aber ich werde erst einmal zu meinen Eltern nach Karlsruhe ziehen, und zwar mit meiner Freundin zusammen – es wartet also schon eine neue, schöne Zeit auf mich.
Theresa Lenz, 15 Jahre, Kolleg St. Blasien: „Schon mein Vater war auf dem Internat“
Schon mein Vater und meine Tante waren früher hier auf dem Internat. Die haben mir immer so tolle Geschichten erzählt von ihrer Schulzeit, da wusste ich früh: Das will ich auch. Wir sind eine katholische Familie, deshalb gefällt es mir auch, dass die Kirche an der Schule eine wichtige Rolle spielt. Am Sonntag treffen sich beispielsweise alle Schüler morgens zum Gottesdienst im Dom und ziehen sich auch so an, wie man eben in eine Kirche geht. Ich genieße die Stimmung dort sehr, alle kommen gemeinsam zur Ruhe.
Was für mich schon eine sehr große Umstellung war, war die Trennung von meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern. Mit denen habe ich früher sehr viel Zeit verbracht. Früher hatte ich dreimal in der Woche nachmittags Unterricht. Das gibt es hier bis zur 9. Klasse nicht, weil wir auch am Samstag Schule haben. So bleibt mir jetzt mehr Zeit, unter der Woche noch Hobbys zu haben. Ich habe mit Hockey angefangen, spiele Klavier und Flöte.
Und weil wir von 16 bis 18 Uhr alle zusammen Studienzeit haben, habe ich auch nicht mehr das Gefühl, etwas zu verpassen, solange ich meine Hausaufgaben mache oder lerne, weil ich weiß: Alle meine Freunde sitzen ja auch mit mir hier, und wir lernen auch oft in Gruppen. Diese Struktur tut mir sehr gut.
Karlotta König, 17 Jahre, musisches Internat Martinihaus, Rottenburg am Neckar: „Wie in einer riesigen Familie“
Da meine Mutter gestorben ist, bin ich vor zwei Jahren ins Martinihaus gezogen, zusammen mit meiner fünf Jahre jüngeren Schwester. Das Besondere an unserem Internat ist, dass wir alle auf öffentliche Schulen in Rottenburg gehen. Nachmittags haben wir dann eine gemeinsame Lernzeit mit Betreuung. Und es gibt auch die Möglichkeit, Nachhilfe bei Nachhilfelehrern oder bei Studenten zu nehmen.
Wir haben ein sehr freundliches Umfeld hier mit derzeit 23 Internatsschülern zwischen 11 und 18 Jahren. Wir kennen uns untereinander sehr gut und leben mit den Betreuern zusammen wie in einer riesigen Familie.
In unserer Freizeit können wir uns beispielsweise auf dem Outdoor-Spielplatz, in der Turnhalle oder im Fitnessraum bewegen. Ich singe gern im Chor zusammen mit Freunden oder auch solo. Dafür übe ich wöchentlich in der Stimmbildung. Außerdem gehe ich gerne in die Koch- und Back-AG, bastle, male oder nähe. Abends treffen wir uns dann in der Hauskapelle zu einem Abendimpuls.
Madita Knäbel, 17 Jahre, Internat Schloss Salem: „Der Umgang ist viel persönlicher“
Bis zur 9. Klasse war ich auf einer ganz normalen Schule in Konstanz. Die meisten meiner Mitschüler haben in den umliegenden Dörfern gewohnt, nachmittags hatte man da nicht mehr so viel Kontakt untereinander. Mir hat eine engere Gemeinschaft gefehlt. Als mein älterer Bruder sich dann dafür entschieden hat, ins Internat zu gehen, habe ich gesehen: Dort gibt es genau so ein Miteinander. Das wollte ich auch.
Früher waren in meiner Klasse 30 Schüler, jetzt sind wir noch maximal 17, da ist der Umgang viel persönlicher, auch mit den Lehrern. Bis zur 10. Klasse teilen wir uns in Salem zu dritt ein Zimmer, und wenn man jeden Abend zusammen Zähne putzt, lernt man sich natürlich nochmals ganz anders kennen. Die Coronazeit hat uns dann sowieso sehr eng zusammengeschweißt, da war ich wirklich froh, nicht wie so viele andere allein im Homeschooling zu sein, sondern hier, mit allen anderen.
Was mir auch an meinem Internatsleben gefällt, ist, dass wir an der Schule 42 verschiedene Nationen haben. Für uns ist es ganz normal, auf den Fluren Englisch miteinander zu sprechen. So lernt man die Sprache ganz nebenbei im Alltag, das ist super. Obwohl ich nur eine gute Stunde von meinem Elternhaus entfernt wohne, bleibe ich auch an den Wochenenden meist im Internat bei meinen Freunden. Wegen den vielen internationalen Schüler haben wir auch samstags Unterricht und dafür dann längere Ferien. Die verbringe ich dann gern zu Hause.
Info
Schwerpunkte
In Deutschland gibt es mehr als 300 verschiedene Internate, viele davon pflegen einen Schwerpunkt wie etwa Sport, Musik, Kunst, Hochbegabung.
Motive
Neben diesen Schwerpunkten nennen Eltern wie Schüler häufig die kleineren Klassen, Über- oder Unterforderung, die Gemeinschaft vor Ort, Selbstständigwerden sowie eine allgemeine Unzufriedenheit mit öffentlichen Schulen als Gründe für einen Internatsbesuch, erzählt Janka Zöller, Geschäftsführerin von „Töchter und Söhne“, einer Agentur, die Eltern zum Thema Internate berät.
Kosten
Darin unterscheiden sich die Internate stark. So gibt es einige staatliche Internate, bei denen 500 Euro im Monat anfallen. Für die größte Zahl der privat getragenen Internate werden „Töchter und Söhne“ zufolge etwa zwischen 1500 und 4000 Euro im Monat fällig. Die günstigeren Internate sind meist in kirchlicher Trägerschaft und werden über die bischöflichen Diözesen oder die Landeskirchen finanziell unterstützt.
Stipendien
Weil fast alle Internate gemeinnützig sind, haben nahezu alle Häuser Stipendien- und Nachlassprogramme, mit denen sich die anfallenden Gebühren teils deutlich reduzieren lassen. Neben den von den Internaten selbst angebotenen Stipendien und Nachlässen gibt es mit der Dornier-Stiftung, der Neumayer-Stiftung und dem Verein plus-MINT drei Organisationen, über die man sich auf Stipendien an Internatsschulen bewerben kann. Soll ein Internat mit einem anerkannten Fächerangebot besucht werden, das es am Heimatort nicht gibt, so besteht auch die Möglichkeit, Schüler-Bafög zu erhalten.