Von der Coach aufs Pferd: Die Familie Walterspacher (Luc, links und Dirk, rechts) lebt für den Kunstturn-Sport. Foto: Harry Rubner

Bei Legende Dirk Walterspacher und seiner Familie dreht sich alles um Kunstturnen. Daher gibt es in der Wohnung ungewöhnliche Einrichtungsgegenstände zu bestaunen.

„Darf ich noch kurz aufs Pferd?“ hallt es zu vorgerückter Stunde durch die Wohnung der Familie Walterspacher in Pforzheim. Was undenkbar scheint, ist bei den Walterspachers aber absolut kein Problem. Statt auf einer Koppel oder im Stall steht das Pferd, um das es geht, direkt in der Wohnung der fünfköpfigen Familie, einen Namen hat es auch nicht.

 

Vor dem Schrott gerettet

Wer die Walterspachers kennt, verbindet den Namen unweigerlich mit dem Kunstturnen und dem Pauschenpferd. Vater Dirk Walterspacher hat unzählige Erfolge auf deutscher Ebene gefeiert, Sohn Luc tritt nun langsam in seine Fußstapfen.

„Es klingt zwar verrückt, aber wir haben wirklich ein Pauschenpferd in der Wohnung stehen“ erklärt der 50-Jährige Dirk Walterspacher mit einem verschmitzten Lächeln. Als sein Heimatverein TV Oberndorf (Baden) das alte Pauschenpferd aus der Turnhalle hatte entsorgen wollen, hat er es einfach auf einen Anhänger gepackt und mit nach Hause genommen, ohne zu wissen, was er damit anfangen wollte.

Das Herz hängt an dem alten Gerät

„Mein Herz hing einfach an dem alten Turngerät, schließlich hat auf diesem auch meine Turnkarriere begonnen“, beginnt der Vollblutturner zu erzählen. „Mein Vater Gerhard hat mir darauf im Alter von sechs Jahren die ersten Übungen beigebracht“, führt er weiter aus und verfällt etwas in die Nostalgie und an die Anfänge seiner eigenen Karriere.

Nachwuchs in großen Fußstapfen

Wie viele Jahre das Pauschenpferd mittlerweile auf dem Buckel hat, kann auch beim TV Oberndorf niemand sagen, „vermutlich ist es mit 50 bis 60 Jahren aber älter als ich selbst“, mutmaßt der Pädagoge. Seit Jahren dreht auch der 15-Jährige Luc seine Kreisflanken nicht nur auf dem Pauschenpferd in der Turnhalle, sondern auch in den eigenen vier Wänden. Gerade in Zeiten von Corona und gesperrten Turnhallen hat das alte Turngerät gute Dienste erwiesen. So hat Luc trotzdem trainieren können und erntet nun auch schon die ersten süßen Früchte des Erfolgs.

Erfolge in dritter Generation

Mit der Mannschaft der KTV Straubenhardt hat er sich im Dezember letzten Jahres schon im ersten Jahr für das Finale der Nachwuchsbundesliga in Neu-Ulm qualifiziert. Für die Riege der Wettkampfgemeinschaft Wilferdingen/Nöttingen ist er trotz seines jungen Alters schon eine große Stütze und startet mit der Remchinger Riege Mitte Februar in der Verbandsliga des Badischen Turner-Bunds. Außerhalb der Ligasaison trägt der Gymnasiast das Trikot seines Heimatvereins TV Huchenfeld. Walterspacher senior ist in allen drei Vereinen als Trainer tätig.

Das Turn-Gen hat Luc Walterspacher auf jeden Fall im Blut. Im Jahr 2023 gewann er mit dem Team des Badischen Turner-Bunds beim Bundespokal der Landesturnverbände gegen Konkurrenz aus ganz Deutschland die Goldmedaille und triumphierte mit dem TV Huchenfeld beim legendären Stauseepokal der TG Schömberg.

Medaillen über Medaillen

Weiteres Edelmetall gewann er im vergangenen Jahr beim Deutschland-Cup Gerätturnen und beim Bayrischen Landesturnfest. Dabei sind die Erfolge bei regionalen Wettkämpfen gar nicht aufgeführt. „So wie mir mein Vater das Kunstturnen beigebracht hat, bringe ich es meinem Junior bei“, erklärt er und hält so die Familien-Tradition aufrecht, trainiert wird dabei bis zu sechsmal pro Woche.

Im Deutschland-Trikot

Die Erfolge von Dirk Walterspacher lassen sich schwer aufzählen. In seiner Karriere hat er viele Jahre in der Bundesligamannschaft der KTV Straubenhardt geturnt und hat mehrere deutsche Meisterschaften errungen. Als einen Höhepunkt seiner Karriere sieht er aber sein Debüt im Deutschland-Trikot beim Gymnastics Masters Team World Cup im letzten Jahr gegen die Länderauswahlen aus Japan, USA und Großbritannien, bei dem er mit dem Team Gold gewann.

„Jede Medaille und jeder Wettkampf hat seine eigene Geschichte, aber das war ein unfassbarer Moment“, führt er sichtlich emotional aus und scheint für kurze Augenblicke die Triumphe in den letzten Jahren als deutscher Seniorenmeister zu vergessen.

Sportler durch und durch

Neben seinem absoluten Hobby Kunstturnen ist Walterspacher generell am Sport interessiert. So ist er immer mal wieder Zuschauer beim TV Waldrennach und TSV Dennach beim Faustball, ist öfters beim HC Neuenbürg beim Handball zu Gast oder auch mal auf einem Fußballplatz zu sehen. Selbstverständlich ist auch, dass Dirk Walterspacher bei der „Nacht der Emotionen“ in der Bertha-Benz-Halle in Pforzheim wieder tatkräftig mit anpackt hat, war er doch einer derjenigen, der mit seinen Anregungen das Event aus der Taufe hob. Zahlreiche Showauftritte in seiner Karriere waren ohne Zweifel Grundlage dafür.

Die Familie zieht mit

Der ganze Trainingsaufwand ist aber ohne familiäre Unterstützung nicht machbar. „Luc und ich sind sehr dankbar, dass uns meine Frau Martina und meine beiden Töchter Sandy und Liz immer unterstützen, wenn es nötig ist“ ergänzt er sehr zufrieden und glücklich.

Ein Barren im Garten ...

Zum Ende des Gesprächs geht der Blick Walterspachers aus dem Fenster in den Garten. „Falls ihr mal eine Story über ein Turngerät im Garten hören wollt, da unten steht ein Barren  …“. Auch diesen hat Walterspacher vor der Verschrottung gerettet, und auch dieser dient in der wärmeren Jahreszeit als Trainingsgerät außerhalb der Sporthalle. Aber das ist eine andere Geschichte.