Nach einem umfangreichen Kultursommer in Unterlengenhardt ist es ruhig geworden um den jungen Verein „Kultur im Dorf“. Nun gibt es aber ein Lebenszeichen. Bei der Mitgliederversammlung gab es einen Ausblick, was 2024 möglich sein könnte.
„Nach Oktober war die Luft raus. Und es war unklar, dürfen wir in der Kulturremise weitermachen“, sagte Michael Wiebelt, Vorstandsvorsitzender, bei der jüngsten Mitgliederversammlung des Vereins „Kultur im Dorf“.
Fünf Kulturwochenenden, sieben Konzerte, zwei Workshops, drei Theater- und Kabarettvorstellungen, drei Feste und drei Kinderprogrammpunkte hat der gerade einmal 14 Monate alte Verein bereits auf die Beine gestellt – und das alles von Mai bis Ende Oktober.
„Dies lag lange im Chaos schlaf“
Chaos Zuvor wurde die Kulturremise auf dem Ulmenhof hergerichtet. „Diese lag lange im Chaosschlaf“, so Inga Läuter, Pächterin des Ulmenhofs und Gründungsmitglied von Kultur im Dorf. In wenigen Wochen wurden die Räumlichkeiten renoviert. Möbel wurden besorgt. Johannes Diller, ebenfalls Urmitglied und Ton- und Lichttechniker im Verein, zimmerte eine Bar aus Palettenholz.
Nach diesem ersten Kraftakt mit einigen Nachtschichten der sieben Gründer sowie einiger Helfer stand das erste Kulturwochenende an – mit Kabarettisten Philipp Weber, Märchenstunde für Kinder und einer Eröffnungsfeier mit DJ-Abend. „Das halbe Dorf und einige Leute von ganz wo anders waren da“, erinnert sich Wiebelt.
„Wir haben gesehen, wie die Kultur stirbt“
Startschuss Der Verein begann mit den Veranstaltungen kurz nach den letzten Ausläufern der Corona-Pandemie. „Wir haben gesehen, wie die Kultur stirbt“, so der Vorsitzende. Doch es sei schön zu sehen, dass es auch anders herum geht, habe der Kabarettist Weber ihm gegenüber gesagt.
Ab Mai wurde jeden Monat ein Kulturwochenende umgesetzt. Das war für die kleine Gründergruppe und ihren Unterstützer eine schöne, aber auch eine sehr kräftezehrende Zeit, berichten sie bei der Mitgliederversammlung. Doch inzwischen, so gibt Wiebelt bekannt, habe der Verein 116 Mitglieder. Er appelliert an die Anwesenden in Zukunft aktiver mit anzupacken.
„Wir müssen einen Weg finden, der sich trägt“
Zukunft Wobei – wo geht die Reise hin? Ein Großteil der Kosten, besonders für Künstlerhonorare, wurde bisher mithilfe des Förderprogramms „FreiRäume“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, finanziert. „Diesen Großposten von circa 40 000 Euro haben wir für 2024 aber nicht, wir müssen einen Weg finden, der sich trägt“, sagt Wiebelt ernst in die Runde.
Zwar sei der Ausgangspunkt gut: Eine Grundausstattung an Mobiliar sowie an Licht- und Ton-Technik konnte schon angeschafft werden, außerdem starte der Verein mit einem kleinen finanziellen Polster ins Jahr. Doch die guten und bekannten, und damit kostenintensiven Künstler – wie Dota, die sonst in großen Konzertsälen zu sehen ist – könne man nicht mehr einladen. „Doch wir wollen nicht an Qualität sparen, es gibt auch gute, nicht so bekannte Künstler“, sagt Wiebelt.
„Wir haben viele Anfragen, auch Bandangebote von Agenturen.“
Ins neue Jahr nimmt der Verein auch die Erfahrungen der letzten Monate mit. Man wisse nun, was gut ankommt und was nicht. An Auswahl mangelt es nicht, ergänzt Läuter: „Wir haben viele Anfragen, auch Bandangebote von Agenturen.“
Umnutzung Relativ einig ist man sich während der Versammlung, dass die Veranstaltungen auch in Zukunft eher in den warmen Monaten stattfinden sollten. In der Remise sei es im Winter zu kalt. Das sei einer der Gründe, dass das Mitgliedertreffen, nicht wie erwartet, dort auf dem Ulmenhof stattfand, sondern in anderen Räumlichkeiten.
Der andere Grund: Bereits vor Monaten wurde für die Kultur-Remise eine Umnutzung für den Verein beim Landratsamt beantragt. Aktuell ist die ehemalige Scheune noch ein landwirtschaftliches Gebäude. Die bisherigen Kulturwochenenden wurden mit Sondergenehmigungen realisiert. Dies sei auch in diesem Jahr möglich, dann aber wieder nur an insgesamt fünf Wochenenden. Bei der Versammlung gab es eine Diskussion, ob der Verein denn überhaupt ortsgebunden veranstalten müsse. Läuter antwortet in die Runde: „Durch die Förderung waren wir letztes Jahr an feste Räume gebunden, jetzt sind wir da aber frei.“ Man darf also gespannt sein, wo im Dorf demnächst Kultur zu sehen ist.
Wie eine Bar in Leipzig, aber die Kuh guckt zum Fenster herein
Kuh und Hip-Hop Wobei, jeder der rund 1000 Gästen, die 2023 in der Remise zu Besuch waren, wird der Aussage zustimmen, dass auch die Location zu einem unvergesslichen Erlebnis beigetragen hat. Oder wie Wiebelt es beschreibt: „Als Das Paradies hier gespielt hat, hatte man das Gefühl, sich in einer Kellerbar in Leipzig oder Berlin zu befinden – und dann guckst du raus, und da stehen die Kühe auf der Weide“. Hinter Das Paradies verbirgt sich übrigens eine Leipziger Ein-Mann-Band, alias Florian Sievers, und erinnere vom Stil an die Band Tocotronic, findet Wiebelt und erklärt: „Wir wollten herbringen, was es hier noch nicht gibt, was junge Erwachsene hier vermissen. Wir wollten Kultur aufs Land bringen.“
Das habe man geschafft. Und auch im kommenden Jahr soll Unterlengenhardt und Umgebung von dem Vereinsziel profitieren. „Wir haben über das Jahr gemerkt – für viele Leute war es das erste Konzerterlebnis.“