Diane Kruger spielt in „Leb wohl, meine Königin“ die aus Österreich stammende französische Königin Marie Antoinette, die 1793 aufs Schafott geführt wurde. Foto: dpa

Sie fühle sich zwar sehr deutsch, doch zu Hause sei sie in Paris, sagt die Schauspielerin Diane Kruger.

Die Schauspielerin Diane Kruger (35) spricht über ihre Rolle als Marie Antoinette in Bénoît Jacquots Film „Leb wohl, meine Königin“, kulturelle Wurzeln, Heidi Klum und ihren Pariser Nachbarn Karl Lagerfeld.

Frau Kruger, Sie spielen oft die glamouröse Ehefrau, einst war es die schöne Helena, diesmal ist es Marie Antoinette am Hof von Versailles. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?
Ich habe mich stark mit der Rolle identifiziert, weil ich oft nach meiner Identität ­suche. Ich komme aus Deutschland, fühle mich sehr deutsch, aber bin schon früh ins Ausland gegangen und lebe seit 17 Jahren im französischen „Exil“. Ist das eine Ver­bindung zur Rolle der Österreicherin in ­Versailles am Vorabend der Französischen Revolution? (Lacht)

Wie bereitet man sich auf eine solche ­historische Rolle vor, um die sich viele ­Legenden ranken?
Zum Glück hat sich der Regisseur Bénoît Jacquot auf die letzten vier Tage Marie Antoinettes in Versailles beschränkt, bevor man sie zur Bastille bringt. Ich habe erst viele Biografien über sie gelesen, etwa die von Stefan Zweig und die Romanvorlage zum Film „Les adieux à la Reine“ von Chantal Thomas. Um diese historische Rolle aus­zufüllen, bin ich ziemlich ins Schwitzen gekommen.

Warum?
Bénoît Jacquot ist ein intellektueller Regisseur, der viel Wert auf die Sprache legt, und ich musste mich an das Altfranzösisch gewöhnen, das damals am französischen Hof gesprochen wurde. Ich kann mich im Alltag zwar fließend auf Französisch ausdrücken, aber ich musste für diesen Film regelrecht Sprachunterricht nehmen.

Welches Bild haben Sie selber von der umstrittenen Figur der Marie Antoinette?
Ich finde sie faszinierend und war auch schon mehrmals in Versailles, aber ich kann nicht sagen, ob sie die mondäne Nichtstuerin oder eben die gewitzte Manipulatorin war. Bei historischen Figuren weiß niemand, wie sie wirklich waren. Und daher muss man sich seine eigene Figur erarbeiten. Natürlich ist Marie Antoinette eine Traumrolle: Sie kam aus Österreich nach Frankreich, wir haben also einen ähnlichen Akzent, und ich habe jetzt das gleiche Alter wie sie, als sie auf der Guillotine starb.

Wollten Sie nach Hollywood-Spektakeln wie „Troja“ oder „Unknown Identity“ wieder in Europa drehen?
Nein, das plane ich nicht. Man sucht sich die Rollen nicht aus, sie kommen eher auf einen zu. Woher sie kommen, ist mir dann relativ egal, aber ich will einmal im Jahr auf Französisch drehen. Das ist mir wichtig. Aber mein Traum ist immer, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Ich will nicht nur als Deutsche, als Französin oder als Amerikanerin gesehen werden, sondern alle Rollen in allen möglichen Filmen spielen können.

Werden Sie in den USA als europäische Schauspielerin wahrgenommen?
Ich habe in Tarantinos „Inglorious Basterds“ eine Deutsche gespielt, aber meine Herkunft ist vielen Amerikanern nicht klar. Viele Zuschauer sagten mir, sie hätten gar nicht gewusst, dass ich Deutsch spreche. Natürlich werde ich in Hollywood als Europäerin gesehen. Und es gibt die Erwartung, sich dem American Way of Life anzupassen. Ich entziehe mich aber dem Zwang, mich ausschließlich in den Staaten zu etablieren. Auf der anderen Seite hat mich Frankreich damals auf der Schauspielschule ganz ohne Vorurteile aufgenommen, als wäre ich eine Französin. Vielleicht hat Romy Schneider da in Frankreich die Vorarbeit geleistet. Viel mehr noch als in den USA fühle ich mich in Frankreich anerkannt und geliebt.

"Vielleicht werde ich auch bald in amerikanischen Filmen mehr Gewicht haben"

Hat man es als Künstlerin leichter, Mentalitätsgrenzen zu überwinden?
Das kann sein. Vielleicht spielt in Frankreich eine Rolle, dass die ganze Filmszene auf die Regisseure ausgerichtet ist und sie ein besonderes Verhältnis zu den Schauspielern entwickeln können. Ich finde es in den USA oft frustrierend, dass die Filmemacher dort meist nur Auftragsregisseure sind und Schauspieler nicht wegen ihrer besonderen Eignung für die Rolle casten, sondern weil sie Kassenerfolge vorzuweisen haben. Dazwischen liegen Welten.

Aber helfen Sie selber nicht durch Ihren Starstatus auch, dass kleinere Filme überhaupt auf die Beine gestellt werden können?
In Europa auf jeden Fall, und das ist auch gut so. Vielleicht werde ich auch bald in amerikanischen Filmen mehr Gewicht haben, weil sie mehr und mehr auf einen Erfolg im europäischen Ausland angewiesen sind. Bis auf zehn Stars in den USA, die in der Oberliga spielen, muss ich mit anderen Schauspielerinnen weiter um die Rollen kämpfen.

Werden Sie in Deutschland anders wahrgenommen als noch vor einigen Jahren?
Da ich nie in Deutschland bin, kann ich schwer sagen, wie ich hier gesehen werde.

Lassen Sie sich jetzt am liebsten gleichzeitig von Deutschen, Franzosen und Amerikanern vereinnahmen?
Vielleicht bin ich so eine Art international vorzeigbare Deutsche geworden. Die Amerikaner glauben beinahe, als Deutsche gäbe es nur Heidi Klum und mich. Ich habe sie einmal kennengelernt, und ich mag sie gern.

Karl Lagerfeld nannte Heidi Klum „Heidi who?“. Welche Beziehung haben Sie zu Kaiser Karl?
Er ist wie mein Adoptivvater, wir sind in ­Paris Nachbarn und sehen uns ständig. Wir reden über alles Mögliche, und er freut sich dann, mit mir Deutsch sprechen zu können. Karl ist unglaublich kultiviert und hat mir bei der Vorbereitung zu Marie Antoinette viel geholfen. Er hat mir tausend Bücher zum Thema geschickt und weiß absolut alles über Versailles. Wir waren auch mal zusammen in Versailles, und er konnte mir dort den Hintergrund jedes Bildes erklären. Ich war unglaublich beeindruckt.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Ich bin Europäerin, aber fühle mich in vielen Sachen sehr deutsch. Ich liebe eine gewisse Disziplin und Pünktlichkeit. Doch ich fühle mich nach wie vor am meisten in Paris zu Hause, weil ich dort mit sechzehn Jahren meine erste eigene Wohnung hatte. Alle meine Freunde leben zwischen Paris und New York. Ich bin gerne in Amerika, aber nach sechs Monaten fehlt mir dort das europäische Leben. Ein schönes Abendessen machen, das Wochenende und die Ferien genießen – diese Sachen haben in Europa einen viel größeren Stellenwert. In Amerika herrscht da eine ganz andere Mentalität.
„Leb wohl, meine Königin“ ist in Stuttgart im Cinemaxx-Kino zu sehen.

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